Themenüberblick

Arbeitsrealität und „Körper im Film“

Mit neuem Leitungsteam und engagiertem Programm zu gesellschaftspolitischen Themen geht das Wiener Filmfestival This Human World heuer in die neunte Auflage. ORF.at traf die beiden neuen Festivaldirektorinnen Djamila Grandits und Julia Sternthal zum Gespräch.

Zum ersten Mal fand das Festival vor acht Jahren statt, damals zum 60-Jahre-Jubiläum der Deklaration der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Für seine neunte Ausgabe hat ein neues Team unter der Leitung der beiden jungen Frauen Grandits und Sternthal eine Bandbreite von rund 100 Spiel- und Dokumentarfilmen im Kurz- und Langformat programmiert und kuratiert.

Das Medium Film begreifen sie dabei als Mittel, um ein Publikum für gesellschaftspolitische Herausforderungen zu sensibilisieren, so Grandits und Sternthal im Gespräch mit ORF.at. In „assoziativ“ programmierten Schwerpunkten und begleitenden Diskussionsrunden mit den jeweiligen Regisseuren der Filme und Experten zum Thema „wollen wir die Menschen durchaus aus ihrer Komfortzone locken“, sagt Sternthal. Auch so arbeite man daran, das Festival als Kontaktaustausch zwischen den verschiedenen Partner‐NGOs und Kulturschaffenden zu stärken.

Bots der sozialen Technologie

Begleitend zum Film „Alice Cares“, in dem es um einen Carebot, also einen Pflegeroboter geht, sind etwa eine Altenpflegerin, eine Seniorin und ein Technikexperte von der TU Wien geladen. „Uns scheint es essenziell, ideologische Zukunftsvisionen und technologische Entwicklungen im sozialen Kontext zu beleuchten“, so Sternthal und Grandits. „Denn eine Diskussion über Menschenwürde kann von Fortschritt nicht entkoppelt werden.“

Szene aus "Alice Cares"

This Human World

Szene aus „Alice Cares“: „Eine Diskussion über Menschenwürde kann von Fortschritt nicht entkoppelt werden“

Aber auch Eskapismus und politischer Aktivismus sind relevante Themen. So verbindet man in einem Panel für den georgischen Film „When the Earth Seems to Be Light“ über eine Teenagerclique in Tiflis die filmische Dokumentation mit Audioinstallationen des Wiener Vereins Gehörgänge, die an Wiener Orte führen, die für emanzipatorische Kämpfe um Anerkennung, gleiche Rechte und Sichtbarmachung stehen. Wichtiges Thema ist außerdem der global zu beobachtende Rechtsruck. Zum ungarischen Dokumentarfilm „Keep Quiet“ über den Führer der rechtsradikalen Jobbik-Partei wird der marxistische Philosoph G. M. Tamas eine Diskussionsrunde gestalten.

Die Ethik der Dokumentarfilmer

Bespielt werden während der Festivaldauer vom 1. bis 11. Dezember in Wien Gartenbaukino, Filmcasino, Top Kino und Schikaneder sowie die Brunnenpassage, der Stand 129 (Kunst‐ und Kulturraum der Caritas Wien), der Curtain im Werk X Eldorado, der TU Corner und das Metro Kinokulturhaus. Zu den Hauptschienen „Internationaler Wettbewerb“ und „Österreich Wettbewerb“ sind die formal diversen Arbeiten in Programme wie etwa „Working Realities“ über aktuelle globale Arbeitsbedingungen, „Körper im Film“ und „Tracks Movements“ gruppiert.

