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Investoren holen Landsleute

An Kälte und Schnee hat es in diesem Winter in Österreich nicht gemangelt. Entsprechend positiv fallen die Zwischenbilanzen vieler heimischer Skigebiete aus. Ohne Zweifel: Schneesicherheit ist eine der Grundlagen, dass Gäste - auch aus dem Ausland - wiederkommen. Dass manche Orte sich aber gerade bei bestimmten Nationen ganz besonderer Beliebtheit erfreuen, hat mit mehr als mit nur Schnee zu tun.

Wer an Skiurlauber in Österreich denkt, dem kommen als Erstes kaum Gäste aus Polen in den Sinn. Zwar ist das Land - gemessen an den Urlauberzahlen - seit einem Jahr sogar unter den Top-Ten-Herkunftsländern im österreichischen Tourismus. Verglichen mit Deutschland oder auch den Niederlanden, fallen die polnischen Gäste mengenmäßig aber kaum ins Gewicht. Es sei denn, man schaut zum Beispiel nach Flattach in Kärnten. In der Gemeinde am Mölltaler Gletscher zeichnen polnische Urlauber für fast ein Fünftel aller Übernachtungen verantwortlich.

Auch 80 Kilometer südöstlich, auf der Kärntner Gerlitzen, gehören polnische Urlauber - wenn es nach den Übernachtungszahlen geht - fix zu Wintersaison. Bei der Kärnten Werbung, der Tourismusorganisation des Bundeslandes, hat man dafür eine einfache Erklärung: Auf der Gerlitzen betreiben polnische Unternehmer Hotels und bewerben diese in ihrer Heimat, sagt Elke Maidic von der Kärnten Werbung. Das lasse sich auch bei anderen Hotels mit Besitzern aus dem Ausland beobachten.

Wo Ungarn und Österreich wieder vereint sind

An die zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt von der ungarisch-österreichischen Grenze in das niederösterreichische Skigebiet Lackenhof. Das geht sich zwar auch noch für einen Tagesausflug aus. Viele Ungarn verbringen aber gleich mehrere Tage am Fuß des Ötschers. Fast 40 Prozent aller Übernachtungsgäste in der Gemeinde Gaming, zu der Lackenhof gehört, kamen in der vergangenen Wintersaison aus Ungarn.

Schneebedeckter Ötscher

Niederösterreich-Werbung/Michael Liebert

Die Niederösterreicher nennen ihn „Vaterberg“. Für die Ungarn ist der Ötscher eines der nähesten Skigebiete in Österreich.

Viele der Hotels im Ort haben bereits seit Jahren ungarische Eigentümer. Zweisprachige Speisekarten gehören in Lackenhof mittlerweile ebenso zum Standard wie ungarischsprachige Skilehrer. Ganz ähnlich stellt sich die Lage im steirischen Murtal dar. Mehrere Hotels mit ein paar hundert Betten haben ungarische Investoren im Murtal seit Mitte der 2000er Jahre übernommen oder gebaut. In Sankt Georgen am Kreischberg, stellen die ungarischen Urlauber sogar fast die Hälfte aller Übernachtungsgäste.

Werbung für Österreich im Ausland

Es sei durchaus üblich, dass man sich auf Gästegruppen spezialisiert, sagt Ulrike Rauch-Keschmann von der Österreich Werbung. „Ausländische Gäste wissen es zum Beispiel zu schätzen, wenn sie in der eigenen Sprache willkommen geheißen werden.“ Doch die wenigsten Orte würden nur auf ein Herkunftsland setzen. „Der Tourismus in Österreich fährt seit Jahren eine Internationalisierungsstrategie.“

Dazu gehört auch die Arbeit der Österreich Werbung. Die vom Wirtschaftsministerium und der Wirtschaftskammer getragene nationale Tourismusorganisation hat vor allem eine Aufgabe: die Vermarktung des österreichischen Tourismus im Ausland. „Wir haben zurzeit 30 Märkte, die wir bearbeiten“, so Rausch-Keschmann. Im Großteil der Länder betreibt die Österreich Werbung eigene Büros.

