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Einstellen auf „mittelfristige Unsicherheit“

Der Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl hat eine Schockwelle auch durch die Aktienmärkte gehen lassen und sowohl Anleger als auch Ökonomen Mittwochfrüh ratlos und besorgt zurückgelassen. Die große Frage, die nun im Raum steht, ist, was Trump von seinen teils befürchteten Ankündigungen wahr macht. Für EZB-Rat Ewald Nowotny ist der Mittwoch jedenfalls „kein guter Tag für die Weltwirtschaft“.

An den Finanzmärkten habe es bereits eine Reihe negativer Reaktionen gegeben, etwa eine Flucht in „sichere Häfen“ wie den Schweizer Franken, den Euro oder den Yen. Auftrieb erhielten auch Rüstungsindizes. Insgesamt bringe das „massive Unsicherheit“, so der österreichische Notenbankchef.

„Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte“

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet rief dazu auf, Ruhe zu bewahren. Es sei zu früh, um Schlüsse aus der Wahl zu ziehen, sagte Praet am Mittwoch in Brüssel. „Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte“, sagte der oberste Ökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) am Mittwoch in Brüssel. Die Kommunikation zur Geldpolitik werde sich jetzt nicht ändern. Nowotny stellt sich nach eigenen Angaben jedenfalls auf eine „Phase der mittelfristigen Unsicherheit“ ein - ähnlich wie infolge des Votums der Briten für den EU-Austritt („Brexit“).

Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer sagte am Mittwoch, er erwarte zwar, dass sich die Schockwelle, die die Börsen in Asien vorlegten, in den nächsten Tagen in Europa und den USA fortsetzen werde. Die Märkte könnten sich aber wieder schnell in die andere Richtung bewegen, ähnlich wie beim „Brexit“. Die Schockwelle, die die asiatischen Börsen heute um teils über minus fünf Prozent ins Minus rutschen ließ, erklärt sich Bruckbauer mit dem Überraschungseffekt, weil niemand mit einem Sieg von Trump gerechnet habe.

Bruckbauer: Überraschungseffekt trägt auf

Dieser Überraschungseffekt dürfte das Bild wahrscheinlich vorerst auch überzeichnen. „Das Ereignis wurde nicht erwartet und wird auch sehr kritisch gesehen“, so Bruckbauer. Für die wirtschaftliche Entwicklung in den USA und Europa seien eigentlich keine Änderungen zu erwarten, da sich die negativen und positiven Indikatoren aufheben würden. Trumps Steuerpläne könnten starke positive Effekte auf die US-Wirtschaft haben und die negativen Folgen der Unsicherheit aufheben, meint Bruckbauer.

Deshalb werde es 2017 zu keinen dramatischen Änderungen kommen, weder in Europa noch in den USA. Wenn Trump allerdings seine bisher bekannte Agenda umsetze, dann könnte es mittelfristig für das globale Wachstum allerdings schlechter aussehen.

IHS-Chef: TTIP ist tot

Relativ klar ist für Martin Kocher, den Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), dass das umstrittene geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, TTIP, mit der Wahl Trumps „tatsächlich tot“ sei. Ähnlich äußerte sich auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP). „Ich glaube nicht, dass es jetzt noch eine Möglichkeit gibt. Ob man in den nächsten Jahren mit einer neuen Verhandlungsrunde beginnt, wird man sehen“, so Kocher.

Kocher glaubt aber nicht, dass Trump alle seine Drohungen punkto Welthandel wahr machen wird. „Ich glaube, dass bestehende Handelsverträge eingehalten werden. Die amerikanische Wirtschaft profitiert extrem von NAFTA“, der nordamerikanischen Freihandelszone. Unmittelbare Auswirkungen auf Österreichs Wirtschaft sieht der IHS-Chef nur in geringem Maße, und wenn, dann langfristig. Das hänge jedoch vom Verhalten Trumps ab.

Von Steuersenkungen könnte auch Rest profitieren

Auch deutsche Ökonomen machen die Auswirkungen davon abhängig, wie Trump nun mit seinen Wahlversprechen umgeht: „Bleibt Trump bei seiner harten außenwirtschaftlichen Linie, verspricht dies nichts Gutes. Wahrscheinlich muss sich Donald Trump aber den Fakten stellen und zurückrudern. Der Freihandel kann so einfach nicht auf den Kopf gestellt werden, ansonsten wäre die US-Wirtschaft selbst stark gefährdet“, analysiert Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der deutschen VP Bank. Steuersenkungen und eine deutliche Erhöhung der Staatsausgaben würden sich hingegen positiv auf die US-Wirtschaft und die Weltökonomie auswirken.

Pessimistischer zeigt sich Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt: Trump sei ein erklärter Gegner des Freihandels. Unter ihm werde der Welthandel nicht zu seiner alten Dynamik zurückfinden, das werde auch die Exportnation Deutschland spüren. Sein Sieg werde die gegen das Establishment gerichteten Kräfte in vielen EU-Ländern weiter stärken, glaubt Krämer. Was wiederum Regierungen schwäche und Reformen blockiere. Für die Märkte sei vor allem die bevorstehende „monatelange Unsicherheit“, was Trump nun tun werde, eine Herausforderung.

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