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Unruhen reißen nicht ab

Im andauernden Protest gegen Polizeigewalt in Frankreich haben Demonstranten Gymnasien in der Hauptstadt Paris blockiert. 16 Schulen waren am Donnerstag laut dem Rektorat vollständig, weitere zwölf teilweise verbarrikadiert.

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Vor den Schulen sammelten sich Gruppen, die Anwesende daran hindern sollten, die Gebäude zu betreten oder zu verlassen. Laut der Zeitung „Le Monde“ soll die Lage in mehreren Schulen „angespannt“ gewesen sein. Bereits am Mittwoch waren neun Schüler nach Demonstrationen gegen die Polizei in Gewahrsam genommen worden.

„Rache für Theo“

Auf dem Platz der Nation im Osten der Stadt versammelten sich nach Angaben der Polizei rund 1.000 größtenteils Jugendliche zu einer nicht angemeldeten Demonstration. Einige Teilnehmer trugen ein Spruchband mit der Forderung „Rache für Theo“, wie auf einem vom Sender France Info veröffentlichten Foto zu sehen war. Teils Vermummte beschädigten dabei Autos und Geldautomaten und warfen Steine auf die Polizei. Die Polizei setzte Tränengas ein, es gab zudem mindestens 26 Festnahmen.

In einer seit drei Wochen andauernden Serie von Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten ist das der jüngste Protest. Anlass war die umstrittene Festnahme eines 22-jährigen Schwarzen vor drei Wochen im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois.

Ermittlungen gegen vier Polizisten

Ermittelt wird gegen vier Polizisten. Ein Beamter wird verdächtigt, den jungen Mann im Zuge einer Personenkontrolle mit einem Schlagstock vergewaltigt zu haben. Das Opfer musste sich einer Notoperation unterziehen und wurde zwei Monate krankgeschrieben. Der hauptverdächtige Polizist bestreitet die Tat nicht, weist aber den Vorwurf der Vergewaltigung zurück. Die Verletzungen habe er dem Opfer „unabsichtlich“ zugefügt, sagt sein Anwalt.

Vor dem Hintergrund dieses Falls gab es in den vergangenen Wochen in Frankreich immer wieder Proteste gegen Polizeigewalt, bei denen es auch zu Ausschreitungen, angezündeten Autos und Tränengaseinsätzen kam.

Fast jede Nacht Unruhen

Diese erreichten vor einer Woche auch die Innenstadt, als sich in einem Viertel nahe dem Montmartre vermummte Demonstranten und Polizisten gewaltsame Auseinandersetzungen lieferten. Einige der rund 400 Teilnehmer der Kundgebung warfen Brandsätze und Flaschen, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

Die Teilnehmer riefen „Die Polizei ist rassistisch“ und hielten Spruchbänder mit Aufschriften wie „Gegen Polizeigewalt“ hoch. Zudem setzten sie Mistkübel in Brand. Nach Polizeiangaben gehörten viele der Demonstranten zu antifaschistischen und anarchistischen Gruppen.

Vorwürfe auf beiden Seiten

Auch in anderen französischen Städten, darunter Rouen, Montpellier, Dijon, Nantes, Rennes oder Toulouse, gab es mehr oder weniger gewaltsame Ausschreitungen. Zu besonders dramatischen Szenen kam es im Pariser Vorort Bobigny, wo ein Demonstrant ein kleines Mädchen aus einem brennenden Wagen rettete.

Organisationen wie SOS Racisme beklagen einen tief verwurzelten Rassismus bei der Polizei. Sie drangsaliere gezielt Schwarze und arabisch aussehende Männer, so die NGO. Einen eklatanten Mangel an Respekt beklagen aber auch die Polizisten. Auch sie sehen sich als Opfer von Gewalt. Erst im Herbst gab es wochenlange Proteste, nachdem drei Polizisten durch einen Molotowcocktail in einem Vorort schwer verletzt worden waren.

Gewalt auch Thema im Wahlkampf

Die Gewalt in Vorstädten und die Anti-Polizei-Proteste sind auch Thema im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen fordert, Demonstrationen gegen die Polizei zu verbieten. Die Chefin der rechtsextremen Front National (FN) gilt als Favoritin für den ersten Wahlgang im April. Umfragen sehen derzeit jedoch den unabhängigen Bewerber Emmanuel Macron als Sieger der entscheidenden Runde im Mai.

Der französische Staatschef Francois Hollande verurteilte die gewalttätigen Ausschreitungen in den Vororten. „Es gilt in Frankreich das Prinzip der Demonstrationsfreiheit, es gibt jedoch keine Erlaubnis zu zerstören“, sagte Hollande in Aubervilliers bei Paris. Hollande hatte sich persönlich in den Fall eingeschaltet und den verletzten jungen Mann in einem Krankenhaus in Aulnay-sous-Bois bei Paris besucht.

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