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Großbritannien erneut Terrorziel

Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Großbritannien sind bei einem Terrorangriff in London in der Nacht zum Sonntag mindestens sechs Menschen getötet worden. Drei mutmaßliche Angreifer wurden nach Polizeiangaben erschossen. Die Täter griffen ihre Opfer zuerst mit einem Kleintransporter und dann mit Messern an. Mehr als 50 Menschen wurden verletzt. 48 seien in Spitäler gebracht worden, teilten Rettungskräfte Sonntagfrüh mit.

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Einige der Verletzten schweben laut dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan in Lebensgefahr. Premierministerin Theresa May hatte zunächst von einem möglichen Terrorakt gesprochen, die Polizei wenig später dann von Terroranschlägen. May berief Medienberichten zufolge für Sonntag eine Sondersitzung des Cobra-Komitees, des höchsten britischen Sicherheitsgremiums, ein. Am Donnerstag findet in Großbritannien die Parlamentswahl statt.

Rettungskräfte in London

APA/AFP/Daniel Sorabji

Verletzte werden von Einsatzkräften abtransportiert

Angriffe mit Lieferwagen und Messern

Laut Polizeiangaben fuhr am Samstagabend zunächst ein Lieferwagen auf der London Bridge in eine Gruppe von Fußgängern. Das Auto sei dann weiter zum nur wenige hundert Meter entfernten Borough Market gefahren. Dort stiegen drei mutmaßliche Täter aus und attackierten Menschen mit Messern.

Karte von London

OSM/ORF.at

Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden die Angreifer am Borough Market von Sicherheitskräften erschossen - acht Minuten nach Eingang des ersten Notrufs. Die Attentäter hätten Westen getragen, die so aussahen, als würden sie Sprengstoff enthalten. Die Westen hätte sich später jedoch als harmlose Attrappen entpuppt.

„Das war wie ein Amoklauf“

Zunächst hatte es geheißen, die mutmaßlichen Täter seien bereits auf der London Bridge aus dem Fahrzeug gesprungen und hätten verletzte Personen mit Messern attackiert. „Das war wie ein Amoklauf“, zitierte die BBC einen Zeugen. Anschließend seien die Täter zu Bars und Restaurants in der Umgebung gelaufen und hätten gerufen: „Dies ist für Allah!“

Auf Twitter hatte die Polizei die Bevölkerung aufgefordert, das Gebiet zu meiden. Die London Bridge wurde komplett abgeriegelt. Der Borough Markt ist eine beliebte Touristenattraktion. Die Polizei sperrte große Areale in der Stadt weiträumig ab. Sie bat die Menschen, nicht leichtfertig Videos und Bilder von den Tatorten in Umlauf zu bringen.

Polzeihubschrauber landet auf der London Bridge

APA/AP/PA/Dominic Lipinski

Die Polizei war mit einem Großaufgebot auf der London Bridge

Zunächst war vermutet worden, dass es auch im Stadtteil Vauxhall einen Angriff gab. Dabei handelte es sich aber um eine Messerstecherei, die nichts mit den Terrorattacken im Zentrum zu tun habe, teilte Scotland Yard mit. Die vorübergehend geschlossene U-Bahn-Station Vauxhall wurde wieder geöffnet. Als Reaktion auf die Terrorattacken wird die Polizei ihre Präsenz in der britischen Hauptstadt in den nächsten Tagen verstärken. Das sagte Großbritanniens Anti-Terror-Chef Mark Rowley.

Erinnerung an Anschlag vom 22. März

Erst vor knapp zwei Wochen hatte ein 22-jähriger Selbstmordattentäter nach einem Konzert des Teenie-Stars Ariana Grande in Manchester mit einer Bombe 22 Menschen mit in den Tod gerissen. Bei dem Terroranschlag waren mehr als 100 Personen verletzt worden.

Menschen verlassen den Ort des Terroranschlags in London

Reuters/Hannah McKay

Fußgänger verlassen den Tatort nahe der London Bridge

Die Terrorattacke auf der London Bridge erinnert sehr an einen Angriff im März: Am 22. März war ein 52-jähriger Mann auf der Westminster-Brücke in London mit hohem Tempo in Fußgänger gefahren. Anschließend tötete er mit einem Messer einen unbewaffneten Polizisten. Bei dem Terrorangriff waren sechs Menschen ums Leben gekommen und Dutzende Menschen verletzt worden. Der Attentäter wurde erschossen.

Wahlkampf wird ausgesetzt

Premierministerin May setze ihren Wahlkampf vorübergehend aus, teilte ihr Sprecher Sonntagfrüh mit. Auch die oppositionelle Labour-Partei kündigte eine Unterbrechung ihres Wahlkampfs an. Damit werde den Toten und Verletzten Respekt gezollt, erklärt Parteichef Jeremy Corbyn. Das sei in Absprache mit den anderen Parteien entschieden worden. Laut den jüngsten Umfragen liegen die Torys nur mehr knapp vor Labour.

IS feiert Anschlag

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) feierte den Anschlag in London als Erfolg. Das berichtete die auf die Auswertung dschihadistischer Propaganda spezialisierte SITE Intelligence Group in der Nacht auf Sonntag unter Berufung auf IS-nahe Medien. Der IS hat den Anschlag bisher nicht offiziell für sich reklamiert.

