Tausende minderjährige Flüchtlinge in EU vermisst

In der gesamten EU sind laut Europol in den vergangenen Jahren rund 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verschwunden. Die Gründe dafür und die Frage, wie man in Österreich und der EU mit dieser Problematik umgeht, waren heute Thema einer Enquete des SPÖ-Parlamentsklubs.

„Es handelt sich um eine Gruppe der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Und als Gesellschaft darf man nicht zulassen, dass so etwas passiert“, sagte SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder in seiner Einleitung der Enquete „Missing Children“. Immer noch seien Kinder, die auf der Flucht „verschwinden“, ein „Tabuthema“, zu dem es keine genauen Zahlen gebe.

Laut Schieder wird etwa ein Drittel der vermissten Flüchtlinge im Kinder- und Jugendlichenalter Opfer von Menschenhändlern. Die dringend nötige Harmonisierung der Gesetzgebung in Bezug auf Identifikation und Schutz der geflüchteten Kinder lasse in vielen Europarat-Staaten jedoch stark zu wünschen übrig, kritisierte SPÖ-Bundesrat Stefan Schennach.

Bundeskriminalamt gründete Kompetenzzentrum

In Österreich bemühe man sich vor allem in den letzten Jahren um Fortschritte in der Umsetzung von Maßnahmen zur Auffindung abgängiger minderjähriger Flüchtlinge, sagte Gerald Tatzgern vom Bundekriminalamt (BK). „Weiterverfolgung heißt Sensibilisierung, Schulung der Mitarbeiter aller Organisationen, die eine Rolle spielen.“

„Wir haben vor einigen Jahren das Kompetenzzentrum für Abgängige Personen (KAP) im Bundeskriminalamt gegründet und führen auch immer wieder Gespräche mit den Betreuern, damit diese die Lage besser einschätzen können“, sagte Tatzgern. Von den „unbegleiteten minderjährigen Nicht-EU-Bürgern tauchen 80 bis 85 Prozent innerhalb einer Woche wieder auf“.

1.273 Menschen in Österreich vermisst

Mit Stichtag 1. Mai 2017 sind im österreichischen Fahndungssystem 1.273 Personen als abgängig verzeichnet. Dabei handelte es sich um 781 Minderjährige und 492 Erwachsene, informierte das BK heute anlässlich des morgigen internationalen Tages der vermissten Kinder.

Bei den Minderjährigen waren 549 jugendlich (zwischen 14 und 18 Jahre alt) und 232 unmündig (unter 14 Jahre). Seit Beginn der Flüchtlingsbewegung seien etwa 670 Kinder und Jugendliche aus Nicht-EU-Staaten als abgängig gespeichert.

Flüchtlingsboot im Mittelmeer gekentert

Im Mittelmeer ist heute unterdessen erneut ein Flüchtlingsboot gekentert. Dabei starben mindestens 34 Menschen. Rund 200 Menschen konnten gerettet werden, insgesamt befanden sich 500 Flüchtlinge an Bord. Die Suche nach Vermissten sei noch im Gange, teilte die Küstenwache mit.

Wegen des guten Wetters sind derzeit noch mehr Flüchtlingsboote von Libyen in Richtung Italien unterwegs. Viele der Gummiboote sind kaum seetauglich. Rund 51.000 Flüchtlinge erreichten seit Jahresbeginn Italien, das sind 42 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2016, teilte das Innenministerium mit.