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Reportage zeigt Arbeitsbedingungen auf

Im Jahr 2016 besuchten weltweit 783 Millionen Menschen Filialen von Ikea, mit 35 Milliarden Euro Umsatz ist das schwedische Unternehmen die größte Möbelmarke der Welt. Nun sieht sich Ikea mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Wie zwei Reporterinnen der britischen BBC berichteten, sind die Arbeitsumstände der Fahrer, die Ikea-Produkte durch Europa führen, mehr als prekär.

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Wie die BBC nun aufdeckte, sollen Lkw-Fahrer, die für den Möbelhändler und ähnliche Firmen Produkte führen, „monatelang in ihren Lkws wohnen“. Einige der Fahrer, die bei Firmen aus Osteuropa angestellt sind und in westlichen Ländern Güter transportieren, verdienen laut der Reportage weniger als 3,5 Euro in der Stunde.

Kaum 500 Euro im Monat

So sagte ein rumänischer Fahrer, dass er bis zu vier Monate durchgehend im Lkw lebt - dort schläft, isst und sich wäscht. Eine Toilette oder fließendes Wasser gebe es nur unterwegs, gekocht werde mittels Gaskocher auf Autobahnrastplätzen.

Er transportiere Ikea-Produkte ins westliche Europa, zuletzt sei er in Dänemark unterwegs gewesen. Sein Monatslohn betrage 477 Euro, ein dänischer Kollege hingegen verdiene rund 2.200 Euro für dieselbe Arbeit.

„Wie ein Vogel im Käfig“

Ausgaben sollen mit 45 Euro am Tag abgedeckt sein, ein Hotel und Mahlzeiten könne man sich so nicht leisten. Man fühle sich „wie ein Gefangener, wie ein Vogel im Käfig“, zitierte die BBC den Fahrer. Nach ein paar Monaten auf der Straße gehe es per Bus zurück zu seinem Arbeitgeber.

Der Mann sei kein Einzelfall: „Wir sahen Verträge von Fahrern, die für ein paar der größten Ikea-Partner arbeiten - alle bekamen niedrige osteuropäische Löhne, während sie Monate am Stück im Westen Europas arbeiteten“, so die Reporterinnen. „Es ist augenscheinlich, dass die Weise, wie die Fahrer behandelt werden, weit verbreitet ist.“

Ost gegen West im Streit um Sozialdumping

Mindestlohnregelungen würden umgangen, indem die Fahrer auf dem Niveau ihrer osteuropäischen Heimatländer angestellt werden, obwohl sie angeblich ausschließlich in westeuropäischen Ländern unterwegs sind. Der rumänische Fahrer etwa sei bei der slowakischen Tochter einer norwegischen Spedition angestellt. Bezahlt wird er laut BBC so, als ob sein Einsatzort die Slowakei wäre, auch wenn er hier tatsächlich nie arbeitet.

Über die Regelungen herrscht juristischer Streit: In Frankreich und Deutschland etwa gilt ein Mindestlohn, gegen den sich die osteuropäischen Transporteure wehren. Sie müssten ihren Fahrern denselben Lohn zahlen, wenn diese sich länger in diesen Ländern aufhielten. Brüssel leitete dazu auch ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Berlin und Paris ein. Die westlichen Länder hingegen protestieren wegen Sozialdumpings.

Laut EU-Recht sollen die Fahrer auch maximal zwei Wochen am Stück Fracht befördern. Doch inzwischen sei es längst Usus, dass Fahrer monatelang unterwegs sind, ohne ein Hotel aufzusuchen, berichtete etwa der „Tagesspiegel“.

Gericht ordnete Stopp an

Im Februar dieses Jahres stellte ein niederländisches Gericht fest, dass ein Vertragspartner von Ikea, Brinkman Trans Holland, gegen das Gesetz verstoße, indem es osteuropäischen Fahrern zu wenig bezahle. Ausländische Fahrer würden zu „inhumanen“ Bedingungen beschäftigt, um die Preise zu drücken, hieß es. Das Gericht ordnete einen sofortigen Stopp dieser Praxis an und ein Verbot, dass Fahrer ihre Lkws als vorübergehenden Wohnort nutzen.

Wie das Onlinefachmedium Lloyd’s Loading List berichtete, hatte die niederländische Gewerkschaft FNV die Vorgänge rund um Brinkman ans Licht gebracht. Daraufhin gab es an mehreren Ikea-Sitzen Proteste von deutschen, niederländischen und schwedischen Gewerkschaften, „gegen die Ausbeutung von Lkw-Fahrern in der europäischen Transport-Versorgungskette“.

Ikea will „Rechte sichern“

Ikea reagierte betroffen auf die Berichte. Zu Lloyd’s Loading List sagte der Möbelgigant, man nehme den niederländischen Richterspruch sehr ernst und werde Schritte veranlassen. Gegenüber der BBC hieß es, man sei traurig über die Aussagen der Fahrer. „Obwohl sie nicht bei Ikea Transport angestellt sind, wollen wir absolut klarstellen, dass die Fahrer das Recht auf gute und faire Arbeitsbedingungen haben“, so eine Sprecherin gegenüber der dpa. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, ihre Rechte zu sichern.“

Das Thema ist allerdings ein wiederkehrendes für Ikea. Bereits im Jahr 2014 gab es in den Niederlanden und in Belgien bereits gleichlautende Vorwürfe, so die belgische Gewerkschaft BTB.

Edwin Atema von der Gewerkschaft FNV sagte zur BBC, Ikea müsse von den Arbeitsbedingungen gewusst haben. „Ikea ist wirtschaftlich gesehen der Arbeitgeber. Die haben so viel Macht. Ikea hat das Instrument, dieses Businessmodell sofort zu ändern, in der Hand.“

„Road Alliance“ mit Österreichs Beteiligung

Druck auf die Logistikfirmen kommt auch von anderer Seite. Anfang dieses Jahres schlossen sich neun westeuropäische Länder, darunter auch Österreich, zu einer Allianz gegen Sozialdumping im Straßentransport zusammen. Diese „Road Alliance“ verabschiedete einen Aktionsplan, der Kontrollaktivitäten und Strafen fordert. Europäische Sozialvorschriften sollten auch einheitlich angewendet werden, so die Allianz. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc arbeitet zudem derzeit an einer „Straßeninitiative“, die beiden Seiten Rechnung tragen soll. Sie ist für Mai geplant.

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