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Attentäter war Teil eines Netzwerks

Nach dem Selbstmordattentat auf ein Popkonzert in Manchester sind am Mittwoch Hunderte Soldaten in ganz Großbritannien eingesetzt worden. Sie patrouillierten vor dem Parlament in London, vor dem Amtssitz von Premierministerin Theresa May in der Downing Street und auch vor dem Buckingham-Palast. May hatte zuvor gewarnt, ein weiterer Anschlag könne „unmittelbar“ bevorstehen.

Innenministerin Amber Rudd ließ insgesamt 984 Soldaten in London und anderen Städten postieren, um Amtssitze und Touristenmagneten zu bewachen und die Polizei zu entlasten. Möglich sei der Einsatz von 3.800 Soldaten. Eine solche Maßnahme wurde zuletzt 2003 ergriffen, als der damalige Premier Tony Blair Panzer zum Schutz des Flughafens Heathrow einsetzte. Auch damals war der Anlass Terrorgefahr.

Veranstaltungen abgesagt

Premierministerin May hatte am Dienstag gesagt, sie wolle das ganze Potenzial staatlicher Kapazitäten zur Terrorabwehr ausschöpfen. Sie rief die Terrorwarnstufe „kritisch“ aus, was bedeutet, dass mit einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag gerechnet wird. Zuvor war die Terrorwarnstufe bei „ernst“ gelegen; in diesem Fall gilt ein Anschlag als wahrscheinlich. Die Anhebung der Terrorwarnstufe ermöglicht Inlandseinsätze der britischen Streitkräfte an besonders schutzbedürftigen Orten.

Soldaten in Westminster, London

APA/AP/Tim Ireland

Big Ben unter dem Schutz der Armee: Am Mittwoch marschierten Soldaten und Polizisten gemeinsam

In London wurde auch die traditionelle Wachablöse vor dem Buckingham-Palast abgesagt, ebenso wurden die Sicherheitsvorkehrungen im Parlament verschärft. Der FC Chelsea sagte seine geplante Siegesparade zum Gewinn der englischen Fußballmeisterschaft ab.

Wahl und Cupfinale stehen bevor

Demnächst stehen in Großbritannien einige Sportgroßveranstaltungen auf dem Programm, etwa das Finale des britischen Ligacups im Londoner Wembley-Stadion. Zudem wählen die Briten am 8. Juni ihr Parlament. Nach dem Anschlag unterbrachen alle Parteien vorläufig ihren Wahlkampf. Wie Mays konservative Partei und die Labour-Partei von Jeremy Corbyn am Mittwoch mitteilten, sollen die landesweiten Wahlkampagnen am Freitag wieder anlaufen.

In Manchester laufen unterdessen die Ermittlungen auf Hochtouren. Am Mittwochnachmittag wurde in der nahe gelegenen Stadt Wigan ein fünfter Verdächtiger festgenommen, sagte die Polizei. Bei seiner Festnahme habe der Mann ein Päckchen dabeigehabt, das derzeit untersucht werde. Nähere Einzelheiten nannte die Polizei nicht.

Zuvor wurden im Süden Manchesters bereits drei Männer in Verbindung mit dem Anschlag festgenommen. Einen weiteren Mann hatte sie bereits am Dienstag festgesetzt. In der libyschen Hauptstadt Tripolis wurde auch der jüngere Bruder des Attentäters von einer Anti-Terror-Einheit festgenommen. Er werde verdächtigt, Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu haben, teilte ein Sprecher der Sicherheitsbehörden mit. Reuters-Angaben zufolge wurde in Tripolis auch der Vater des Attentäters in Gewahrsam genommen.

Suche nach Bombenbauer

Die britische Polizei geht inzwischen eindeutig von einer Unterstützergruppe rund um den 22-jährigen Attentäter Salman Abedi aus, wie der Polizeichef von Manchester, Ian Hopkins, sagte. „Ich glaube, es ist ganz klar, dass es sich um ein Netzwerk handelt, dem wir nachgehen“, so Hopkins.

Insider sagten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Polizei suche den möglichen Bombenbauer. Eine Bombe dieser Art zu bauen, erfordere bestimmte Kenntnisse, hieß es.

Alle Opfer identifiziert

Die Polizei in Manchester identifizierte inzwischen alle 22 Todesopfer. Die Familien seien kontaktiert worden und würden von Fachleuten betreut, so die Polizei. Die Untersuchungen würden noch vier bis fünf Tage in Anspruch nehmen, erst danach könnten alle Opfer offiziell namentlich genannt werden.

Nach dem Anschlag von Montagabend wurden bereits einige Namen von Todesopfern bekannt. Unter den Opfern waren auch Kinder, die das Popkonzert besucht hatten. Das bisher jüngste bekannte Todesopfer ist ein achtjähriges Mädchen. Ebenfalls zu Tode kamen Eltern, die ihre Kinder abholen wollten und vor der Halle warteten. 20 Personen waren am Mittwoch noch in kritischem Zustand.

Zeitungen in Manchester

AP/Emilio Morenatti

Das jüngste Opfer, Saffie Rose, war erst acht Jahre alt

Der Attentäter Abedi, der sich am Montagabend am Ende eines Popkonzerts der Sängerin Ariana Grande in die Luft sprengte, dürfte kürzlich aus Libyen zurückgekehrt sein, wie es am Mittwoch in London hieß. Abedi sei den Behörden bekannt gewesen, was aber nicht bedeute, dass er habe verhaftet werden sollen, so Innenministerin Rudd.

Rudds französischer Amtskollege Gerard Collomb sagte, Abedi habe auch Kontakt zum IS gehabt. Der Brite sei libyscher Herkunft, aber in Großbritannien aufgewachsen und habe sich „plötzlich nach einer Reise nach Libyen und dann wahrscheinlich nach Syrien radikalisiert und entschieden, diesen Anschlag zu begehen“, sagte Collomb dem Sender BFMTV.

Kritik an Informationsweitergabe

Aufregung gab es auch über die Weitergabe sensibler Informationen: Ministerin Rudd kritisierte, dass Informationen zu dem Attentat von US-amerikanischen Stellen aus an die Öffentlichkeit gelangt seien. Die britische Polizei habe klargemacht, dass sie selbst den Informationsfluss kontrollieren wolle, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Insofern sei es „ärgerlich“, wenn Informationen aus anderen Quellen bekanntgegeben würden. Am Dienstag hatten britische Medien unter Berufung auf offizielle US-Stellen den Namen des mutmaßlichen Attentäters von Manchester genannt, bevor die britische Polizei das tat.

Ariana Grande sagt Konzerte ab

Die US-Sängerin Grande sagte unterdessen am Mittwoch mehrere Konzerte ihrer Tournee ab. Wegen der tragischen Ereignisse werde die „Dangerous Woman Tour“ ausgesetzt, teilte die O2-Arena in London auf ihrer Website mit. Das gelte für alle Auftritte bis zum 5. Juni in Zürich, wurde das Management der Sängerin zitiert. Bis dahin wolle man die Situation neu bewerten.

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