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Auf die Mitschüler kommt es an

Ausgerechnet zum Internationalen Tag der Muttersprache, einem Tag, der der Wertschätzung von Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit gewidmet ist, hat Ende Februar eine aktuelle Statistik für Aufregung gesorgt: Fast ein Viertel der Schülerinnen und Schüler in Österreich hat eine andere Umgangssprache als Deutsch, in Wien sogar knapp die Hälfte.

Was diese Durchschnittswerte allerdings nicht zeigen, sind die großen Unterschiede zwischen einzelnen Schulstandorten. So gibt es einerseits Volksschulklassen, in denen weit weniger als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler angibt, in der Freizeit und innerhalb der Familie nicht Deutsch zu sprechen, andererseits aber auch Klassen, in denen es 90 Prozent und mehr sind.

Viele sind perfekt zweisprachig

„Andere Umgangssprache als Deutsch“ bedeutet noch lange nicht, dass alle diese Kinder und Jugendlichen wenig oder kein Deutsch sprechen. Viele von denen, die in der Statistik mitgezählt werden, sprechen fließend und akzentfrei Deutsch. Bei Gesprächen zu Hause wechseln sie in ihre Muttersprache - ganz normal in einer Migrationsgesellschaft, die Österreich nun einmal ist.

Gerade in den Städten gibt es allerdings auch Klassen, in denen weit mehr als die Hälfte der Kinder am ersten Schultag der Unterrichtssprache Deutsch nicht ausreichend folgen kann. Denn gerade im Volksschulalter, wo für viele Kinder der Grundstein für den weiteren Bildungsweg gelegt wird, findet häufig das Gegenteil von Integration statt.

Schulgeld als Hürde

So haben etwa Privatschulen regen Zulauf: Österreichweit besucht mittlerweile jeder zehnte Schüler eine Privatschule, in Wien ist es sogar jeder fünfte. An Privatschulen ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit nicht deutscher Umgangssprache besonders in Wien mit 37,5 Prozent zwar auch eher hoch, wie Zahlen der Statistik Austria zeigen, das Schulgeld schafft hier aber eine Hürde für Kinder aus sozial schwachen und „bildungsfernen“ Familien.

Diese Kinder sind auch in alternativen Schulprojekten, die meist von Eltern gegründet und verwaltet werden, selten zu finden, ebenso wenig wie Flüchtlingskinder und Kinder mit Migrationshintergrund.

Mit „Scheinmeldungen" zur Wunschschule

Doch auch innerhalb des öffentlichen Schulwesens findet häufig das Gegenteil von Integration statt – und das immer öfter über die Hintertür. Die Zeiten, in denen das Kind einfach in „die Volksschule ums Eck“ geht, sind vorbei. Heute gelten einzelne Standorte als Wunschschulen, andere werden als „Brennpunktschulen“ bezeichnet. Die Plätze an Schulen mit gutem Ruf sind heiß begehrt. In Wien berichten Eltern gar von „Scheinmeldungen“ als Lösung, um einen Platz zu ergattern.

Ist die Wunschschule zu weit vom Wohnort entfernt, wird der Schüler für einen bestimmten Zeitraum an einer anderen Adresse angemeldet. Das funktioniert natürlich nur, wenn man Freunde oder Verwandte hat, die einerseits ein paar Straßen näher an der Wunschschule wohnen und andererseits das Spiel mitmachen. Hintergrund sind die Auswahlkriterien, die in Wien trotz theoretisch freier Wahl der Schule zum Einsatz kommen, wenn der Andrang an einer Schule größer ist als die Anzahl der freien Plätze. Zu diesen Kriterien gehört die Nähe der Schule zum Wohnort.

Sammelbecken für „Bildungsnahe“

Und auch innerhalb einzelner Schulen kann es zu Segregation über die Hintertür kommen. Dann sitzt Anna neben Jakob in der Mehrstufenklasse, während Elif neben Muhammed in einer regulären Klasse sitzt. In Mehrstufenklassen werden Kinder unterschiedlicher Schulstufen gemeinsam unterrichtet – meist mit reformpädagogischen Ansätzen. Elifs und Muhammeds Eltern wissen nicht, was eine Mehrstufenklasse ist, sie haben ihr Kind einfach nur in der Volksschule ums Eck angemeldet.

Annas und Jakobs Eltern hingegen haben sich ein Jahr lang bei der Schuldirektorin darum bemüht, einen der raren Plätze in der beliebten Klasse zu erhalten. Durch diese Dynamik werden Mehrstufenklassen gerade in Bezirken mit hohem Migrantenanteil häufig zu Sammelbecken für Kinder aus „bildungsnahen“ Familien. Diese Kinder fehlen wiederum im Klassenzimmer nebenan, wo eine Lehrerin tagtäglich versucht, mit 25 Kindern, von denen 15 der Unterrichtssprache nicht ausreichend folgen können, den Lernstoff zu bewältigen.

„Mit wem verkehrt mein Kind?"

Für Barbara Herzog-Punzenberger geht es bei Szenarien wie diesen um zwei Dinge: „Einerseits um die von den Eltern vermutete Qualität einer Schule oder einer Klasse und andererseits um die Frage der Freundeskreise – mit welchen Kindern und Familien verkehrt mein Kind da?“ Die Migrations- und Bildungsforscherin der Universität Linz beschreibt im Interview mit ORF.at verschiedene Strategien, die zu mehr Durchmischung an Schulen führen können.

So gebe es etwa positive Erfahrungen mit Nachbarschaftsführungen. Dabei würden unterschiedlichen Schulen besucht, Informationen vermittelt und „ein wenig Vertrautheit hergestellt – gerade auch mit Schulstandorten, die ungerechtfertigterweise einen schlechten Ruf haben“, so Herzog-Punzenberger.

