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Neun der Angeklagten in Haft

Rund zwei Jahre nach dem Flüchtlingsdrama auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland mit 71 Toten wird gegen insgesamt elf Schlepper Anklage erhoben - gegen vier von ihnen wegen Mordes. Vier der ingesamt elf Männer afghanischer, bulgarischer und libanesischer Herkunft werden wegen Mordes angeklagt, alle elf wegen Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung.

Neun Beschuldigte warten in der Untersuchungshaft auf die Hauptverhandlung, während gegen zwei Angeklagte, die noch auf der Flucht sind, in Abwesenheit Anklage erhoben wurde. Die Verdächtigen hätten billigend den Tod der Flüchtlinge in Kauf genommen, so der Oberstaatsanwalt des ungarischen Komitats Bacs-Kiskun am Donnerstag in der südungarischen Stadt Kecskemet. Die Geschleppten hätten bereits eine halbe Stunde nach der Abfahrt mit Hämmern, Klopfen und Geschrei darauf aufmerksam gemacht, dass sie keine Luft bekommen. Der Fahrer habe dennoch die Tür nicht geöffnet.

Prozess startet im Juni

Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb für vier Angeklagte eine lebenslange Haftstrafe, der Antrag gegen die anderen Beschuldigten umfasste eine befristete Haftstrafe sowie die Abschiebung aus Ungarn. Der Prozess wird in Kecskemet stattfinden und soll im Juni beginnen. Im Juli und August werden an drei weiteren Verhandlungstagen Zeugen aussagen. Im September kommen beim Prozess die Sachverständigen zu Wort.

Schlepper-LKW auf A4

APA/Roland Schlager (Montage)

Auch Einsatzkräfte waren vom Anblick, der sich ihnen bot, schwer schockiert

1.200 Flüchtlinge geschmuggelt

Die kriminelle Vereinigung wurde laut Staatsanwaltschaft von einem 30-jährigen Afghanen geleitet. Weitere Organisatoren der Bande waren ein 31-jähriger Bulgare und ein 51-jähriger bulgarisch-libanesischer Staatsbürger. Die weiteren Beschuldigten waren laut Anklageschrift als Fahrer eingesetzt oder begleiteten die Schleppungen. Die ungarischen Behörden dankten bei der Pressekonferenz Österreich für die gute Zusammenarbeit in dem Fall.

Die Bande soll rund 1.200 Flüchtlinge in den Westen geschmuggelt haben. Der afghanische Anführer der Schlepperbande habe mindestens 300.000 Euro verdient. Anfang April hatte die ungarische Polizei die Ermittlungen abgeschlossen, die Ergebnisse an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet und die Anklage empfohlen.

Bild des Grauens

Die heimische Polizei öffnete am 27. August 2015 den Laderaum eines in der Pannenbucht der A4 abgestellten Lkw - und dabei bot sich den Exekutivbeamten ein Bild des Grauens: In das Innere waren 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder gepfercht - alle waren tot. Später erwies sich: Die Menschen waren tagelang eingesperrt, der Laderaum war von innen nicht zu öffnen. Die Bilder von dem Kastenwagen gingen um die Welt und zogen schlagartig den Fokus der europäischen Öffentlichkeit auf die massenhafte Flüchtlingsbewegung aus Syrien und Afghanistan.

Bis dahin war vor allem in Mittel- und Nordeuropa das Flüchtlingsthema überwiegend als reines Problem der Mittelmeer-Anrainerländer gesehen worden. Seither ringt die Europäische Union um eine gemeinsame politische Haltung in der Flüchtlingsfrage, die binnen Wochen zu einer der schwersten Belastungsprobe für ganz Europa der letzten Jahrzehnte wurde.

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