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Der favorisierte Außenseiter

Salvador Sobral aus Portugal hat am Samstagabend den Song Contest mit der Jazzballade „Amar pelos dois“ für sich entschieden und damit bewiesen, dass weder Lautstärke noch Effekte nötig sind, um siegreich zu sein. Platz zwei ging an Bulgarien und Platz drei an Moldawien. Nathan Trent schlug sich mit dem 16. Platz wacker.

Der Szenenapplaus im International Exhibition Centre während Sobrals Darbietung ließ es bereits in Ansätzen erahnen, dass es für den Portugiesen ein ganz großer Abend werden würde. Bereits im Vorfeld war „Amar pelos dois“ auf riesige Begeisterung gestoßen. Sobral führte die Votings der Buchmacher seit Tagen an. Bereits die Jurywertung sah den Portugiesen ganz vorne.

Salvador Sobral (Portugal) beim ESC 2017

APA/AP/Efrem Lukatsky

Ein ungewöhnlicher Sieger: Salvador Sobral aus Portugal

„Amar pelos dois“ wird jedenfalls als ungewöhnlicher Siegertitel in die Geschichte des Song Contests eingehen, der sich sehr leise und höchst gefühlvoll gab. Zum großen Finale nach der Ergebnisverkündung intonierte der Portugiese den Song gemeinsam mit seiner Schwester, aus deren Feder „Amar pelos dois“ stammt - große Momente.

Nathan Trent legte so wie im zweiten Halbfinale einen souverän-sympathischen Auftritt hin und gab sich mit „Running on Air“ sehr authentisch und gefühlig, was im Gesamtkontext zwar auch ein wenig brav wirkte, doch unmissverständlich signalisierte, dass er es unbedingt wissen will.

Nathan Trent beim ESC 2017

EBU/ORF

Der Mann im Mond landete im Mittelfeld: Nathan Trent holte sich den 16. Platz

„Thank you so much, I love you!“, ließ Trent das Publikum nach dem Ende seiner Darbietung in der Halle lautstark wissen, was aber nicht viel geholfen hat. In erster Linie hat Österreich die Punkte von den Jurys erhalten, was den 16. Platz ergab. Im Telefonvoting ging Trent allerdings leer aus.

Moldawien auf dem Stockerl

Bulgarien, das in den letzten Tagen zunächst mit Italien und Portugal ein Trio der Siegesanwärter gebildet hatte, und kurz vor Ende des Votings sogar auf Platz eins der Buchmacher gelegen war, schaffte es mit dem jüngsten Teilnehmer des heurigen Song Contests, dem 17-jährigen Kristian Kostov, und seinem Song „Beautiful Mess“ auf den zweiten Platz. Kostov präsentierte perfekt produzierten Pop und hätte fast die Sensation geschafft.

Kristian Kostov (Bulgarien) beim ESC 2017

Reuters/Gleb Garanich

Haarscharf an der Sensation vorbei: Kristian Kostov aus Bulgarien wurde Zweiter

Nahe an der Sensation waren auch die Moldawier, deren Song „Hey, Mamma!“ auch in jedem europäischen Bierzelt bestens funktioniert hätte: Das SunStroke Project ließ das Saxofon exzessiv quietschen, zeugte textlich eher von steinzeitlichen Geschlechterrollen und wollte in Kiew einfach ein bisschen Spaß haben, was zum beachtlichen dritten Platz geführt hat.

SunStroke Project (Moladwien) beim ESC 2017

Reuters/Gleb Garanich

Moldawien holten den sensationellen dritten Platz. Motto: Ein bisschen Spaß muss sein

Die kühlen Lichter der Stadt

Das im Vorfeld hoch gesetzte Belgien lieferte mit „City Lights“ von Blanche einen der musikalisch bemerkenswertesten Beiträge des heurigen Song Contests ab und konnte die geschürten Erwartungen mit dem vierten Platz erfüllen. Der kühl-düstere Elektrosound wusste den Text über die Unsicherheiten des Beziehungslebens perfekt ins Musikalische zu übersetzen. Ein Song mit ungemein hohen atmosphärischen Qualitäten. Bis auf die Gestik der Belgierin kam der Beitrag ohne große Inszenierung aus, was ebenso zum stimmigen Gesamtbild beitrug. Und vor allem wusste Blanches Timbre zu überzeugen.