Vom Skiurlauber zum Investor

Im Murtal geht die Erklärung für den Erfolg beim östlichen Nachbarn aber ein Stück über die Werbung an Ort und Stelle hinaus. Zwar richteten die obersteirischen Skiregionen bereits kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihr Augenmerk auf den ungarischen Markt. Die großen Früchte trug dieses Engagement aber erst Jahre später. Viele der jetzigen Hoteliers und Investoren seien als Kinder und Jugendliche selbst zu Gast im Murtal gewesen, heißt es in der Region. Jetzt bringen sie ihre Landsleute im großen Stil in die Obersteiermark.

In der Werbewirtschaft spricht man in solchen Fällen gerne von Multiplikatoren und meint damit Personen, welche die Verbreitung von Wertvorstellungen, Meinungen oder Kenntnissen in einer Gruppe vorantreiben. Und wenn es darum geht, Urlaubsorte einer ganzen Nation bekannt zu machen, scheint es manchmal tatsächlich nur an Einzelnen zu liegen.

Zuerst die Liebe, dann die Landsleute

Rund 160.000 Nächte verbrachten dänische Urlauber in der vergangenen Wintersaison in Wagrain. 3.000 Einwohner hat das Dorf im Pongau. Und ist dennoch die beliebteste dänische Urlaubsdestination in Österreich. Zum Vergleich: Wien kam im gesamten Jahr 2015 auf rund 71.000 Übernachtungen von dänischen Gästen.

Kind auf einer Piste in Wagrain

Bergbahnen AG Wagrain

Dänischsprachige Skilehrer sind in Wagrains Skischulen Standard

Ob das so auch ohne Lis Hansen passiert wäre? Anfang der 1970er Jahre kam die Dänin als Reiseleiterin nach Wagrain. Die damals 24-Jährige verliebte sich in den Skilehrer Rudolf Huber, aus der Romanze wurde eine Ehe und diese zur Grundlage für eine gemeinsame Skischule mit Skiverleih - in der nicht nur die Chefin Dänisch verstand, sondern bald auch dänische Skilehrer arbeiteten. Aus anfänglich ein paar Dutzend dänischen Gästen pro Jahr in Wagrain wurden Tausende. Trotz der mehr als 1.000 Kilometer reisen viele von ihnen auch heute noch mit dem eigenen Auto an - oder dem Reisebus.

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Ein Sonderzug für Skifahrer

Ihre Vorliebe für die Anreise über den Landweg teilen die Dänen mit Gästen aus den Niederlanden und Belgien. Urlauber aus den beiden Ländern konnten bis zu dieser Saison sogar mit einem eigenen Zug nach Österreich reisen. Der Treski warb damit, Niederländer und Belgier „direkt in Österreichs Skiressorts“ zu bringen. Per Liege- oder Schlafwagen ging es über Nacht von der Nordsee bis nach Kufstein und von dort weiter in Tirols und Salzburgs Skigebiete.

Belgische Ferienlager seit 50 Jahren

Die Niederländer sind nach den Deutschen seit Jahren die zweitgrößte Urlaubergruppe in Österreich. Belgier trifft man dagegen weit seltener an. Eine Ausnahme ist das Tiroler Lechtal. In manchen der Lechtaler Gemeinden, wie Stanzach, zeichnen belgische Gäste sogar für die meisten Übernachtungen verantwortlich. Auch dafür ist vor allem ein Einzelner verantwortlich.

Die vielen belgischen Urlauber „schickt uns die Reiseagentur Jeka“, heißt es etwa im Gemeindeamt der Lechtaler Ortschaft Bach. Anfang der 1950er Jahre kam der Belgier Alfons Borginon als Leiter einer katholischen Jugendgruppe ins Lechtal. Was als kleines kirchliches Ferienlager in Tirol begann, wurde über die Jahre zu einer internationalen Organisation. In Belgien ist Jeka einer der größten Anbieter für Jugendreisen und organisiert jedes Jahr für Tausende junge Belgier einen Urlaub im Lechtal.