Film als Mittel der Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung von meist sehr aktuellen gesellschaftspolitischen Ereignissen stand für Sternthal und Grandits bei der Auswahl im Fokus. „Jeder Film ist in gewisser Weise politisch. Das beginnt schon mit der Frage, wie die Protagonisten behandelt werden. Fragen die Filmemacher zum Beispiel im Dokumentarfilm etwa so lange nach, bis sie bekommen, was sie wollen? Wie lange halten sie die Kamera auf ein Gesicht und warum? Aus welcher Perspektive filmt man? Wen zeigt man, aber wen zeigt man nicht? Und: Wie greift man in das Beobachtete ein?“

Viele Einreichungen zum Thema Flucht

Speziell für ihr Festival sehen beide das größere Potenzial bei Dokumentarfilmen: „Hier wird zum einen einfach mehr gemacht, auch weil Dokumentarfilme oft schneller zu realisieren sind, zum anderen aber läuft der Spielfilm viel eher Gefahr, emotional heischend zu sein.“ „Politik im Film beginnt aber auch bei der Kulturpolitik“, so Grandits, „die es ermöglicht, dass Filme gemacht oder eben nicht gemacht werden können. Das Hinterfragen von Normen, Geschlechterfragen, sozialen Missständen wird nicht immer und nicht überall als förderungswürdig angesehen.“ Viele Einreichungen habe es zum Thema Fluchtbewegung gegeben, so Grandits, wobei „es bei vielen nicht speziell um die europäischen Probleme geht, sondern um Fluchtbewegungen auch in vielen anderen Ländern, wie China oder Korea“.

Menschenrechte und deren Verletzungen würden einerseits besser dokumentiert, andererseits oft für Polemiken missbraucht: „Es wird mit zweierlei Maß gemessen“, so Grandits und Sternthal, „systematische Menschenrechtsverletzungen durch Polizei und Militär, der Umgang mit Erinnerung und Verdrängung, mit Trauma und Konflikt und mit verschiedenartigen Grenzüberwindungen sind Themen der ausgewählten Filme, und dabei haben wir versucht, auf eine differenzierte Reflexion zu achten.“

Mit der Möglichkeit zur Partizipation, die heutzutage jeder über Soziale Netzwerke habe, müssten sich die Medienberichterstattung über Politik wie auch die Politik selbst ändern. „Viel zu oft wird an die Dinge extrem undifferenziert herangegangen. Es gibt ganz generell meist wenig Hintergrundrecherche, und den Leuten wird allgemein wenig zugetraut. Alles, was handfest wäre, wird gleich als mühsam, überfordernd oder anstrengend eingestuft – und folglich so auch von einem Publikum empfunden“, so die Kuratorinnen.

Wie Solidarität funktionieren kann

Vor Herausforderung und Konfrontation schreckt das Festivalteam nicht zurück. „Wir setzen uns ein für einen Dialog, in dem man Differenzen runterbricht“, so Grandits. „Miteinander reden anstatt übereinander. Zusammenarbeiten, sich solidarisieren. Das sollten gesellschaftliche und politische Ziele sein.“

Wie Solidarisierung funktionieren kann, zeigt zum Beispiel der spanische Film „Ada For Mayor“ über Ada Colau, eine einstige Hausbesetzerin. Die von ihr ins Leben gerufene Bürgerliste gewann unmittelbar nach dem Wirtschaftscrash und der Immobilienkrise die Stadtratswahlen in Barcelona, Colau wurde zur Bürgermeisterin. An der nicht zuletzt wirtschaftlichen Kraft des Zusammenwirkens zwischen „denen“ und „uns“ halten auch die Experten in Christian Tods neuem Film „Free Lunch Society“ fest, der neben Beiträgen wie Georg Tillers „White Coal“ oder Selma Doboracs „Those Shocking Days“ im „Österreich Wettbewerb“ läuft.

Szene aus "White Coal"

This Human World

„White Coal“ von Georg Tiller läuft im „Österreich Wettbewerb“

Ob das Internet denn von sich selbst träumt, ja möglicherweise mittlerweile gar eigenständige Gefühle entwickelt hat, diesen Fragen geht Regisseur Werner Herzog nach. In seiner eigenwilligen Dokumentation „Lo and Behold – Reveries of the Connected World“ versuchen unter anderem Hirnforscher und Firmenchefs die schier unendlichen Weiten zu erkunden. Existenzialismus garantiert.

Alexandra Zawia, für ORF.at

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