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Viele Theorien, keine Beweise

Seit viereinhalb Jahren ist das Rätsel um den Vierfachmord in den französischen Alpen ungelöst. Damals wurden nahe der Kleinstadt Annecy ein irakischstämmiges Ehepaar aus Großbritannien, die Mutter der Ehefrau und ein Radfahrer auf einem Parkplatz getötet. Die beiden kleinen Töchter des Paares überlebten wie durch ein Wunder. Viele Theorien kursierten, der Fall wird aber wohl nie gelöst werden.

Mit Kopfschüssen waren der aus dem Irak stammende Brite Saad al-Hilli, seine Frau Iqbal, deren Mutter und der vorbeikommende französischer Radfahrer Sylvain Mollier am 5. September 2012 auf einem Waldparkplatz bei Annecy gezielt erschossen worden. Die beiden kleinen Töchter der Al-Hillis überlebten die Bluttat.

Die in London ansässigen Al-Hillis machten in der Region Urlaub. Vater Saad arbeitete als Ingenieur im sensiblen Luft- und Raumfahrtsektor, der französische Radfahrer für eine Nuklearfirma in Frankreich. Gefunden wurden die Leichen von einem britischen Ex-Soldaten, der in der Gegend mit seinem Fahrrad unterwegs war.

Verdacht auf Familienstreit

Seit dem Tag der Morde haben die Ermittler die verschiedensten Spuren verfolgt. Zunächst sah es so aus, als handle es sich bei der Tat um einen Erbstreit zwischen Saad und seinem Bruder. Dieser wurde zwischenzeitlich sogar festgenommen, am Ende waren „keine schwerwiegenden Belastungsmomente“ zu finden. Auch der berufliche Hintergrund Saads beschäftigte die Ermittler, er war in der Luft- und Raumfahrtbranche tätig, ein kurzzeitig vermuteter Zusammenhang mit möglicher Industriespionage wurde allerdings verworfen.

Zahllose Spekulationen

In der Presse kamen zahllose Spekulationen auf, die von Geldwäsche für den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein bis zu einer Unterstützung des Iran durch das 50-jährige Mordopfer reichten. Die Theorie, dass der Radfahrer, der für eine Nuklearfirma in Frankreich arbeitete, das eigentliche Ziel des Angriffs war, wurde von den Ermittlern verworfen. Er sei nur „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen, hieß es.

Auch andere Spekulationen machten die Runde: Touristenhass könnte das Motiv sein, wurde etwa gemutmaßt. Auch Verbindungen zu einem weiteren mysteriösen Mord an einem Touristen und zu einem Dreifachmord im Jänner durch einen Mann mit psychischen Problemen im kleinen Dorf Daillon im Schweizer Kanton Wallis wurden ohne Erfolg überprüft.

Geheime Ehe der Frau

2014 fanden die französischen Ermittler heraus, dass die getötete Ehefrau Iqbal al-Hilli einen geheimen Ex-Ehemann in den USA hatte, den um 13 Jahre älteren James T. Beide heirateten offenbar heimlich und hatten eine gemeinsame Beziehung zwischen Februar 1999 und Dezember 2000, wie bekanntwurde. Ihrer Familie und ihrem Ehemann Saad, den sie 2002 heiratete, hatte Iqbal offenbar nie etwas von dieser Ehe erzählt.

Stutzig machte die Ermittler, dass T. auf mysteriöse Weise in der Kleinstadt Natchez im US-Bundesstaat Mississippi das ausgerechnet an dem Tag starb, an dem die Al-Hillis in Annecy erschossen wurden. Als offizielle Todesursache wurde Herzversagen angegeben.

Profi am Werk

Einigermaßen sicher waren sich die Behörden von Beginn der Ermittlungen an, dass ein Profi am Werk war. Vor allem in französischen Medien wurde immer wieder von einem engagierten Berufskiller gesprochen. Dafür spricht, dass drei der Opfer mit jeweils zwei Kopfschüssen getötet wurden. Doch wurde die Tat mit einer sehr alten Waffe verübt, einer Luger P06, wie sie die Schweizer Armee und Polizei in den 1920er und 1930er Jahren verwendete. Für einen Profikiller sei das nicht unbedingt eine gängige Waffe, gaben Experten stets zu bedenken.

Fremdenlegionär als Verdächtiger

Die vorläufig jüngste These passt damit zusammen - und rückte dann doch wieder den Radfahrer Mollier in den Fokus. Patrice Menegaldo, ein ehemaliger Fremdenlegionär, wurde im Zuge der Ermittlungen als Zeuge befragt. Er galt zunächst als Bekannter der Partnerin Molliers. Im Vorjahr wurde dann bekannt, dass er sieben Jahre eine Beziehung mit der Schwester des Radfahrers hatte. Sein Motiv blieb aber unklar. Er selbst kann sich nicht mehr dazu äußern, er beging 2014 Suizid. Die Ermittler haben den Akt mittlerweile geschlossen.

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