Bad Gasteins „Schwedenhotels“

Dass ein Reiseveranstalter einen ganzen Ort prägen kann, weiß man auch im Salzburger Bad Gastein. Wenngleich die Dimensionen dort ganz andere sind. In den 1980er Jahren war im Pongauer Kurort vom Glamour der vergangenen Tage nur noch wenig zu spüren. Zwar zog das klassische Kurangebot immer noch Gäste an, doch der Ort verlor ein bisschen den Anschluss an die Entwicklungen im Tourismus. Vielen der noch aus der Monarchie stammenden Hotelbetriebe fehlte das Geld für nötige Erneuerungen.

Bad Gastein

Fotolia/milda79

Bad Gastein: Vom verschlafenen Kurort zum schwedischen Aktiv-Urlaub-Ziel

Dann kamen die Schweden, genauer gesagt Lars-Olof Magnusson. Der skandinavische Unternehmer begann Mitte der 1980er Jahre mit der Renovierung einer Pension im Ort. In der Folge brachte seine Reisebürokette STS-Alpresor von Jahr zu Jahr mehr Gäste in den Pongauer Ort und kümmerte sich auch gleich um die Unterbringung. Heute gehören Magnussons Betriebsgesellschaft Janus in Bad Gastein sechs Hotels und ein Apartmenthaus. Insgesamt macht das 640 Betten und 120.000 Übernachtungen im Jahr. Fast alle Gäste kommen aus Skandinavien und von ihnen wiederum der Großteil aus Schweden. Die Bad Gasteiner sprechen von den Häusern auch als „Schwedenhotels“.

„Enge Zusammenarbeit“

Vonseiten des Tourismusverbandes werden Magnusson für seine wirtschaftlichen Unternehmungen Rosen gestreut. Von einer „konsequenten jahrelangen Arbeit einiger weniger am schwedischen Markt“, spricht Franz Naturner. Der Gastein-Tourismus-Geschäftsführer lobt die „enge Zusammenarbeit“ der schwedischen Investoren mit dem Ort und den Bergbahnen. „Ich glaube, sie haben jeden Euro, den sie eingenommen haben, wieder reinvestiert“, sagt Naturner.

Das Lob für den schwedischen Unternehmer hat vielleicht auch damit zu tun, dass ein anderer Investor sich nicht ganz wie erwartet verhielt. Magnussons Hotelkomplexe stehen alle am Rande von Bad Gastein. Im Zentrum hingegen hat sich seit den 1980er Jahren wenig bis gar nichts getan. Viele Häuser sind verlassen, Geschäftslokale leer. Das sollte sich um die Jahrtausendwende ändern. Damals kaufte der Wiener Immobilienmagnat Franz Duval gleich eine Reihe von Häusern im Stadtzentrum und versprach Großprojekte, Renovierungen, kurz eine neue Blüte für Gastein. Passiert ist bisher nichts - mittlerweile streitet sich der Ort mit Duvals Sohn über die ausgebliebenen Investitionen.

Urlauberkind bringt urbane Elite

Die schwedischen Urlauber ließen sich vom Verfall im Ortskern jedenfalls nicht abhalten. Und womöglich ist es nun sogar ein weiteres Urlauberkind, der den Ort zu mehr macht als einem skandinavischen Pauschalurlaubsmekka. Seit 2009 führt der Deutsche Olaf Krohne in Bad Gastein das Hotel Regina. Bereits als Kind kam er mit seinen Eltern jedes Jahr nach Bad Gastein auf Urlaub, 2003 zog er schließlich in den Pongauer Ort.

Mittlerweile gehört er neben dem Hotelierehepaar Ikrath zu denjenigen, die versuchen, Bad Gastein für eine urbane Elite attraktiv zu machen - offensichtlich mit Erfolg. Von einem neuen Szeneort in den Alpen ist bereits die Rede. Die deutsche „Welt“ schrieb erst unlängst von einem „Sehnsuchtsort der urbanen Elite“. Die schwedischen Urlauber scheint das nicht zu stören. Über eines kann sich das Haeggeblooms, die schwedischen Partybar in Bad Gastein, auch in diesem Jahr nicht beschweren: Gästemangel.

Martin Steinmüller, ORF.at

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