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Die wahren Kosten des Konsums

Unsere selbstverständliche Lebensweise - mit SUVs, Smartphones und Gemüse, das um die halbe Welt gereist ist - hinterlässt tiefe Spuren auf dem Planeten. Ihnen ist der Politikwissenschaftler Ulrich Brand nachgegangen. Im Gespräch mit ORF.at erklärt er seinen Begriff der „Imperialen Lebensweise“.

ORF.at: Herr Brand, was ist das Neue und Innovative an dem Begriff „Imperiale Lebensweise“?

Ulrich Brand: Rund um das Krisenjahr 2008 gab es zwei wichtige Prozesse, die parallel liefen. Einerseits kam es zu einer Repolitisierung der ökologischen Krise: Der Stern-Report von 2006 zu den enormen Kosten, wenn der Klimawandel nicht aufgehalten wird, sowie der vierte Bericht des Weltklimarates IPCC von 2007 wurden breit diskutiert.

Doch obwohl es ein steigendes Bewusstsein für den Klimawandel gab, steuerte die Politik paradoxerweise in die gegenteilige Richtung. Die deutsche Bundesregierung erfand beispielsweise die Abwrackprämie, die die Bürger ermunterte, neue Autos zu kaufen. Und die taten das; in Österreich wurde dann eine „Schrottprämie“ bezahlt. Der erhoffte wirtschaftspolitische Ausweg aus der Krise war also: Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum.

So wurde der individuelle motorisierte Verkehr mit staatlicher Unterstützung als wichtigste Fortbewegungsart weiter festgeschrieben. Wir haben also den Begriff der imperialen Lebensweise geprägt, um deutlich zu machen, warum die Gesellschaft trotz steigenden Umweltbewusstseins nicht aus der Spirale aus Wirtschaftswachstum und Emissionssteigerungen herauskommt.

ORF.at: Wie manifestiert sich die imperiale Lebensweise in unserem Alltag?

Brand: Im Kern sagt der Begriff, dass wir in unserem Alltag auf die billige Arbeitskraft und die billigen Ressourcen der Welt zurückgreifen. Die imperiale Lebensweise ermöglicht uns, dass wir uns auf eine bestimmte Art und Weise fortbewegen, kommunizieren, essen und uns kleiden. Diese Handlungen sind in die Alltagspraxen der Menschen tief eingelassen, man denkt im Alltag meist nicht mehr darüber nach.

Dabei gibt es natürlich große Unterschiede, die vor allem vom Einkommen abhängen. Aber insgesamt leben die allermeisten Menschen hierzulande eben auf Kosten der Natur und anderer Weltregionen. Wir wollen nun begreifbar machen, dass hinter der imperialen Lebensweise politische Entscheidungen und extrem festgefahrene Wirtschaftsstrukturen stecken. Nicht nur die Unternehmen und der Staat, auch die Gewerkschaften haben daran einen wesentlichen Anteil.

Gibt es bei Ihrem Ansatz keine Aufforderungen an die Konsumentinnen und Konsumenten?

Brand: In der aktuellen Ökodebatte sehen wir zwei große Strömungen: Die erste besagt, dass wir die Wende mit einer technologischen Revolution schaffen müssen. Für diesen Ansatz steht beispielsweise Ralf Fücks, der frühere Vorsitzende der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland, der stark für Sprungtechnologien argumentiert. Der zweite Ansatz richtet sich an die Bürger und sagt: „Du kannst die Welt retten, wenn du grün konsumierst.“

Wir wollen gar nicht abstreiten, dass neue Technologien wichtig sein können und dass es auch Sinn macht, nachhaltig zu konsumieren. Was wir jedoch zeigen wollen, ist, dass wir in der Kritik der aktuell vorherrschenden Produktions- und Konsumnormen sowie bei der Entwicklung von gesellschaftspolitischen Alternativen viel weiter gehen müssen. Denn die imperiale Lebensweise hängt mit starken ökonomische Interessen und staatlichen Politikentscheidungen zusammen.

Das geschieht durch die bereits genannte Schrottprämie, durch den Bau neuer Autobahnen und die Förderung industrieller Landwirtschaft, die auf einem hohen Fleischkonsum ausgerichtet ist. In diesen Strukturen reproduziert sich das kapitalistische Normalgeschäft. So wurde die imperiale Lebensweise in den letzten Jahrzehnten hegemonial. Und sie breitet sich in den Schwellenländern aus.

Es gibt also breite Zustimmung zur imperialen Lebensweise?

Brand: Ja, über das aktuelle Konsumniveau herrscht ein weitreichender gesellschaftlicher Konsens: Es gilt als „normal“, dass eine mittelständische Familie eines oder mehrere Autos besitzt, dass man Wintergemüse aus Spanien einkauft und dass man sich auch mal einen Südseeurlaub gönnt. Doch genau diese Handlungen verursachen an anderen Orten soziale und ökologische Verwerfungen.

Außerdem sind sie global auf keinen Fall verallgemeinerbar. Die CO2-Emissionen werden durch die Ausweitung der imperialen Lebensweise weiter drastisch ansteigen. Diese Herausforderungen können wir nicht allein mit „grünem Konsum“ lösen. Um die imperiale Lebensweise abzuschütteln, brauchen wir ein drastisches Umsteuern der Politik.

Doch die zeigt ja gerade mit der dritten Flughafenpiste in Schwechat, dass sie dazu nicht willens ist. Und wir benötigen eine kulturelle Revolution, dass also immer mehr Menschen bereit sind, ein wohlständiges und sinnerfülltes Leben ganz anders anzustreben und umzusetzen. Das wird mit harten politischen und wirtschaftlichen Konflikten einhergehen.