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„2017 startet mit einem Angriff in Istanbul“

Nach einem blutigen Jahr 2016 ist die Türkei in der Neujahrsnacht erneut von einem schweren Anschlag erschüttert worden. Bei einem Angriff auf einen Nachtclub in Istanbul sind nach Angaben des türkischen Innenministers Süleyman Soylu am frühen Sonntagmorgen mindestens 39 Menschen getötet worden.

Bisher seien 21 Leichen identifiziert worden, sagte Soylu. Fünf der Toten seien türkische Staatsbürger, auch mindestens 15 Ausländer seien getötet worden. 69 Verletzte würden in Krankenhäusern behandelt. Der Angreifer werde per Großfahndung gesucht. Laut Außenministerium gibt es „noch keine Hinweise, dass Österreicher unter den Opfern sind“.

„Was heute passiert ist, war ein Terroranschlag“, sagte zuvor der Gouverneur von Istanbul, Vasip Sahin, demzufolge es sich um die Tat einer Einzelperson gehandelt habe. Laut Sahin erschoss dieser bei dem um 1.15 Uhr Ortszeit (23.15 MEZ) begonnenen Angriff beim Eingang des Nachtclubs Reina zunächst einen Polizisten und eine weitere Person, bevor er im Gebäude das Feuer auf die dort stattfindende Silvesterfeier eröffnete.

Einsatzfahrzeug nach Angriff in Istanbul

Reuters/Ihlas News Agency/Ismail Coskun

Der Tatort wurde von Einsatzkräften abgeriegelt

Nachrichtensperre verhängt

Türkische Medien berichteten in ersten Meldungen zunächst von zwei Angreifern. Diese seien laut der Nachrichtenagentur DHA als Weihnachtsmänner verkleidet mit automatischen Waffen in den Nachtclub eingedrungen. Von mit Weihnachtskostümen verkleideten Angreifern berichtete zunächst auch CNN Turk. Später war etwa bei der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu nur noch von einem Bewaffneten die Rede. Ob der Angreifer noch lebt oder nicht, sei laut NTV wie die Hintergründe der Tat noch unklar. In der Türkei wurde vorerst eine Nachrichtensperre verhängt.

Laut dem türkischen Justizminister Bekir Bozdag handelt es sich um einen „hinterhältigen und verräterischen Terroranschlag gegen unsere Türkei, unseren Frieden, unsere Einheit, unsere Brüderlichkeit und gegen uns alle“. Der Kampf gegen den Terror werde „entschlossen“ weitergeführt.

Bis zu 800 Menschen anwesend

Der Nachtclub Reina im Viertel Ortaköy zählt zu den vornehmsten Adressen Istanbuls und ist bei der Oberschicht der türkischen Metropole sehr beliebt. Er liegt direkt am Ufer des Bosporus im Norden der Istanbuler Innenstadt, auf der europäischen Seite der Metropole. Nur wenige hundert Meter weiter hatten die offiziellen Silvesterfeierlichkeiten der Stadt stattgefunden.

Polizisten riegelten den Tatort ab. Auf TV-Bildern waren Partygäste zu sehen, Männer in Anzügen und Frauen in Cocktailkleidern, die im Schockzustand den Nachtclub verließen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA feierten zum Zeitpunkt des Angriffs 700 bis 800 Menschen in dem Club Silvester. Laut dem Nachrichtensender NTV sprangen mehrere Menschen in Panik in den Bosporus, um sich in Sicherheit zu bringen.

Aus Angst vor möglichen Anschlägen waren in der Silvesternacht Medienberichten zufolge 17.000 Polizisten in Istanbul im Einsatz. An der zentralen Ausgehmeile Istiklal Caddesi kontrollierten Sicherheitskräfte die Zugänge und durchsuchten Taschen.

„Gräueltat an unschuldigen Partygästen“

Die USA verurteilten „den entsetzlichen Terroranschlag“ in Istanbul „auf das Schärfste“, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Ned Price, in der Nacht auf Sonntag in Washington. „Dass eine derartige Gräueltat an unschuldigen Partygästen verübt werden konnte, von denen viele Silvester feierten, unterstreicht die Grausamkeit der Angreifer.“

„2017 startet mit einem Angriff in Istanbul. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir arbeiten weiter daran, solche Tragödien zu verhindern“, schrieb die EU-Außenbeauftragte Frederica Mogherini über den Kurzbotschaftendienst Twitter.

Der designierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen verurteilte den Anschlag ebenfalls. „Eine verabscheuenswerte Tat“, schrieb er Sonntagfrüh im Kurznachrichtendienst Twitter. Sein „Mitgefühl ist bei den Opfern und ihren Angehörigen“. „Wir sind tief bestürzt und trauern mit den Menschen in #Istanbul“, schrieb das deutsche Außenministerium in einer Reaktion ebenfalls via Twitter.

Serie von Anschlägen

Die Türkei wird seit mehr als einem Jahr immer wieder von Anschlägen erschüttert, für die militante Kurden und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich gemacht werden. Für einige Angriffe wurde von türkischer Regierungsseite auch die Bewegung von Fethullah Gülen verantwortlich gemacht, einem Rivalen von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Gülen hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Am 19. Dezember wurde der russische Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow, von einem türkischen Polizisten erschossen. Zwei Tage vorher wurden bei einem Anschlag 14 Soldaten getötet und 56 weitere Menschen verletzt. Zu dem Anschlag bekannten sich die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine radikale Splittergruppe der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Am 10. Dezember wurden bei einem Doppelanschlag auf Polizisten nach einem Spiel des Fußballvereins Besiktas Istanbul 44 Menschen getötet. Auch zu dieser Tat bekannten sich die Freiheitsfalken.

Im Juni wurden bei einem Selbstmordattentat im Istanbuler Atatürk-Flughafen 47 Menschen getötet, im August riss ein Selbstmordattentäter bei einer kurdischen Hochzeitsfeier in Gaziantep fast 60 Menschen mit in den Tod.

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