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Zwischen Demografie und Überraschung

Jahrelang hat sich der Aufstieg der Front National in Frankreich nicht im politischen System niedergeschlagen. Die Rechtsaußenpartei wurde bei den Parlamentswahlen, aber auch den Europawahlen, durch die unterschiedlichen Schlüssel des Mehrheitswahlrechts klein gehalten. Bei der Präsidentschaftswahl ist das anders.

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Es gilt der „suffrage universel direct“ - das heißt, die Gesamtzahl der Stimmen entscheidet, ob ein Kandidat oder eine Kandidatin den Sieg davonträgt. Und das könnte in der ersten Runde ein für die Geschichte der Fünften Republik ungewöhnliches Ergebnis bringen: Erstmals könnte eine Kandidatin der Front National auf Platz eins landen - auch wenn die Ermittlungen gegen Marine Le Pen und die sich überschlagenden Ereignisse im Lager der Konservativen alle Umfragen mit einem hohen Unsicherheitsfaktor ausstatten.

So wird in Frankreich gewählt

In Frankreich ist Präsident, wer entweder im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen oder, was bis jetzt seit 1965 immer der Fall war, wer in der zwei Wochen später angesetzten Stichwahl zwischen zwei Kandidatinnen oder Kandidaten die Mehrheit holt.

Demografisch betrachtet kann sich Le Pen jedenfalls auf eine Schicht entschlossener Wählerinnen und Wähler stützen. 80 Prozent all jener, die in Umfragen angaben, sie zu wählen, sind ihr sicher. Le Pen werde in ersten Wahlgang im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten die geringste Schwankung aufweisen, was die deklarierten Wählerinnen und Wähler anlangt, analysierte man unlängst im ORF-Europastudio zur Frankreich-Wahl. In einer Zeit, wo sich im konservativen und linken Lager die Bindungen auflösen, hat plötzlich die im politischen System vergleichsweise junge Le Pen den höchsten Anteil an einer Art von „Stammwählern“. Und im Vergleich zu früheren Wahlen (mit Ausnahme der Wahl 2002) wird ein Ergebnis im mittleren 20-Prozent-Bereich genügen, um als Sieger über die Ziellinie der ersten Runde zu gehen.

Alle Kandidaten brauchten Runde zwei

In der früheren Geschichte der Fünften Republik waren Ergebnisse teils schon in der ersten Runde sehr deutlich. Eine „Absolute“ in Wahlgang eins schaffte freilich niemand. Nicht einmal Charles de Gaulle.

Viele der Player in der Geschichte der französischen Präsidentschaftswahlen sind gewissermaßen gute Bekannte. Francois Mitterrand etwa trat viermal bei Präsidentschaftswahlen an. Zum ersten Mal übrigens gegen seinen ewigen Rivalen, De Gaulle.

Anzeigetafel bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich, 1965

AFP

Stichwahl 1965: De Gaulle gewinnt klar gegen Mitterrand, der bis 1981 auf den Sieg bei der Präsidentschaftswahl warten musste

1974 lag Mitterand nach der ersten Runde zwar vor Valery Giscard d’Estaing - musste aber letztlich bis 1981 auf einen Entscheidungssieg in der Runde zwei warten (der Erste in der ersten Runde lautete da wiederum: Giscard).

Stimmanteile schrumpfen in Runde eins

Bis in die 1970er Jahre erzielten die Erstplatzierten in der ersten Runde noch über 40 Prozent. Ab den 1980er Jahren war dieser Trend vorbei. Die Wahlentscheidungen zwischen den Kandidaten um das Rennen der Präsidentschaft wurden immer knapper. Beim ersten Wahlsieg von Jacques Chirac 1995 lag der Erstplatzierte Lionel Jospin gerade einmal bei 23,30 Prozent.

Hinter ihm machte damals beim Infight des konservativen Lagers Jacques Chirac vor Eduard Balladur das Rennen. Damals übrigens zum zweiten Mal dabei: Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen, der ähnlich zur Wahl 1988 bei 15 Prozent landete.

