Crossing Europe: Die Gesichter hinter den Schlagzeilen

Beim Crossing Europe Filmfestival in Linz zeigt sich nach vier stürmischen Regentagen heute das erste Mal die Sonne, sodass das Linzer Publikum und die rund 140 Filmgäste aus ganz Europa ihre Diskussionen auf den Platz vor dem Moviemento-Kino verlagern können. Und Gesprächsstoff gibt es genug: Die 14. Ausgabe des von Christine Dollhofer geleiteten Festivals zeigt noch mehr aktuelle, brisante, politische Filme als man es von diesem Festival ohnehin schon gewohnt war.

Crossing Europe

ORF.at/Maya McKechneay

Jene Orte, deren Namen man aus den Nachrichten kennt - das syrische Homs, die zerbombte, kurdische Stadt Cizre und die italienische Insel Lampedusa - bekommen hier auf den Leinwänden von Linz ein Gesicht. Vor der Kamera vorwiegend junger Filmemacherinnen und Filmemacher werden Schlagzeilen zu persönlichen Geschichten, die einen zum Lachen bringen, Hoffnung wecken, traurig machen und empören.

Drama einer kurdischen Bürgermeisterin

So wie „Dil Leyla“, der Dokumentarfilm der deutsch-türkischen Filmemacherin Asli Özarslan. „Dil Leyla“ porträtiert eine junge Frau, die voller Optimismus ihr Amt als Bürgermeisterin der vorwiegend von Kurden bewohnten, ostanatolischen Stadt Cizre antritt. Bäume will sie pflanzen, eine Schule bauen. Doch nach der landesweiten Parlamentswahl kippt die politische Situation.

Am Ende des Films steht die mit zittriger Stimme gesprochene Voice-Mail-Nachricht, die Leyla der Filmemacherin nach Deutschland schickt. Nach mehreren Monaten Belagerung haben sie Mut und Kraft verlassen. „Ich kann nix tun“, sagt die Frau, die inzwischen untergetaucht ist, um einer Festnahme zu entgehen. Niemand weiß, ob sie noch lebt.

Syrisches Requiem aus Homs

Es sind auch die Geschichten starker Frauen, wie Leyla, die das Linzer Festival auszeichnen: In der syrisch-dänischen Koproduktion „The War Show“, die wie der zuvor genannte Film im Dokumentarfilmwettbewerb läuft, fügt sich das sehr private, teils mit dem Handy, teils mit einer Videokamera gedrehte Material eines syrischen Freundeskreises zu einer Chronologie des Schreckens. Zunächst sieht man die freiheitsliebenden Twentysomethings feiern, kiffen, Musik hören und schmusen.

Doch dann verdichtete sich „The War Show“ zum Requiem. Einer nach dem anderen wird verhaftet, gefoltert: Neben dem Urlaubsfoto liegt am Ende das Foto der entstellten Leiche. Ein beinah unerträglicher Film, so nah wirkt auf einmal der ferne Krieg in Syrien.

Berliner Hipster lachen über sich selbst

Im Spielfilmwettbewerb ist das Spektrum breit gestreut: Der extrem witzige Berliner Bobo-Hipster-Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (Julian Radlmaier) konkurriert hier etwa mit dem märchenhaften moldawischen Coming-of-Age-Film „Anishoara“ (Ana-Felicia Scutenicu) - ein Film über ein Land, das man selten bis nie auf der Leinwand gesehen hat.

In der Sektion „Local Artists“ laufen die Arbeiten oberösterreichischer Filmemacherinnen und Filmemacher wie Bernhard Sallmann. Sallmann, gebürtig in Ansfelden bei Linz, lebt mittlerweile in Berlin und hat in seinem Essayfilm „Oderland. Fontane“ den Oderbruch gefilmt, einen scheinbar aus der Zeit gefallenen Landstrich, der schon Theodor Fontane faszinierte, an dessen Texten Sallmann seine kontemplativen Bilder spiegelt.

Heute Abend werden die Preise in den Kategorien bester Dokumentarfilm, bester Spielfilm und bester Film eines Local Artist im Ursulinensaal vergeben. Morgen schließt das Festival mit einem weiteren, dichten Kinotag.