Frage nach Schulneubauten und Wohnungspolitik

„Um einen Kontrapunkt zu setzen“, könnten engagierte Elterngruppen auch die bewusste Entscheidung treffen, ihre befreundeten Kinder in eine nahe gelegene Schule zu schicken, die von „Mittelschichtsflucht“ betroffen ist. „Das kommt aus den Niederlanden, wo sich die Eltern als wesentliche Mitgestalterinnen der Schule verstehen. Für Schulleitungen hier bei uns würde es bedeuten, ein stärker kooperatives Verständnis zu entwickeln“, so Herzog-Punzenberger.

Man könne auch überlegen, dass Privatschulen, deren Lehrergehälter aus Steuermitteln finanziert werden, eine dem Durchschnitt der Gemeinde entsprechende Quote an Kindern mit bestimmten Merkmalen aufnehmen müssen. Diese Merkmale sollten eine Kombination aus Pflichtschulabschluss der Eltern und nicht deutscher Erstsprache sein, so Herzog-Punzenberger. Aus dem Pool dieser Kinder könnten die quotenmäßig reservierten Plätze an den Privatschulen dann mittels Los vergeben werden. Langfristig sei die Frage nach stärkerer Durchmischung zudem eine Frage von Schulneubauten und Wohnungspolitik.

Bildungsaufstieg gelingt nur selten

Die OECD kritisiert seit Jahren die zu geringe Durchmischung an den Schulen. Der Bildungsaufstieg in Richtung Hochschulabschluss gelingt in Österreich nur selten. Erst im Februar ortete eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bei österreichischen Schulen großen Reformbedarf, um den „starken Einfluss von sozioökonomischem Hintergrund auf den Lernerfolg der Schüler“ zu mindern. Positive Effekte soll demnach der Ausbau von Gesamtschulen haben.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Germanistin Inci Dirim weist im Interview mit ORF.at darauf hin, dass es beim Umgang mit sozialen Benachteiligungen sinnvoll sein könne, stärker als bisher ein behördliches Verteilungssystem von Mitteln zu implementieren. Dieses solle sich an einem Kriterienkatalog von sozioökonomischen Verhältnissen an Schulen orientieren und entsprechend Mittel verteilen.

„Anders unterrichten“

Schulfinanzierung auf Basis eines Chancenindex wird in unterschiedlichen Varianten seit geraumer Zeit diskutiert. Anhand einer Formel, die etwa soziale Merkmale berücksichtigt, sollen Ressourcen dabei in unterschiedlichem Ausmaß an die Schulen verteilt werden. So sollen etwa „Brennpunktschulen“ mehr erhalten. Teilweise sind solche Maßnahmen bereits umgesetzt.

Die Ressource alleine mache es aber leider nicht aus, so Dirim. Die Frage sei vielmehr, wie unterrichtet wird. Dirims Beobachtung nach gibt es in Österreich viele Lehrkräfte, die nicht wissen, wie man Schüler und Schülerinnen bei der Aneignung der deutschen Sprache unterstützt. Eine Professionalisierung der Lehrkräfte in diesem Bereich mit entsprechenden Fortbildungen und Schulbegleitungen sei von größter Bedeutung.

Einerseits damit der Unterricht mit unterschiedlichen Kompetenzen gelingt, andererseits um Benachteiligungen von Kindern zu reduzieren, die mit niedrigeren Kompetenzen im Deutschen eingeschult werden als vom System erwartet, so Dirim. Es gehe dabei nicht immer darum, dass etwas Zusätzliches im Unterricht gemacht wird, „sondern dass anders unterrichtet wird“.

Segregation auch nach Schulschluss

Allen Kindern zumindest einigermaßen gleiche Chancen für die Zukunft zu ermöglichen ist zweifellos eine der größten Herausforderungen für das Bildungssystem und die Bildungspolitik. In ihrer derzeitigen Form kann die Schule das allerdings nicht alleine leisten. Denn die Trennung von Kindern nach Herkunft, sozialem Status und Bildungsgrad der Eltern geht nach dem Unterricht weiter.

Anna geht zu Mittag in den Hort. Dort macht sie ihre Hausübung. Hat sie Schwierigkeiten, bekommt sie Unterstützung. Danach spielt sie mit den anderen Kindern, oft stehen auch Theater- und Museumsbesuche auf dem Programm. Elif geht nach der Schule nach Hause. Warum Geld für einen Hortplatz ausgeben, wenn die Mutter ohnehin zu Hause ist. Hat Elif Schwierigkeiten bei der Hausübung, kann ihre Mutter kaum helfen. Ihre Kenntnisse der Unterrichtssprache Deutsch reichen nicht.

Hürden für Chancengleichheit

Das Halbtagssystem, „das einen großen Teil der Lernleistung aus der Schule rausverlagert, entweder zur Mutter als ,Lerntrainerin‘ ihres Schulkindes oder in die Nachmittagsbetreuung“, ist laut Herzog-Punzenberger eine der Hürden auf dem Weg zur Chancengleichheit. Eine weitere sei die Trennung der Kinder mit zehn Jahren nach vermuteter Leistungsentwicklung.

In Systemen, die erst nach Ende der Pflichtschulzeit, also im Alter von 15 Jahren trennen, hätten Kinder aus benachteiligten Haushalten eine größere Chance aufzuholen. Das gelte für zugewanderte als auch für ansässige Familien, in denen die Eltern selbst keine mittlere oder höhere Bildung absolviert haben, kaum lesen und sich mit den in der Schule üblicherweise als wichtig erachteten Inhalten nicht beschäftigen.

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