Blanche (Belgien) beim ESC 2017

Reuters/Gleb Garanich

Blanche aus Belgien holte Platz vier und hat einen der bemerkenswertesten Beiträge gesungen

Robin Bengtsson aus Schweden, der mit „I Can’t Go On“ die für sein Land übliche hochprofessionelle Inszenierung auf die Bühne in Kiew gebracht hatte, konnte die hohen Erwartungen an sein Heimatland, die auch von den Buchmachern ordentlich geschürt wurden, mit einem fünften Platz erfüllen. Sein Auftritt gab sich jedoch eine Spur unterkühlt und auf Business getrimmt - der Funke wollte nicht in dem Ausmaß überspringen wie bei Mans Zelmerlöw in Wien, auch wenn auf der Bühne alles richtig gesessen hatte und perfekt in Szene gesetzt war.

Weit nach oben gejodelt

Einer der besonders herausragenden Künstler des Finalabends war ohne Zweifel Francesco Gabbani aus Italien – eine charismatische Erscheinung, die maximale Lockerheit versprühte, und eindeutig zu jenen Männer zählt, die auch über sich selbst lachen können. Mit „Occidentali’s Karma“ legte er eine flotte Italopop-Nummer hin. Dabei war Italien in Kiew auch auf den Affen gekommen: Gabbani wurde auf der Bühne von einem Affen flankiert – wenn auch nur in Form eines kostümierten Tänzers. Gabbani war lange Zeit als Favorit gehandelt worden – letztlich holte er Platz sechs.

Rumäniens Jodelwahnsinn von Ilinca feat. Alex Florea – das bereits unmissverständlich betitelte „Yodel It!“ - belegte den sehr guten siebenten Platz. Im vergangenen Jahr war Rumänien vom Song Contest ausgeschlossen worden, weil es beim Veranstalter, der EBU, Rechnungen offen hatte – der Auftritt in Kiew darf als erfolgreiche Rückkehr gewertet werden, der eigenwillige Song wusste jedoch auch im Finale zu polarisieren und wird wohl eher als Spaßbeitrag in die Geschichte des Song Contests eingehen.

Überraschende Aufstiege

Joci Papai, der Teilnehmer aus Ungarn, der seinen Song „Origo“ in der Landessprache gesungen hatte, war anzusehen, dass er es mit seinem Auftritt mehr als ernst meinte. Der Volksgruppe der Roma angehörig bot Papai mit seinem Song auch in musikalischer Hinsicht einen starken ethnischen Einschlag, der mit sehr viel Konzentration dargebracht wurde und so gar nicht in das Schema der Spaßgesellschaft des Song Contests passen wollte. Der achte Platz für Ungarn ist eine der kleinen Überraschungen des Finales 2017.

Joci Papai (Ungarn) beim ESC 2017

APA/AP/Efrem Lukatsky

Joci Papai aus Ungarn ist einer der überraschenden Aufsteiger des Song Contests 2017

Auch als einer der Aufsteiger des heurigen Song Contests durfte sich Jacques Houdek aus Kroatien fühlen, den die Buchmacher mit „My Friend“ zunächst nicht einmal im Finale gesehen hatten. Houdek setzte auf eine opulente Mischung und auf den ausgeprägten Resonanzraum seines Körpers – Platz 13 für Kroatien und einen Song, der auch Streicheranlagen und vor allem einen beeindruckenden Stimmumfang bot.

Stärker als vermutet

Isaiah Firebrace aus Australien legte mit „Don’t Come Easy“ einen tadellosen Auftritt hin, er landete mit Platz neun auf einem wesentlich besseren Platz als von den Buchmachern vorhergesagt. Dennoch hat Firebrace das bisher schlechteste Ergebnis in der dreijährigen Song-Contest-Historie des Landes eingefahren, was nicht schwer war.

Jowst aus Norwegen konnte im Finale mit „Grab the Moment“ die Gunst der Stunde trotz anders lautender Ankündigungen der Buchmacher nutzen. Norwegen machte Platz zehn. Das Schwesterntrio O’G3NE aus den Niederlanden belegte mit einer sympathischen, aber im Gesamtkontext etwas altbacken wirkenden Darbietung von „Lights and Shadows“ den elften Platz – einen Platz vor Frankreich, das die Sängerin Alma mit dem wenig lebensbejahend betitelten „Requiem“ ins Rennen geschickt hatte, das ohne großes Aufsehen zu erregen auf dem zwölften Platz landete.

