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Die Nachbarn der U-Bahn-Schächte

Wenn von Wien als „offener Stadt“ die Rede ist, dann denkt man in erster Linie an „weltoffen“ und an eine Stadt, die „offen für Neues“ ist. Während der Zeit des Kalten Krieges hatte das aber eine ganz andere Bedeutung.

„Offene Stadt“, das hieß: Falls die Truppen des Warschauer Pakts einmarschieren, wird die Stadt kampflos dem Feind überlassen. Die Regierung wird evakuiert, und man versucht außerhalb der Stadt, die Truppen möglichst lange aufzuhalten, ein paar Tage lang zumindest, bis die Verbündeten mit ihren schlagkräftigeren Armeen bereit sind. Aber was wäre mit Wien passiert? Und was im Fall eines Atomkrieges?

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Gang durch den Sühnhaus-Bunker

Eine Schaltzentrale für den Fall, dass der Kalte Krieg ein heißer wird, befand sich unter der Wiener Landespolizeidirektion. Maya McKechneay hat den Bunker für ihren Film „Sühnhaus“ mit der Kamera erforscht.

Zunächst einmal: Es gab in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg jede Menge Bunker mit alten Kohlefilteranlagen gegen Kampfstoffe (Gase). Ebenso gab es viele umgebaute Keller unter den Häusern, die untereinander verbunden waren, damit man auch noch einen Ausgang finden konnte, wenn das eigene Haus eingestürzt und damit der Ausgang verschüttet war. Die Keller im ersten Bezirk waren sogar zum „Schutzraum-Netz Innere Stadt“ ausgebaut worden.

Verfallen oder zubetoniert

Viele Luftschutzräume bzw. Bunker verfallen heute und werden einfach zubetoniert, wenn man auf sie stößt, beklagt der Historiker Marcello La Speranza im Gespräch mit ORF.at. Interessant sei für klassische Stadtarchäologen hauptsächlich, was von den Römern stamme oder zumindest aus dem Mittelalter. Als Bunker weiterbenutzt wurden jedenfalls nur die wenigsten Anlagen, und zwar weil sie eigentlich schon zum Ende des Zweiten Weltkriegs veraltet waren. Die Mauern hätten neueren Bomben nicht standgehalten, die Filteranlagen waren nicht für moderne ABC-Waffen gerüstet.

Eindrücke aus dem Sühnhaus-Bunker

ORF.at/MayaMcKechneay

Der Bunker unter dem Grundstück, auf dem früher das Sühnhaus stand

In Berlin etwa wurden viele der Weltkriegsbunker um- und ausgebaut, in Wien jedoch nicht. Österreich, so La Speranza, sei neutral gewesen und nicht so im Mittelpunkt des politischen Weltgeschehens gestanden. Insgesamt gab es während des Kalten Krieges in ganz Österreich rund 500 Bunker, allerdings waren nur wenige davon Zivilschutzbunker. Hin und wieder stößt La Speranza - er ist Experte für Weltkriegsbunker - auf solche, aber die sind meist völlig verfallen, irgendwo vergessen. Die später, um 1970 errichteten Bunker sind oft versteckt an eine Garage angeschlossen.

Wasser nur dort, wo es nicht sein sollte

Völlig unbrauchbar, wenn wirklich etwas passiert, seien diese Bunker, so La Speranza. Die Kanister ohne Wasser, keine haltbaren Nahrungsmittel finde man dort. Erst unlängst habe er einen solchen Bunker besichtigt, der nach dem Abriss eines Gebäudes von Wasser geflutet war. Schmucklose Pritschen sieht man da - ein beklemmender Ort.

So einen beklemmenden Ort hat auch Maya McKechneay entdeckt. Momentan ist „Sühnhaus“, der neue Film der ORF.at-Journalistin, in den Kinos zu sehen. Es geht darin um jenes Grundstück, auf dem das 1881 bis auf die Grundmauern abgebrannte Ringtheater gestanden war, das danach durch das vom Kaiser persönlich gestiftete Sühnhaus ersetzt wurde und wo seit 1971 das Gebäude der Landespolizeidirektion Wien steht.

Wien erstrahlte nur im dritten Tiefgeschoß

Für das Theater, so McKechneay, hatte man aufgrund der Bühnentechnologie und anderer Erfordernisse eines Theaters weit in die Tiefe graben müssen. Das machte man sich zunutze, heute sind dort zwei Etagen Garage und eine zusätzliche, dritte Kelleretage untergebracht. Vor allem diese dritte Etage erkundete McKechneay. Gerüchteweise - eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht - sollte dort während des Kalten Krieges im Fall eines Angriffs das Innenministerium untergebracht werden.

Heute stehen dort die Server der Landespolizeidirektion und es werden Akten in den Räumlichkeiten gelagert. Aber dass da einmal mehr war, ist nicht zu leugnen. McKechneay hat etwa eine große, hinterleuchtete Karte von Wien fotografiert und gefilmt, dazu ein bis heute regelmäßig gewartetes Filtersystem und einen ebensolchen Brunnen, und noch eine Reihe von Festnetztelefonen. Und sie hat jene Gänge entdeckt, die, versteckt unter den Betonbänken vor dem Gebäude, ins Freie führen.

Und was tun im Notfall?

Bei atomaren, chemischen und biologischen Unfällen und Katastrophen empfiehlt das Rote Kreuz zunächst:
- Radio und Fernseher einschalten
- Anweisungen von Behörden und Einsatzkräften befolgen
- Im Haus bleiben
- Anderen Menschen helfen

Für das weitere Vorgehen siehe die Informationen des Roten Kreuzes

Verborgen unter einer Staubschicht

Auch La Speranza hat sich die Räumlichkeiten dieses wohl 1971 errichteten Katastrophenbunkers näher angesehen. In Betrieb sei er nicht mehr, so der Historiker, eine Staubschicht liege über den Gerätschaften. Und außerdem würden - zumindest auf den ersten Blick - keine Nahrungsmittel dort gelagert. Aber wozu hätte man im Kalten Krieg einen solchen Bunker brauchen sollen, wenn die Stadt ohnehin kampflos überlassen worden wäre?

In Wien gab es (und gibt es noch) für die ganze Regierung einen Bunker, der im Notfall bezogen werden kann - als Überbrückung. Der offizielle Regierungsbunker, durch den bereits Journalisten geführt wurden, befindet sich unter einem Berg im Land Salzburg - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Eindrücke aus dem Sühnhaus-Bunker

ORF.at/MayaMcKechneay

Die Belüftungsanlage des Bunkers unter der Wiener Landespolizeidirektion

In Wien gibt es jedenfalls unter den Häusern einiges zu entdecken. Historiker La Speranza regt zu Erkundungstouren im eigenen Keller an. Oft findet man da noch phosphoreszierende Hinweistafeln und verrostete Luftschutzutensilien aus Kriegszeiten, stille Mahner im Sinne eines „niemals vergessen“.

Simon Hadler, ORF.at

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