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Ausnahmezustand im Regierungsviertel

Im Londoner Regierungsviertel hat ein Attentäter Mittwochnachmittag vier Menschen getötet und nach der vorläufigen Bilanz vom späten Abend zumindest 40 weitere verletzt. Er selbst wurde erschossen. In der ganzen Stadt wurden die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft.

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Der Mann hatte laut britischen Medienberichten zuerst auf der Westminster Bridge zahlreiche Menschen mit einem Auto niedergefahren. Danach lenkte er den Wagen weiter zum Parlament und rammte dort einen Zaun. Auf dem Parlamentsgelände attackierte er schließlich einen Polizisten mit einem Messer und verletzte diesen schwer. Der Beamte starb wenig später. Aufforderungen, stehen zu bleiben, habe der mutmaßliche Attentäter ignoriert, daraufhin sei er von Beamten erschossen worden.

Karte zeigt Anschlagsort in London

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Unter anderem Sky News zeigte ein Foto, auf dem zu sehen war, wie der Mann auf einer Rettungstrage lag, umringt von Polizisten, in der Nähe auf dem Boden ein Messer. In ersten Berichten war von Schüssen vor dem Parlament die Rede gewesen, auch die Polizei war wegen eines mutmaßlichen Schusswechsels alarmiert worden. Die Lage blieb für Stunden unübersichtlich, Informationen waren widersprüchlich.

Am Abend hieß es von der Londoner Polizei, man gehe mittlerweile von einem islamistisch motivierten bzw. „inspirierten“ Anschlag aus. Ob die Identität des Attentäters möglicherweise schon geklärt ist, war unklar. Zu entsprechenden Meldungen machte Scotland Yard keine Angaben.

Lage für Stunden völlig unübersichtlich

Immer wieder war über einen zweiten - oder noch weitere - Attentäter spekuliert worden. „Waren es zwei?“ fragte die „Daily Mail“ noch am Abend. Von offizieller Seite wurde allerdings nur von einem Angreifer gesprochen.

Das Parlamentsgebäude wurde großräumig abgeriegelt. Niemand durfte in das oder aus dem Gebäude. Abgeordnete, die sich bis zur Zeit des Attentats in Sitzungen befunden hatten, waren stundenlang eingeschlossen. Touristen saßen wegen des Terroralarms etwa eine Stunde im Riesenrad London Eye fest. Es wurde mitten in der Fahrt gestoppt.

Drei Menschen hatte der Attentäter auf der Brücke getötet, der niedergestochene Polizist erlag seinen Verletzungen trotz Wiederbelebungsmaßnahmen durch einen Abgeordneten. Der wurde in den Medien als Held gefeiert. Bilder zeigten den konservativen Staatssekretär Tobias Ellwood, wie er Erste Hilfe leistet. Laut „Daily Mail“ ein Detail am Rande: Ellwoods Bruder sei bei den Anschlägen von Bali 2002 gestorben. Eine Frau, die von der Westminster Bridge gestürzt war, konnte laut Hafenbehörde noch schwer verletzt aus der Themse geborgen werden.

Immer wieder Berichte über zwei Attentäter

Die Identität des mutmaßlichen Terroristen war bis Mittwochabend unklar. Die „Daily Mail“ beschrieb ihn unter Berufung auf Augenzeugen als etwa 40 Jahre alt und „von asiatischem Aussehen“. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters hatte berichtet, im Auto des Attentäters auf der Brücke seien möglicherweise zwei Männer gesessen - Scotland Yard widersprach dem aber.

Einsatzfahrzeuge vor Londoner Parlament

APA/AP/Matt Dunham

Großeinsatz in Londoner Innenstadt

Die BBC berichtete in ihrem Liveticker, Anrainer und Touristen seien aufgefordert worden, Westminster, Synonym für das Regierungsviertel, zu meiden. Auch andere Stadtteile wurden in Aussendungen der Londoner Polizei vorübergehend zur No-go-Area erklärt. Es wurde anfangs offensichtlich spekuliert, dass es sich um eine beginnende Anschlagsserie handeln könnte. So wurde etwa auch ein Bombenentschärfungskommando zum Parlamentsgebäude beordert. Der Platz davor wurde evakuiert - wegen eines verdächtigen Pakets, später Fahrzeugs, wie es hieß.

Am Abend wurde ein Bahnhof im Osten Londons wegen eines „Sicherheitsalarms“ geschlossen, der Betrieb der U-Bahn wurde teilweise eingestellt. Später am Abend wurde der Bahnhof Canning Town wieder für den Betrieb freigegeben. Die Abgeordneten durften das Parlament laut Sky News erst gegen 20.30 Uhr (MEZ) verlassen.

„Bitte bleiben Sie wachsam“

Premierministerin Theresa May wurde von der Polizei in Sicherheit gebracht. Die habe die Regierungschefin „in ein Auto verfrachtet“ und sei davongerast, berichtete „Daily Mail“. Am Abend kehrte sie an ihren Amtssitz in der Downing Street zurück. Sie berief das Sicherheitskabinett zu einer Sitzung ein. Den Anschlag verurteilte May als „krank und verkommen“. Die Menschen in Großbritannien würden Terror niemals nachgeben, das Leben werde wie gewohnt weitergehen.

Die Polizei hatte relativ rasch nach ersten Berichten über einen mutmaßlichen Schusswechsel vor dem Parlament von einem terroristischen Hintergrund gesprochen. Zu Details, speziell zur Zahl der Attentäter, Toten und Verletzten, hielt sie sich aber lange bedeckt.

„Wir behandeln das als einen terroristischen Vorfall, bis wir etwas anderes wissen“, ließ Scotland Yard via den Kurznachrichtendienst Twitter wissen und kündigte an, die Polizeipräsenz in der britischen Hauptstadt aufzustocken. „Bitte bleiben Sie wachsam.“ In britischen Medien war auch davon die Rede, dass die Armee bei Bedarf als Verstärkung bereitstehe. Mögliche Augenzeugen wurden via Twitter um etwaiges Foto- und Videomaterial von den Geschehnissen am Nachmittag gebeten.

Alarmbereitschaft am Sitz der Queen

Das britische Unterhaus unterbrach seine Sitzung. Am Buckingham Palace, dem Sitz der königlichen Familie, wurden die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft. Das Regionalparlament in Schottland verschob die ursprünglich für Mittwochabend angesetzte Abstimmung über ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum.

Experte Neumann analysiert Hintergründe des Anschlags

Der Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College analysiert das Attentat von London und stellt es in einen möglichen Zusammenhang mit früheren Anschlägen in anderen Ländern.

Auf höchster politischer Ebene sorgte der Anschlag für zahlreiche Reaktionen. US-Präsident Donald Trump sprach mit May, Frankreichs Präsident Francois Hollande und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel drückten den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus und versicherten, im Kampf gegen den Terror an der Seite Großbritanniens zu stehen.

Bundesregierung verurteilt Anschlag

Bundespräsident Alexander van der Bellen, Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) drückten ihr Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörige aus. Er verurteile das Attentat, sein Mitgefühl sei „bei den Opfern und deren Angehörigen“, ließ Van der Bellen auf Twitter wissen. „Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer“, schrieb Kern. Mitterlehner verurteilte „den heimtückischen Anschlag“ in London.

Der Anschlag von London ereignete sich auf den Tag genau ein Jahr nach den Terrorattacken von Brüssel. Drei islamistische Selbstmordattentäter rissen am 22. März 2016 auf dem Flughafen und in der U-Bahn 32 Menschen mit in den Tod und verletzten mehr als 300 weitere.

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