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Geld gegen Gesundheit

Offizielle Vertreter der USA sprechen inzwischen von einer Epidemie: Rund zwei Millionen US-Amerikaner sind von Opioiden abhängig. Der US-Bundesstaat Ohio klagte nun fünf Pharmakonzerne wegen der weitverbreiteten Sucht. Die Staatsanwaltschaft warf den Firmen vor, in ihrer Werbung gezielt das große Suchtpotenzial der rezeptpflichtigen Schmerzmittel zu verharmlosen.

Viele der abhängig gewordenen Patienten seien später zu Drogen wie Heroin oder zu anderen, stärkeren synthetischen Opioiden gewechselt, schrieb Generalstaatsanwalt Mike DeWine in der Klageschrift. Die Hersteller würden bis heute „herzlich wenig“ tun, um Verantwortung für das Opioid-Problem zu übernehmen und der Öffentlichkeit „die Wahrheit“ über diese Medikamente zu sagen. Die Klage zielt auf Schadenersatzzahlungen an die Behörden von Ohio sowie die Verbraucher ab. Zudem sollen die Firmen ihre Marketingpraktiken ändern. Konkrete Summen nennt die Klageschrift jedoch nicht.

Oxycodone-Tabletten

Reuters/George Frey

Allein 2015 starben mehr als 25.000 US-Amerikaner durch Opioide

Ohio folgt mit Klage Mississippi nach

Mit dem rechtlichen Schritt folgt Ohio dem US-Bundesstaat Mississippi, der 2015 als erster Bundesstaat eine ähnliche Klage gegen Pharmakonzerne eingereicht hat - der Rechtsstreit ist nach wie vor anhängig. Im März dieses Jahres klagten zudem zwei Bezirke in West Virginia aus denselben Gründen gegen Arzneimittelhändler.

Sie beschuldigten unter anderem zwei Firmen, dass sie durch die Vertreibung von riesigen Mengen an Opioiden die öffentliche Gesundheit gefährden und gegen die Gesetze des Bundesstaates verstoßen würden. Laut einem Bericht der „New York Times“ erreichten sie einen Vergleich in zweistelliger Millionenhöhe. Auch die Stadt Chicago und andere Bezirke in New York, Kalifornien und West Virginia befinden sich in einem laufenden Rechtsstreit mit Pharmafirmen.

Staatliche und lokale Regierungen im ganzen Land verfolgen die Verfahren mit Spannung. Viele suchen nach einem Weg, um gegen die Pharmaindustrie in Zusammenhang mit Opioiden vorzugehen. „Wir sind in laufenden Gesprächen mit Generalstaatsanwälten über das, was man nur als ‚nationale Epidemie‘ beschreiben kann“, sagte der New Yorker Rechtsanwalt Michael P. Canty kürzlich der „New York Times“. Seine Kanzlei berät Bundesstaaten bei möglichen Gerichtsverfahren.

Schlimmste Drogenkrise in US-Geschichte

Die Opioid-Krise gilt als die schlimmste Drogenkrise in der Geschichte der USA. Laut der US-Gesundheitsbehörde CDC starben seit dem Jahr 2000 mehr als 180.000 US-Amerikaner allein durch die Überdosierung legaler, aber verschreibungspflichtiger Medikamente wie Fentanyl, Hydrocodon und Oxycodon, die in Schmerzmitteln verwendet werden. Ohio ist einer der am stärksten betroffenen Staaten. Nach Angaben der dortigen Behörden wurden im vergangenen Jahr an 2,3 Millionen Patientinnen und Patienten Opioide verschrieben - das entspricht rund einem Fünftel der Bevölkerung des Mittelweststaates.

2015 starben laut CDC 25.000 US-Amerikaner durch opioidhaltige Schmerzmittel - das sind mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Und erstmals verloren mehr Menschen durch eine Überdosis Heroin ihr Leben als durch eine Schusswaffe. Abhängige steigen häufig auf die illegale Droge um, weil diese oft billiger zu bekommen ist als die verschreibungspflichtigen Schmerzmittel.

219 Millionen Rezeptverschreibungen

Im Gegensatz zu den Heroin- und Crack-Suchtepidemien der 70er und 80er Jahre, die ihre Opfer vor allem unter Afroamerikanern in armen Verhältnissen forderten, betrifft die aktuelle Drogenkrise laut „New York Times“ überdurchschnittlich viele weiße Männer mittleren Alters und Bürger aus der gebildeten Mittelschicht.

Während opioidhaltige Medikamente früher nur zur Behandlung von akuten und kurzfristigen Schmerzen verschrieben wurden, hat sich das in den vergangenen zwanzig Jahren stark geändert. Die rezeptpflichtige Medikamente werden von Ärzten oft allzu leichtfertig und in zu großer Menge verschrieben und von den Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen ebenso leichtfertig und über einen zu langen Zeitraum eingenommen. Zwischen 1991 und 2011 stieg die Anzahl der Schmerzmittelrezepte in den USA von 76 auf 219 Millionen pro Jahr.

Starke Pharmalobby

Laut Generalstaatsanwalt DeWine haben Pharmakonzerne diese Entwicklung stark vorangetrieben, indem sie seit Jahren „Millionen Dollar für Werbemittel ausgeben, die die Risiken, die von Opioiden ausgehen, leugnen oder verharmlosen“ und stattdessen ihre Verwendung bei chronischen Schmerzen propagieren. DeWine sprach zudem die starke - und mit viel Geld ausgestattete - Lobby der Pharmaindustrie an. Die Firmen würden prominente Ärzte, medizinische Gesellschaften und Interessengruppen von Patienten mit Geldern versorgen, um ihre Unterstützung für die Medikamente zu erhalten, so DeWine.

Pharmafirma reagiert auf Klage

Bisher hat eine Firma auf die Klage des Bundesstaates reagiert. Purdue Pharma, der Hersteller des starken Schmerzmittels OxyContin (in Österreich als Oxycodon bekannt), schrieb in einem Statement: „Wir teilen die Sorge des Generalstaatsanwalts über die Opioid-Krise und sehen uns dazu verpflichtet, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.“ Zudem bezeichnete sich die Firma als „führend innerhalb der Branche“, wenn es um die Abschreckung vor Missbrauch geht.

Einen ähnlichen rechtlichen Ansatz wie Ohio und Mississippi in Zusammenhang mit Opioiden haben US-Bundesstaaten auch in den 90ern verfolgt, um die Tabakindustrie zu klagen. Sie erreichten damit einen Vergleich über insgesamt 200 Milliarden US-Dollar.

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