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„Tagelang nur Schnee geschaufelt“

Wie ein Drachenkamm ragen die Kalkspitzen der Sextener Dolomiten in den Sommerhimmel. Die Neuner-, Elfer- oder Zwölferspitze sind die „Sonnenuhr“ der Einwohner des hübschen Bergdorfes Sexten. Am Sonnenstand über der schroffen Gebirgskulisse können sie die Uhrzeit ablesen. Zeitzeugen anderer Art sind viele in die steilen Bergwände gehauene Höhlen: Sie stammen aus dem Ersten Weltkrieg.

Erst vor wenigen Jahren zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt, zieht die spektakuläre Gebirgslandschaft schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Touristen aus aller Welt an. Im Ersten Weltkrieg verlief zwischen 1915 und 1918 die Front zwischen Italien und Österreich-Ungarn in den Dolomiten. Vielen Wanderern ist nicht bewusst, dass die vielen Höhlen entlang der steinigen Berg- und Klettersteige zwischen 2.000 und 2.800 Höhenmetern damals Unterstände und sogar Behausungen waren, in denen die Soldaten unter ungeheuren Entbehrungen 1915 bis 1918 die Stellung halten mussten.

Die Gebirgstruppen beider Seiten waren Opfer einer schon damals veralteten Strategie, die Grenze auf den Bergen und nicht im Tal zu verteidigen. Die Terraingewinne auf beiden Seiten waren minimal, manchmal nur wenige Meter. Durch die Explosion eines Waffendepots ging sogar eine ganze Bergkuppe in die Luft.

Lawinen, Steinschlag und Infektionen

Die meisten Soldaten starben nicht durch feindliche Angriffe, sondern durch Lawinen, Steinschlag, Hunger und Infektionskrankheiten wie Grippe und Nierenentzündungen, erzählt die junge Historikerin Sigrid Wistaler auf einer von der Grünen Bildungswerkstatt Tirol organisierten Wanderung durchs erst vor Kurzem aufgebaute Freilichtmuseum des Ersten Weltkrieges unterhalb der Rotwand.

Und sie zitiert aus dem Tagebuch ihres Großvaters, eines Südtiroler Bergbauern, der seinen Dienst an diesem Teilabschnitt der Südwestfront tun musste. „Tagelang nur Schnee geschaufelt. Es ist langweilig“, schrieb er im Frühjahr 1915, kurz nachdem der ehemalige Verbündete Italien Österreich-Ungarn am 23. Mai den Krieg erklärt hatte. Doch die Langeweile sollte ihm bald vergehen.

Zunächst ging es den Soldaten im Hochgebirge noch relativ gut. Sie wurden für vier bis sechs Wochen in die Höhenstellungen geschickt, hatten wenig Feindberührung, genügend Brennmaterial und erhielten eine tägliche Essensration von 4.000 Kalorien. Jedem Soldaten stand ein halbes Kilogramm Zucker, je ein halbes Kilogramm Speck und Käse, Suppen- und zwei Fleischkonserven, Tee und Kaffee, sowie ein Achtelkilogramm Reis und ein halber Liter Spiritus zu.

„Die Läuse sind fast schlimmer als die Italiener“

Mit Fortschreiten des Krieges verschärfte sich die Lage. Die Ressourcen wurden knapp, der Nachschub schwierig. Die Männer erhielten nur noch 2.000 Kalorien, viel zu wenig unter den harten Gebirgsbedingungen. Sie konnten nicht mehr regelmäßig ausgetauscht werden, und die Winterausrüstung war mangelhaft. Genügend Wasser für die rudimentärste Körperhygiene fehlte in dem Kalkgebirge. „Die Läuse sind fast schlimmer als die Italiener“, klagte ein Soldat in seinem Tagebuch. Hunger und Infektionskrankheiten forderten ihren Tribut.

Die italienischen Truppen waren wesentlich besser ausgerüstet. Italien hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg damit begonnen, die militärische Infrastruktur an der Gebirgsgrenze zu Österreich auszubauen, obwohl es damals noch mit Wien und Berlin im sogenannten Dreibund verbündet war. Auch Italiens Elitetruppen, die „Alpini“, waren gut ausgebildet und schlagkräftig. Entsprechende Gebirgskorps besaß die Donaumonarchie nicht. Viele der Soldaten hatten überhaupt keine Gebirgserfahrung. Sie kamen teils aus dem Deutschen Reich, teils aus dem tschechischen Kronland oder Galizien (heutige Ukraine). Auf der italienischen Seite stellten sich Versorgungsprobleme erst ab Dezember 1916 ein.

Kriegsgefangene schleppten Kanonen

Ganz von der Außenwelt abgeschnitten waren die österreichischen Soldaten im Hochgebirge nicht. Im Laufe der Kriegsjahre wurden Materialseilbahnen gebaut und Telefonleitungen von den Tälern bis hinauf in die Stellungen gelegt. Noch heute kann man an der einen oder anderen Tanne große Haken entdecken, über die die Leitungen zu den Kommandostellen im Tal gelegt wurden.

Unterhalb der Sentinellascharte, die nur vier Männer ständig bewachen mussten, wurden Lauf- und Schützengräben aus Stein aufgeschichtet. Noch heute kann man durch dieses Steinlabyrinth gehen, in das der Feind von den umliegenden Gipfeln aus keine Einsicht hatte. 1916 errichteten die Truppen dann Baracken als Unterkünfte, denn die Felskavernen waren feucht und eiskalt im Winter. Neben Geschützen schleppten hauptsächlich russische Kriegsgefangene sogar eine schwere Kanone die steilen Schneehänge hinauf.

Freilichtmuseum über Ersten Weltkrieg

Der Verein „bellum aquilorum“ (Adlerkrieg) in Sexten hat sich zum Ziel gesetzt, den harten Überlebenskampf der Soldaten, deren größter Feind die Natur war, dem Vergessen zu entreißen. Die Freiwilligen aus Sexten haben mit viel Engagement ein Freilichtmuseum über den Ersten Weltkrieg mit vielen erklärenden Stellwänden auf den Rotwandwiesen eingerichtet. In einigen Kavernen werden die Holzwände und Stockbetten wiederhergerichtet, Reste der kriegswichtigen Materialseilbahnen wiederhergestellt und die Schützen- und Laufgräben unter der Sentinellascharte geflickt.

Im November 1917 zogen die Truppen aus den Sextener Dolomiten ab. Vorangegangen war die für Italien verlustreiche Schlacht von Karfreit, bei der mit Hilfe deutscher Truppen über zweihunderttausend italienische Kriegsgefangene am Isonzo gemacht wurden. Aber auch erste Zersetzungserscheinungen in der Doppelmonarchie machten sich spürbar. „Die Tschechen, diese Saubande, hauen einfach ab und lassen uns allein zurück,“ regte sich ein einheimischer Soldat in seinem Tagebuch auf.

Den Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie 1918 bekamen auch die Talschaften in den Sextener Dolomiten zu spüren. Die Dörfer waren 1915 teilweise evakuiert worden. Heimkehrende Soldaten plünderten die Ortschaften. Nach dem Friedensvertrag von Saint-Germain am 10. September 1919 fand sich ganz Südtirol unter italienischer Herrschaft wieder. Ein neues Kapitel hatte begonnen.

Denise Cles/APA

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