Wenig Farbe aus Deutschland

Lucie Jones, die Großbritannien mit der Ballade „Never Give up on You“ vertrat, holte mit Platz 14 das beste Ergebnis seit dem Jahr 2009 als die Briten Platz fünf belegt hatten – auch wenn der Song nicht viel mehr zu bieten hatte als Großbritanniens Song-Contest-Einlagen der vergangenen Jahre.

Vollkommen blass und mit dem vorletzten Platz weit abgeschlagen vom Spitzenfeld gab sich Big-Five-Land Deutschland mit Levinas „Perfect Life“, das zwar in jeglicher Hinsicht solide war, doch überhaupt nicht vom Fleck kam. Nach zwei letzten Plätzen anno 2015 und 2016 immerhin ein Aufwärtstrend für Deutschland. Dass Levina auf der Bühne keine Schuhe trug, war noch das Bemerkenswerteste an ihrem Auftritt.

Einen ähnlichen Spannungslevel bot Dänemarks Anja Nissen. Ihr Song „Where I Am“ bot viel Feuer auf der Bühne, entfachte aber wenig Feuer in den Herzen des Publikums und bei den Jurys – Platz 20. Einen außergewöhnlichen Beitrag lieferte Armenien mit Artsvik ab. Der hypnotisch-eindringliche Rhythmus des Songs „Fly With Me“ wusste seine Wirkung zu entfalten und war klanglich einer der interessantesten Songs des Finales und belegte dennoch nur Platz 18.

Ein Kuss zum Schluss

Die Naviband aus Weißrussland wagte es in der Landessprache und präsentierte den folkigen Song „Story of My Life“, der direkt hinter Österreich auf der 17 gelandete. Höhepunkt des Auftritts des Duos, das ganz in Weiß auftrat, war allerdings nicht die Musik, sondern ein langer Kuss am Schluss der Darbietung.

Aserbaidschans Dihaj übte sich mit „Skeletons“ in einer etwas gar ambitionierten Performance: Ein Mann mit Pferdekopf auf einer Leiter stehend gehörte ebenso dazu wie eine kryptische Choreografie - ein Auftritt wie ein Fiebertraum, der den 14. Platz brachte. Israel eröffnete mit Imri Ziv das Finale mit dem schablonenhaften „I Feel Alive“ und traf dabei nicht unbedingt alle Töne. Er fährt als 23. nach Hause.

Abgeschlagenes Gastgeberland

Weit abgeschlagen beendete auch Polen das Song-Contest-Finale. Kasia Mos presste sich gesanglich durch den Song „Flashlight“, was den 22. Platz bedeutet hat. Hovig Demirjan aus Zypern hob gemäß seines Songtitels „Gravity“ nicht ab und wurde 21er. Griechenland erging es mit Demy, die auf der 19 landete, nicht viel besser.

O.Torvald (Ukraine) beim ESC 2017

APA/AP/Efrem Lukatsky

Mit O.Torvald ist die Ukraine nur auf Platz 24 gekommen

Auch das Gastgeberland Ukraine konnte mit dem harten Rocksong „Time“ und der allzu offensichtlich zur Schau gestellten Coolness von O.Torvald nicht punkten. Den Gastgebern erging es immerhin eine Spur besser als Österreich anno 2015, als die Makemakes in Wien punktelos geblieben waren. Die Ukraine belegte letztlich den 24. Platz.

Spanien als Schlusslicht

Schlusslicht des heurigen Song Contests, der durchaus mit Vielfalt und sehr ungewöhnlichen Beiträgen punkten konnte, und vor allem jene schlecht abschneiden ließ, die Song-Contest-Stangenware nach den üblichen Sound-Schemata präsentiert haben, ist Spanien. Manel Navarros „Do It for Your Lover“ gab sich der ganz großen Belanglosigkeit hin. Am meisten Pep hatte da noch der wackelnde Hippie-Bus zu bieten, der Teil der Bühnendekoration war. Ein würdiger letzter Platz. Doch nach dem Song Contest ist vor dem Song Contest. Weiter geht es jedenfalls im Jahr 2018 in Navarros Nachbarland Portugal, wenn in Lissabon der 63. Song Contest ausgetragen wird.

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