Die Terrorgruppe hatte den Anschlag auf das Popkonzert in Manchester vor zwei Wochen für sich beansprucht. Die Extremisten warnten, dass das, „was als Nächstes kommt“ noch schlimmere Folgen für „die Anhänger des Kreuzes“ haben werde, twitterte die Direktorin der SITE-Group, Rita Katz. Sie verwies darauf, dass am Anschlagstag in einer dem IS nahestehenden Chat-Gruppe Mitglieder aufgefordert worden seien, Zivilisten mit Fahrzeugen, Schusswaffen und Messern zu töten.

Bürgermeister: „Gezielte und feige Attacke“

Londons Bürgermeister Khan sprach von einer „gezielten und feigen Attacke“ auf unschuldige Londoner und Besucher. Der Terroranschlag ist nach Ansicht von Khan ein Angriff auf den westlichen Lebensstil. Über die Terroristen sagte Khan am Sonntag im Radio BBC 5: „Sie hassen, dass wir am Samstagabend ausgehen. (...) Sie hassen es, dass wir eine Parlamentswahl abhalten.“

Die britische Innenministerin Amber Rudd nannte die Attacke „entsetzlich“. Diese habe sich gegen Menschen gerichtet, die sich mit ihren Freunden und Familien amüsiert hätten. Unter diesen „schwierigen und traumatischen Umständen“ sei sie vor allem der Polizei und den Sicherheitskräften für ihren schnellen Einsatz dankbar, so die Innenministerin.

Einsatzkräfte beim Terroranschlag in London

Reuters/Hannah McKay

Die Polizei sperrt große Areale in der Stadt weiträumig ab

Der britische Muslimenverband MAB verurteilte die Terrorattacken. „Als Mitglieder der britischen Gesellschaft müssen wir weiterhin alle Terrorakte verurteilen“, sagte der MAB-Vorsitzende Omer El-Hamdoonin Sonntagfrüh. „Wir dürfen diesen Kriminellen nicht erlauben, Hass und Angst zu verbreiten. Wir müssen ihre Versuche vereiteln, uns zu spalten.“

Van der Bellen: Grausamer Angriff

Bundespräsident Alexander Van der Bellen verurteilte den Anschlag scharf. Der Anschlag sei „ein grausamer Angriff auf friedlich flanierende Menschen. Diese gemeinen und hinterhältigen Taten sind aufs Schärfste zu verurteilen. Unsere Solidarität gilt in diesen Stunden dem Vereinigten Königreich. Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen, ihren Freundinnen und Freunden“, so Van der Bellen Sonntagfrüh.

Den Verletzten wünschte er rasche Genesung. Gemeinsam müsse man „mit aller Entschiedenheit jede Form von Terrorismus unter Einhaltung unserer Grundrechte bekämpfen“, so der Bundespräsident in einer Aussendung.

Neuerliche Terrorattacke in London

Mitten in der Stadt haben am späten Samstagabend Terroristen an zwei verschiedenen Orten Anschläge verübt. Mindestens sechs Menschen sind getötet worden, Dutzende wurden verletzt.

EU-Spitze entsetzt

Mit Bestürzung reagierten EU-Spitzenpolitiker. Er verfolge die Ereignisse mit Entsetzen, erklärte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker noch in der Nacht zum Sonntag auf Twitter. „Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und ihren Familien.“

EU-Ratspräsident Donald Tusk erklärte Sonntagfrüh: „Mein Herz und meine Gedanken sind nach einem weiteren feigen Angriff in London. Europa steht an der Seite des Vereinigten Königreichs im Kampf gegen den Terrorismus.“ EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani twitterte: „Wir trauern in Solidarität mit den Opern und den Familien der abscheulichen #LondonBridge-Attacke. Diese Taten müssen ein Ende haben!“

Roland Adrowitzer berichtet aus London

ORF-Korrespondent Roland Adrowitzer berichtet in London, wie derzeit die Situation in der britischen Hauptstadt ist.

Trump drängt aus US-Einreisestopp

US-Präsident Donald Trump habe May noch in der Nacht telefonisch sein Mitgefühl ausgesprochen, teilte das Weiße Haus in Washington mit. Auf Twitter schrieb Trump: „Was auch immer die Vereinigten Staaten tun können, um in London und im Vereinigten Königreich zu helfen, wir werden da sein.“

Trump verwendete den Anschlag auch für die US-Innenpolitik. Er bekräftigte seine Forderung nach einem Einreisestopp für Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern. „Wir müssen klug, wachsam und hart sein“, schrieb Trump auf Twitter. „Wir brauchen das Einreiseverbot als zusätzliche Sicherheitsstufe.“ Trump richtete einen Appell an die Justiz, die sein Dekret gestoppt hatte: „Die Gerichte müssen uns unsere Rechte zurückgeben.“

Solidarität von Merkel und Macron

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte bestürzt und sicherte Großbritannien Deutschlands Solidarität zu: „Wir sind heute über alle Grenzen hinweg im Entsetzen und der Trauer vereint, aber genauso in der Entschiedenheit.“ Sie bekräftige, „im Kampf gegen jede Form von Terrorismus stehen wir fest und entschlossen an der Seite Großbritanniens.“ Merkel bekundete den Opfern und ihren Angehörigen ihre Anteilnahme.

Der französische Staatspräsidenten Emmanuel Macron schrieb auf Twitter, Frankreich stehe nach der „neuen Tragödie“ an der Seite Großbritanniens. „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien.“

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