Karte: Bevölkerungsdichte Frankreich (Grundlage: „Degrees of Urbanisation“, Eurostat). Wer die Präsidentschaftswahl gewinnen will, muss die Ballungsräume erobern

Jean-Marie Le Pen wird Zweiter

Knapp 17 Prozent sollten Le Pen bei der Wahl 2002 reichen, um den erneut angetretenen Sozialisten Lionel Jospin auf Platz drei zu verweisen. Erstmals war damit der Kandidat der Front National in einer Stichwahl. Amtsinhaber Jacques Chirac erreichte in der ersten Runde magere 19 Prozent, konnte sich aber dann in der Stichwahl darauf verlassen, dass sich Linke und Konservative verschworen, um eine Wahl von Le Pen zu verhindern. Deutlich wurde aber bei dieser Wahl: Das linke wie zentristische bis konservative Lager war in so viele Kandidaten aufgespalten, dass Le Pen nur wenig zulegen musste, um in der Stichwahl zu landen.

Wende durch „Law-and-Order-Sarko“

Bei der Wahl 2007 schlug das Pendel in der ersten Runde deutlicher aus. Damals nahm der mit Law-and-Order positionierte Nicholas Sarkozy Le Pen den Wind aus den Segeln und schaffte im ersten Wahlgang mit über 30 Prozent der Stimmen ein ebenso klares Ausrufezeichen wie Segolene Royal im Lager der Sozialisten, die die 25-Prozent-Marke übersprang. Le Pens Stern schien mit zehn Prozent am Sinken zu sein.

2012, als Sarkozy in der Stichwahl gegen den Sozialisten Francois Hollande verlor, feierte die Familie Le Pen ein Comeback. Le Pens Tochter Marine erreichte in der ersten Runde landesweit knapp 18 Prozent und landete im Departement Gard sogar auf Platz eins vor Sarkozy und Hollande.

Karte 1: Wer welche Gemeinde holte, Präsidentschaftswahl 2012, erste Runde

Le Pen und die Randzonen großer Städte

Deutlich wurde mit ihrem Antreten 2012, dass sie sehr oft auch in jenen Vorstädten punkten kann, wie zuletzt der Kulturwissenschaftler Didier Eribon mit seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ beschrieben hatte, in denen früher linke Parteien die klassischen Arbeiterstimmen heimtrugen. Mehr noch: Le Pen hat ihre Hochburgen nicht mehr nur im Süden, wo sie im Departement Vaucluse etwa 27,03 Prozent der Stimmen einfuhr.

Mittlerweile hat die FN ihre Hochburgen auch im Norden und Osten des Landes. Und den meisten Spielraum nach oben im Gebiet von Paris und der Ile de France, wo sie 2012 ergebnismäßig deutlich hinter den Erfolgen in anderen Departements lag (in der nach etablierten Mustern tickenden und von der Sozialstruktur wohlhabenden Stadt Paris erreichte sie 2012 gerade einmal 6,2 Prozent).

Marine Le Pen 2012 in der ersten Runde in städtischen oder ländlichen Räumen - zu sehen sind die Ergebnisse bis auf Gemeinde- bzw. Wahlkreisebene

Die Stadt Paris, wo sie auf magere sechs Prozent kam, ist durch die Vielzahl an Kandidaten mit Paris-Bezug und einer im Schnitt gehobeneren Sozialstruktur nicht ihr Stammland. Doch bereits im direkten Umland, vor allem dort, wo Arbeiter zu Hause sind, steigen ihre Stimmanteile. „Regionen, die früher Bastionen der Linken, insbesondere der Kommunisten, waren, garantieren den Rechtsextremen seit Langem solide Wahlergebnisse“, schreibt Eribon in seiner „Rückkehr nach Reims“.

Starker Zulauf 2014

Zieht man noch die Erfolge der Front National und ihrer damaligen Spitzenkandidatin Le Pen bei der Europawahl 2014 mit heran, bei der sie mit 24,86 Prozent der Stimmen sogar die konservative UMP hinter sich gelassen hatte und stimmenstärkste Partei geworden war, dann kann man bei dieser Wahl damit rechnen, dass ihr zumindest der Einzug in die Stichwahl gewiss ist. Viel wird freilich davon abhängen, ob der Stern von Emmanuel Macron bis Ende April weiter am Anti-Establishment-Firmament strahlt. Und ob die Konservativen mit Francois Fillon - oder doch Alain Juppe in die Wahl ziehen.

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