Themenüberblick

Die Ichbotschaft im Wandel der Zeit

Das Münchner Lenbachhaus widmet sich in einer neuen Ausstellung einem aktuellen, brisanten Thema: „After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert“. Künstler arbeiten sich an den Mechanismen ab, die als Relikte der Vergangenheit galten, in Zeiten Sozialer Medien jedoch wieder zu greifen beginnen. Die Botschaft ist: Ich!

In den späten 20er Jahren wurde Virginia Woolf eingeladen, einen Essay zum Thema „Frauen und Literatur“ zu schreiben. „A Room of One’s Own“ sollte einer der wichtigsten Texte für die sich konstituierende Frauenbewegung werden. Woolf schreibt darin pointiert, was es braucht, damit Frauen schreiben können - und zwar nicht die paternalistisch-wohlwollende Zustimmung der Männer, sondern ganz einfach: „500 Pfund und ein eigenes Zimmer“.

Performance, Whitney Biennial 2008

Coco Fusco/Alexander Gray Associates, New York; Foto: Eduardo Aparicio

Ein eigenes Zimmer für Frauen? Cococ Fuscos radikale Auslegung einer alten feministischen Forderung

Virginia Woolf war eine jener Frauen, die jegliche Ausdrucksformen männlichen Dominanzverhaltens als das entlarvte, was sie sind: jahrtausendealte Propaganda - von wegen Frauen gehören hinter den Herd. Die 1960 geborene kubanisch-amerikanische Künstlerin Coco Fusco übernahm 2006 den Titel von Woolfs Essay für eine Performance und baute dadurch einen Referenzrahmen auf, den sie sogleich wieder sprengte. Denn im 21. Jahrhundert, gewaschen mit allen Wassern der Postmoderne, sind Zitate nur noch Samples und dazu da, nach Belieben eingesetzt zu werden.

Die Rolle der Frau - im Krieg gegen den Terror

Im Lenbachhaus wird ein Video von Fuscos Performance gezeigt. Man sieht die Künstlerin als Generalin verkleidet, inszeniert wie bei einer Pressekonferenz der US-Regierung zur Zeit des „Kriegs gegen den Terror“ in Afghanistan und im Irak. Eine übergroße Flagge, stramme, militärische Haltung, Uniform und projizierte Fotos. Zu sehen sind auf diesen Bildern Zimmer - „A Room Of One’s Own“ eben - die als Verhörkammern genutzt wurden. Die Botschaft: Frauen sollen sich einbringen im Kampf gegen die „Achse des Bösen“, dann bekommen sie nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern dürfen dort auch noch muslimische Männer sexuell erniedrigen.

TV-Hinweis

ORF2 berichtet am Donnerstag in der ZIB um 9.00 Uhr über die Ausstellung „After the Fact: Propaganda im 21. Jahrhundert“.

Sicher, Fuscos Humor ist nicht subtil, aber das war auch die Propaganda im Krieg gegen den Terror nicht, man erinnere sich an den damaligen US-Präsidenten George W. Bush, der den Einsatz seiner Truppen im Irak rechtfertigte, indem er - fälschlicherweise - behauptete, Diktator Saddam Hussein verfüge über Atomwaffen. Was zum nächsten Thema führt, das in der Ausstellung ausführlich abgehandelt wird: „Fake News“, ventiliert von Rechtspopulisten, viral geworden in Sozialen Medien.

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Propaganda, „Fake News“ und Social Media

Stephanie Weber, Kuratorin der Ausstellung „After the Fact: Propaganda im 21. Jahrhundert“ im Münchner Lenbachhaus, im Gespräch mit dem ORF über Propaganda, „Fake News“ und Social Media.

Der kalkulierte Schneeballeffekt

Im Interview mit dem ORF sagt Kuratorin Stephanie Weber: „Natürlich ändert sich Propaganda mit den neuen Medien. Wenn man an Soziale Medien denkt, die mit Algorithmen verfahren, dann heißt das, dass uns Meinungen wieder verstärkt zurückgegeben werden.“ Wenn sich eine Information nach dem Schneeballeffekt verbreitet, wirkt das mitunter wie Zufall. Doch die Mechanismen von Propaganda und PR sind den Algorithmen der Sozialen Medien eingeschrieben: Noch weiter verbreitet wird, was ohnehin schon gut ankommt.

Grundsätzlich gilt: Populär wird, worauf sich möglichst viele Menschen einigen können. Rechtspopulistische Politiker und ihre willfährigen Propagandisten in Boulevardmedien sind nicht erst seit gestern Profis in Sachen Verstärkereffekte. Sie wissen, wie sich aus einer Mücke ein Elefant und aus einem Gerücht eine Massenempörung machen lassen. Zuletzt wurde das der europäischen Öffentlichkeit während der sogenannten Flüchtlingskrise vorgeführt.

Von Mao bis Trump

Mit diesem Phänomen setzt sich auch der US-Künstler Sandon Birk (Jahrgang 1962) auseinander. Er arbeitet seit 2004 an einer illustrierten Ausgabe des Koran (American Qu’ran). Für die Illustrationen nimmt er Szenen aus dem amerikanischen Alltagsleben, die Konterfeis seiner Figuren zeigen Allerweltsamerikaner. Im Lenbachhaus ist ein Gemälde von ihm zu sehen, das Riot-Polizei nach dem Einsatz bei einer Bürgerrechtsdemonstration zeigt. Das Bild kann gelesen werden als Kommentar auf die angeblich so freie, gleichberechtigte US-Gesellschaft, die es laut US-Präsident Donald Trump gegen den Islam zu verteidigen gilt.

Kunstwerk Standing Down

Sandow Birk/P.P.O.W. Gallery, New York

Die Riot-Einheit nach getanem Einsatz; Gemälde von Sandon Birk

Samuel Fosso wiederum, 1962 in Kamerun geboren, inszeniert sich in seinen fotografischen Selbstporträts als Propagandist alter Schule, etwa in Mao-Pose, und arbeitet die sehr spezielle Ästhetik der ritualisierten Selbstüberhöhung heraus, die mit Diktaturen einhergeht. Damit lässt sich auf Instagram kein Pokal gewinnen - aber nur, weil Maos Frisur gerade nicht angesagt ist. Denn die Selfie-Kultur des dauerpräsenten Ichs erinnert mitunter auf erschreckende Weise an die Konterfeis von Diktaturen. Auch hier lautet die Botschaft, die es zu verbreiten gilt: Ich, ich, ich.

Ausstellungsansicht "After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert"

Lenbachhaus

Samuel Fosso schlüpft für seine Selbstporträts in die Rolle von Diktatoren

Überhaupt, meint Kuratorin Weber, ist Propaganda im Social-Media-Zeitalter weiter verbreitet, als man zunächst denken sollte. Wer online eine Strumpfhose bestellt hat, dem werden weitere Strumpfhosen zum Kauf empfohlen - und genauso funktioniere das auch in Sachen Politik: „Ich werde mit dem gefüttert, was mich interessiert. Das ist eigentlich der Inbegriff des Propagandakonzepts: Dass man Meinung nicht radikal ändert, sondern dass man sie verstärkt und kanalisiert.“

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