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Missbrauch gestiegen

Seit fast 40 Jahren ist Tramadol auf dem Markt. Das Opioid wird in der Medizin vor allem zur Linderung von Schmerzen eingesetzt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Mittel allerdings rasant verbreitet - unkontrolliert und unreguliert von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Einigen Studien zufolge wirkt das Schmerzmittel so stark wie Morphine, deren Verwendung international reguliert ist. Bisher verzichtet die WHO bei Tramadol darauf - aus unterschiedlichen Gründen. Die Konsequenzen sind dramatisch, berichtete das „Wall Street Journal“ („WSJ“). Vor allem in manchen Ländern Afrikas, Asiens und im Nahen Osten verbreiteten sich Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol.

Entwickelt wurde die synthetische Substanz von der deutschen Grünenthal GmbH, die das Medikament 1977 unter dem Namen Tramal auf den Markt brachte. Mit dem Auslaufen des Patents witterte die indische Generikabranche eine Chance auf ein lukratives Geschäft. Die billigen Exporte von Tramadol-Generika aus Indien vor allem seit Mitte der 2000er Jahre verbunden mit der Inaktivität von internationalen Drogenregulatoren beförderten den Missbrauch des Opioids vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wurden 1994 weltweit nach Angaben von Grünenthal noch 25.000 Kilogramm Tramadol konsumiert, waren es im Jahr 2000 bereits 148.000 Kilogramm.

„Es macht mich sehr stark“

Auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram ist das Opioid offenbar beliebt. Benin wurde in Afrika zum Umschlagplatz für die Ware aus Indien. Von dort werden die Pillen vor allem nach Kamerun und Nigeria gebracht. „Es macht mich sehr stark“, beschrieb ein 35-jähriger Mann in Kamerun gegenüber dem „WSJ“ die Wirkung von Tramadol. Er könne damit länger arbeiten und verdiene auch besser seinen Lebensunterhalt.

Beschlagnahmte Schmerzmittel

APA/AP

In Libyen wurde eine Containerladung Tramadol abgefangen

Allerdings musste er die Dosis sukzessive erhöhen, um noch denselben Effekt zu erzielen. Die indische Generikaindustrie stellte sich bereits darauf ein und liefert das Schmerzmittel in höheren Dosierungen. Je stärker allerdings die Dosierung, umso größer ist die Gefahr von Krampfanfällen, einem schnellen Kollaps und letztlich dem Tod.

Tramadol im Grundwasser

In Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer in Kamerun beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich.

Die Firma Grünenthal

Die Grünenthal GmbH ist ein 1946 in Deutschland gegründetes Pharmaunternehmen mit Sitz in Aachen. Es war das erste Unternehmen, das Penicillin auf dem deutschen Markt einführte. Größere Bekanntheit erlangte Grünenthal durch den Contergan-Skandal, verursacht durch den Wirkstoff Thalidomid im 1957 als Schlafmittel rezeptfrei erhältlichen Beruhigungsmittel. 1961 wurde es wegen gravierender Nebenwirkungen aus dem Verkehr genommen wurde.

Nur ein Jahr später zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten. Tramadol wird in dieser Region im Norden Kameruns offenbar so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landete und so von den Pflanzen aufgenommen wurde.

Notfälle auch im Westen gestiegen

Das Problembewusstsein für Tramadol steigt aber auch außerhalb Afrikas und Asiens. So warnten etwa britische Anti-Drogen-Aktivisten, dass sich rund um das Schmerzmittel ein wachsender Schwarzmarkt entwickelt habe, berichteten britische Medien. Auch die Zahl der auf Tramadol zurückzuführenden Todesfälle in Großbritannien ist gestiegen. In den USA verdreifachten sich die Notfälle, die auf Missbrauch von Tramadol zurückgingen, zwischen 2005 und 2011 auf über 21.000, wie Zahlen des US-Gesundheitsministeriums zeigen.

Widerstand wächst auch im Sportbereich. Vor allem Vertreter des Profiradsports lobbyieren für ein Verbot, da hier Tramadol inzwischen weite Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten, berichtete das „WSJ“. Die Nebeneffekte von Tramadol wie Benommenheit und Schwindel könnten die Radrennfahrer gefährden, wird befürchtet. Zudem sei das Narkotikum mit anderen bereits verbotenen Mitteln vergleichbar. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) setzte das Schmerzmittel aber auch für das Jahr 2017 nicht auf die Liste verbotener Substanzen.

„Essenzielles Medikament“

Jahrzehntelang ging man davon aus, dass das Schmerzmittel nicht besonders anfällig für Missbrauch sei. Eine Regulierung war für die WHO daher kein Thema. Nicht zuletzt deshalb wurde Tramadol auch nie vom Internationalen Suchtstoffkontrollrat (INCB) reguliert. Dieses Gremium überwacht die Einhaltung von UNO-Drogenkontrollverträgen. Der Rat gibt jedem Land Quoten, wie viel es produzieren, exportieren und importieren darf.

Medikamente unter INCB-Kontrolle können in ärmeren Ländern auch für medizinische Zwecke schwieriger erhältlich sein. Tramadol ist daher in vielen Regionen Kameruns und anderen Entwicklungs- und Schwellenländern das einzige Opioid für Schmerzpatienten. Denn es gibt aufgrund der fehlenden Kontrolle kein Limit bei Produktion und Exporten. Für die Organisation Ärzte ohne Grenzen ist Tramadol daher ein „essenzielles Medikament“.

Keine WHO-Regulierung

Die WHO tendiert auch aus diesem Grund bisher dazu, Tramadol unreguliert zu lassen. „Wir müssen vorsichtig sein, Menschen, die diese Medikamente wirklich brauchen, diese zu entziehen“, sagte etwa Gilles Forte vom zuständigen WHO-Komitee gegenüber dem „WSJ“. Unbekannt ist der WHO das Phänomen der steigenden Abhängigkeit von diesem Medikament insbesondere in Entwicklungsländern aber nicht. Schon 2003 habe sich das WHO-Komitee beunruhigt über vermehrte Fälle von Missbrauch und Abhängigkeitssymptomen gezeigt, berichtete das „WSJ“.

Die WHO-Experten fanden bisher aber immer Argumente, den Vertrieb von Tramadol nicht zu regulieren. 2006 stützte sich das Komitee etwa auf Studien mit Tieren, die zeigten, dass Tramadol ein geringes Missbrauchspotenzial habe. 2014 begründete das WHO-Komitee die Entscheidung gegen eine Regulierung mit „fehlenden Daten von einigen Ländern“.

Orale Einnahme wirkt stärker als Injektion

Im selben Jahr fanden US-Wissenschaftler heraus, dass injiziertes Tramadol aufgrund der unterschiedlichen Verarbeitung in der Leber eine schwächere Wirkung als Opioid hat, als wenn es oral eingenommen wird. Auch das ist möglicherweise ein Grund, warum bei Untersuchungen die Wirkung von Tramadol lange unterschätzt wurde.

In die Entscheidung der WHO, nicht zu regulieren, floss laut „WSJ“ auch die Position von Grünenthal ein. Bis heute beharrt das Unternehmen darauf, dass Tramadol nur ein „niedriges Missbrauchspotenzial“ habe. Es gebe den Missbrauch in manchen Ländern etwa in Afrika und im Nahen Osten, doch sei dieser im Kontext von „politischen und sozialen Instabilitäten“ zu sehen.

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