Themenüberblick

Zwischen Lobbys und Lüftungsschacht

Mehr als 100 Filme und Dokumentation im Kurz- wie auch Langbereich, dazu Diskussionen und Vernetzungstreffen: Das Festival This Human World überzeugt in seiner neunten Auflage mit einem breiten thematischen Programm.

Vom letzten öffentlichen Bad in Turin, einem Ort der Geborgenheit für Menschen am Rande der Gesellschaft im Film „Bath People“, über verdeckte Mordermittlungen in Russlands Neonazi-Szene („Credit for Murder“) bis hin zu einer Autobahnraststätte als Katalysator für ein zerfallendes Europa („Highway Rest Stop“) führt das Festival heuer in gedanklich wie gegenständlich unerschlossene Gebiete.

Captain Picard als Visionär

Einen beachtenswerten thematischen Schwerpunkt haben dabei auch Filme zum Thema Arbeitsrealitäten, wie zum Beispiel Christian Tods Dokumentation „Free Lunch Society“ über die Möglichkeiten der Umsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Für die filmische Darstellung dieses kontrovers diskutierten Themas findet der österreichische Filmemacher neue Zugänge.

Captain Jean-Luc Picard funktioniert gleich in der Einstiegsszene als ironischer Visionär längst überfälliger Konzepte: „Wir befinden uns im 24. Jahrhundert“, lässt ihn Tod in einer Szene aus „Star Trek: The Next Generation“ sprechen. „Die Menschheit definiert sich nicht mehr über materielle Bereicherung, und wir haben den Hunger besiegt.“

Der direkte Draht zum Publikum

Die Idee, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle genau diese Vision Realität werden ließe, teilen bis heute nur wenige. Tod ist sich der Kontroverse um das Thema bewusst – und er nimmt mit seinem Film eine klare Position pro Grundeinkommen ein. Dass er in seiner fünfjährigen Recherche und Arbeit an diesem Film aber auch auf viele Gegenpositionen reflektiert hat, ist nicht zuletzt an seiner sachlichen Herangehensweise zu erkennen.

Szene aus "Credit For Murder"

This Human World

Szene aus „Credit for Murder“

Eine wie von einem Computer generierte Stimme führt als Voice-over durch den Film, den Tod formal und stilistisch in einer Mischung aus Zeitchronik, Beobachtung und Unmittelbarkeit an die investigativen Dokumentationen von Errol Morris anlehnt. Durch die Technik des Interrotrons können die Protagonisten durch die Kameralinse mit dem Filmemacher und in dieser Linie direkt zum Publikum sprechen.

Umsetzung einer Utopie

Der Gründer der Drogeriemarktkette Dm, der Schweizer Wirtschaftsaktivist Daniel Häni sowie Investor Warren Buffet und Unternehmer Peter Barnes sind einige der Experten aus den Bereichen Universitätslehre, praktischer Unternehmensforschung, Politik und Alltagswelt, die Tod für seinen Film zum Gespräch bittet. In einer Kleinstadt in Alaska und in einem Dorf in Namibia findet er außerdem das bedingungslose Grundeinkommen real umgesetzt - aber niemanden dort, der deswegen aufhörte zu arbeiten.

Die Machtumverteilung, die daraus resultieren würde, hätten plötzlich alle Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung, scheint das wesentlichste Hindernis in der Umsetzung des Konzepts zu sein. Geld ist Notwendigkeit wie Druckmittel. Doch wären Gesellschaften nicht mehr derart eklatant in wohlhabende Eliten und (ver-)dienende Untergruppen geteilt, würde sich das unweigerlich auch auf das demokratische Selbstverständnis des Einzelnen auswirken: Die etablierten politischen Eliten könnten sich nicht mehr über ihre bisherigen Machtstrategien halten.

Plakat von "I am Sun Mu"

This Human World

„I Am Sun Mu“ - Regimekritik mittels Popart

Menschen wollen sich solidarisieren

Die Selbstbestimmung und die tatsächlich wertschätzende Anerkennung für geleistete Arbeit, die damit einherginge, schlägt thematisch eine Brücke zu einem anderen Film im Programm des Festivals: „Train of Hope, ein Porträt der Menschlichkeit“ von Anna Ixy Noever, ist ein zeitgeschichtliches Dokument der Ereignisse des Sommers 2015, als die Flüchtlingsbewegungen aus Syrien unter anderem in Wien ihren Höhepunkt erreichte.

Hunderte Freiwillige arbeiteten damals rund um die Uhr, um die Geflüchteten zu versorgen, vor allem auch weil die Politik zu jenem Zeitpunkt versagte. Anerkennung haben sie dafür kaum erhalten, weder finanziell noch ideell. Doch Menschen wollen sich solidarisieren, sie wollen nicht die Einzelkämpfer sein, zu dem sie in den herrschenden Arbeitsstrukturen erzogen werden. Tod und Noever arbeiten in ihren Filmen auch das heraus.

Unterwegs mit einem Dissidenten

Von rigiden Strukturen erzählen aber auch andere Beiträge. Zum Beispiel der Film „I Am Sun Mu“ über den ehemaligen nordkoreanischen Propagandakünstler Sun Mu. 1990 floh er aus seiner Heimat in den Süden. Unter einem Pseudonym attackiert er seither mit subversiv-satirischer Popart das repressive Regime Kim Il Sungs. Der Filmemacher und Fotograf Adam Sjöberg begleitet ihn bei der Vorbereitung seiner ersten Soloausstellung in Peking.

Doch das riskante Vorhaben droht an Interventionen Nordkoreas und der chinesischen Regierung zu scheitern. Beklemmend ist es zu sehen, wie das bedeutungsschwere Werk eines couragiert um persönliche und künstlerische Freiheit kämpfenden Malers nur mühsam sichtbar gemacht werden kann.

Manipulativ oder unparteiisch?

Auch mit den Darstellungsmöglichkeiten von Krieg beschäftigen sich einige der Filme. Einen ungewöhnlichen Ansatz findet der französische Installationskünstler Emanuel Licha mit seinem flüssig gefilmten „Hotel Machine“. Darin begibt er sich an jene Orte, an denen Kriege in Narrative, in Metafiktionen verwandelt werden: die Hotels in den Krisengebieten, in denen die Kriegsberichterstatter untergebracht sind.

Zwischen Lobbys und Lüftungsschacht spürt er nicht nur Dialogen nach, sondern vor allem einer Atmosphäre des Reflexionsprozesses. Wo die internationale Presse jene Bilder und Nachrichten produziert, welche die Perspektive Außenstehender auf die Konflikte prägen, werden permanente Entscheidungen gefällt: Manipulativ oder unparteiisch? Unterlassung oder Hintergrundrecherche? Tee oder Kaffee? Licha kreiert ein Prisma der Filterung, das wiederum einen Ausfilterungsprozess bebildert. Die Wahrheit liegt, wie meistens, irgendwo dazwischen.

Alexandra Zawia, für ORF.at

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