Wien balgt sich um den „Parsifal“

In Zeiten, wo dem Wiener Bühnenbetrieb der Funken von Aufregungen abhandengekommen scheint, gibt es so etwas wie rettende Wagner-Premieren. Der neue „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper wurde beim Debüt gestern nach fünfeinhalb Stunden zu dem, was man von einer ordentlichen Wagner-Oper erwarten durfte: einem lautstark ausgetragenen Konflikt zwischen Puristen und Erneuerern.

Den Wiener Hütern der Wagner-Glaubenskongregation waren die Regieideen von Alvis Hermanis, der Parsifal und die Gralsritter auf den Wiener Steinhof der Jahrhundertwende schickte, zahllose Buhrufe wert.

Dass der Theatermann Hermanis im Jugendstildekor Otto Wagners den Geist des späten Richard Wagner getroffen haben mag, ließen sich manche vielleicht noch einreden. Dass hier aber eigentlich jemand vom Theater an der Oper werkte, konnte man von den statischen Tableaus von Akt eins und drei nicht ablesen. Auf der anderen Seite darf jeder Regisseur am ersten Akt und der endlos rezitativen Botenberichtsstruktur, man denke an die Arien des Gurnemanz, im Bereich der Figurenführung verzweifeln.

Gurnemanz als Star des Abends

Bühnendramaturgisch zum großen Theater geriet freilich die Psychoverführung des naiven Toren Parsifal durch den Chor von 30 blonden Anstaltsinsassinnen, die optisch so aussahen, als wären sie vom Rheingold direkt auf den Steinhof geflohen. Doch Parsifal, gesungen von Christopher Ventris, blieb standhaft - leider auch ein bisschen farblos.

Nina Stemme war an seiner Seite eine solide Kundry - die sich schleppende finale Erlösung nahm ihr freilich den Glanz aus Akt zwei. Großer und tatsächlich allseits gefeierter Star des Abends war der für Hans-Peter König eingesprungene Rene Pape als Gurnemanz, der in dieser Bühnendeutungen alle narrativen Fäden zusammenhielt und einen überzeugenden Anstaltsleiter am Steinhof abgab. Immerhin hatte er ja auch einige Sonderklassepatienten, darunter einen hervorragenden Gerald Finley als Amfortas, in seiner Klinik.

Wien und Wagner

Dass Semyon Bychov als tadelloser musikalischer Leiter des Abends mit einem hervorragenden Staatsopernorchester sehr viel Zuspruch erhielt, sich zugleich gehörigen Gegenwind von der Südtribüne einhandelte, versteht nur, wer die Wagner-Vorzeichen in Wien zu lesen vermag. Und die können nun einmal nur eingefleischte Wiener Wagner-Fans deuten. Zweifelsohne entschied sich Bychov für getragenes Tempo und betonte Klangzerlegung und trug damit der Slowmotion-Handschrift von Hermanis in den Akten eins und drei Rechnung.

Hermanis wird sich seinen Reim auf den Premierenabend machen. Er hat jetzt allen Medienvertretern derart nachhaltig suggeriert, der allerallerkonservativste Theaterregisseur sein zu wollen, dass man ihm postmoderne Zoten wie ein neben der Bühne stehendes Grammofon (das erst angestellt werden muss, damit das Orchester loslegen kann), ebenso als Ernsthaftigkeit auslegen wird wie die Inschrift „Wagner Spital“ an seiner Kirche am Steinhof.

Parsifal, den er im finalen Moment als Ritter von der traurigen Gestalt in den Raum schickt, so als müsste der „reine Tor“ zum Troll in Montur werden, ist nicht die zentrale Gestalt seiner Interessen. Konsequenterweise verortet er Gurnemanz und Amfortas als Seismografen der Moderne und rückt sie ins Zentrum dieser Aufführung.

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