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„Dämon des Mittelmaßes“

Kaiser Franz Joseph I. lebt nach seinem Tod nicht nur in zahlreichen, meist seichten, kitschigen Filmen weiter, sondern hat auch einen besonderen Status in einigen Hauptwerken der österreichischen Literatur. Zu diesem Schluss kommt der Literaturwissenschaftler Herwig Gottwald von der Universität Salzburg. Mit Karl Kraus nennt er einen Zeitgenossen des Kaisers, der mit Franz Joseph verbunden scheint wie dieser mit dem untergegangenen Habsburger-Reich.

Einen Namen machte sich Kraus als „kritischer Chronist der Habsburger-Eliten“, wie ihn der Historiker Oliver Rathkolb (Universität Wien) einmal nannte, und als solcher hatte Kraus auch vor Franz Joseph keinen Respekt. Der Kaiser, der seine Zeit in unvergleichbar mächtiger Weise prägte, wird bei Kraus zum „Dämon des Mittelmaßes“, einer „Unpersönlichkeit“, woran nicht nur der Historiker Wolfgang Maderthaner vom Österreichischen Staatsarchiv gegenüber ORF.at erinnert.

„Ende einer Welt“

Franz Josephs Tod am 21. November 1916 bedeutete dann das „Ende einer Welt, das schließliche Ende des Hauses Habsburg, das er so lange hinauszuzögern imstande gewesen war“, wie Maderthaner mit Verweis auf Kraus’ Hauptwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ weiter sagt.

Er spricht damit die Franz Joseph immer wieder zugeschriebene Rolle als letztes Bindeglied einer schon lange an Verfallserscheinungen leidenden Monarchie an. Der Tod des „Übervaters“ sei wohl in erster Linie als das Dahinschwinden eines Symbols verstanden worden, bemerkte dazu der Historiker Manfried Rauchensteiner in seinem Standardwerk „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger-Monarchie“.

Suche nach dem Wesen des Kaisers

Ein Punkt, mit dem sich auch Kraus - etwa in dem unten angeführten Gedicht „Franz Joseph“ (Fackel Nr. 551, August 1920) - intensiv befasste. „War die Figur er oder nur das Bild?“, wollte er darin etwa wissen und kam letztlich zum Schluss: „Nie prägte mächtiger in ihre Zeit jemals ihr Bild die Unpersönlichkeit.“

Franz Joseph

Wie war er? War er dumm? War er gescheit?
Wie fühlt’ er? Hat es wirklich ihn gefreut?
War er ein Körper? War er nur ein Kleid?
War eine Seele in dem Staatsgewand?
Formte das Land ihn? Formte er das Land?
Wer, der ihn kannte, hat ihn auch gekannt?
Trug ein Gesicht er oder einen Bart?
Von wannen kam er und von welcher Art?
Blieb nichts ihm, nur das Wesen selbst erspart?
War die Figur er oder nur das Bild?
War er so grausam, wie er altersmild?
Zählt’ er Gefallne wie erlegtes Wild?
Hat er’s erwogen oder frisch gewagt?
Hat er auch sich, nicht nur die Welt geplagt?
Wollt’ er die Handlung oder bloß den Akt?
Wollt’ er den Krieg? Wollt’ eigentlich er nur
Soldaten und von diesen die Montur,
von der den Knopf nur? Hatt’ er eine Spur
von Tod und Liebe und vom Menschenleid?
Nie prägte mächtiger in ihre Zeit
jemals ihr Bild die Unpersönlichkeit.

„Radetzkymarsch“ und „Die Welt von Gestern“

In etlichen Fachbüchern zur Habsburger-Zeit zitiert und von Historikern immer wieder als aufschlussreiche Quelle hervorgehoben nimmt Kraus ohne Frage eine Sonderrolle unter jenen Autoren ein, die sich mit der Zeit Franz Josephs und dessen Rolle auseinandersetzten. Mit der zwischen 1899 und 1936 in unregelmäßigen Abständen herausgegebenen satirischen Zeitschrift „Die Fackel“ war Kraus auch einer der wenigen, wenn nicht der Einzige im deutschsprachigen Raum, der von Anfang bis Ende des Krieges gegen diesen anschrieb - mehr dazu in Allein gegen den „chlorreichen“ Krieg.

Abseits der mit satirisch-polemischer Übertreibung gespickten „Letzten Tage der Menschheit“ hat Franz Joseph laut Gottwald aber auch in anderen Werken „der großen österreichischen Literatur der Ersten Republik, die bis heute weltweit gelesen werden“, einen „besonderen Status“.

In Stefan Zweigs Autobiografie „Die Welt von Gestern“ und Joseph Wittlins „Das Salz der Erde“ sei etwa ein mit Kraus vergleichbares Kaiserbild zu finden. In Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ sei Franz Joseph „indirekt und auf subtil ironische Weise als Anlass der Haupthandlung präsent und fungiert zugleich als Symbolfigur von ‚Kakanien‘, der untergegangenen k. u. k. Monarchie“. Er erwähnt zudem Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und die darin Franz Joseph zugeschriebene Rolle als Inbegriff des „habsburgischen Mythos“.

Finale bei Großausstellungen

Schier unüberschaubar erscheint indes der weitere Bestand an einschlägiger und häufig weit profanerer Literatur rund um Franz Joseph, und diese Liste wird vor allem zu Gedenkjahren immer länger. So sind auch diesmal etliche Neuerscheinungen um neue Einlicke in die Welt des Kaisers bemüht. Wenig verwunderlich setzten auch Ausstellungsmacher heuer auf den von einer Zeitung zum „Megastar“ geadelten Franz Joseph, wobei gleich mehrere Großausstellungen nun bereits Richtung Finale gehen.

Nur noch wenige Tage ist etwa im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (ONB) „Der ewige Kaiser“ zu sehen. Unter diesem Titel findet am 21. November und somit pünktlich zum 100. Todestag noch ein Symposion statt, bei dem österreichische und internationale Experten sich dem Kaiser und dessen Reich, dem „ersten Medienstar der österreichischen Geschichte“, aber auch „aktuellen Lehren“ aus den Ereignissen vor hundert Jahren widmen.

Am 27. November endet dann nicht nur die ONB-Schau - mit „Franz Joseph 2016“ schließt an diesem Tag auch die mit Schloss Schönbrunn, der Kaiserlichen Wagenburg, dem Hofmobiliendepot und Schloss Niederweiden (Niederösterreich) gleich an vier Standorten abgehaltene Gemeinschaftsausstellung der Schloss-Schönbrunn-Verwaltung und des Kunsthistorischen Museums (KHM) ihre Pforten. Noch bis 4. Dezember läuft dann noch eine Sonderausstellung zu Franz Joseph I. im Wiener Belvedere.

Peter Prantner, ORF.at

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