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Die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen

Mit „Life, Animated“ erzählt Regisseur Roger Ross Williams die Geschichte eines Autisten, der mit Hilfe von Disney-Filmen nicht nur seine Sprache, sondern auch seinen Weg in der Welt der Erwachsenen findet. Die Dokumentation begleitet den inzwischen 23-jährigen Owen Suskind bei seinen ersten Schritten in ein unabhängiges Leben.

Owen ist drei Jahre alt, als seine Eltern anfangen, Veränderungen in seinem Verhalten zu bemerken. Der eigentlich so aufgeweckte Bub zieht sich zurück, wird verschlossener und hört schließlich auf zu sprechen. Diagnose: Autismus. Für Cornelia und Ron Suskind beginnt ein langer Weg zwischen Ärzten und Therapien, die Owen nicht aus seiner eigenen Welt befreien können. Wer es allerdings kann, sind Mogli und Peter Pan, Arielle und Aladdin. Als die Eltern verstehen, dass Owen mittels der Disney-Filme versucht, mit ihnen zu kommunizieren, und darauf eingehen, findet der Bub nicht nur seine Sprache wieder, sondern auch langsam zurück ins Leben.

Zwischen den Welten

„Life, Animated“ begleitet den mittlerweile erwachsenen Owen im Alltag, lässt seine Eltern zu Wort kommen und die letzten 20 Jahre Revue passieren und mischt diese dokumentarischen Elemente mit liebevoll gezeichneten Animationen, die die Welt aus der Sicht des Autisten zeigen. Einzelne Sequenzen aus Disney-Filmen werden neben Ereignisse aus Owens Leben gestellt, vermitteln einen Eindruck, wie er seine Umwelt wahrnimmt und schlagen eine Brücke zwischen seiner Welt und der seiner Familie.

Das Leben als Disney-Skript

Für Menschen mit Autismus ist es schwer, sich mit ungewohnten, nicht vorhersehbaren Dingen zu arrangieren. Soziale und emotionale Signale sind für sie schwer zu deuten. In Owens Fall sind es die Filme, die Struktur bringen und ihm helfen, seine Mitmenschen zu verstehen; was übertrieben ist, ist für ihn leichter zu interpretieren. Für jedes Gefühl, das er ausdrücken will, jedes Problem, das es zu lösen gilt, hat Owen einen Film. „Das Dschungelbuch“ steht für den Wunsch, Freunde zu haben, „Hercules“ dafür, niemals aufzugeben.

Ein ganz normaler Bub

Owens Vater, der Journalist und Pulitzer-Preisträger Ron Suskind, hat die Romanvorlage zu dem Film über das Leben seines Sohnes geliefert und das Buch „Life, Animated: A Story of Sidekicks, Heroes, and Autism“ bereits 2014 veröffentlicht. Während Suskinds Buch sich mit Owens Vergangenheit auseinandersetzt, hat Williams einen anderen Zugang zur Geschichte gefunden: Owens Leben wird zu einer klassischen Coming-of-Age-Story.

Owen beim Zeichnen

Polyfilm

Owen beim Zeichnen seiner Lieblingsfiguren

Williams selbst, der Owen bereits als Kind kennenlernen durfte, zeigt sich nach anfänglichen Berührungsängsten von dem außergewöhnlichen Buben und seiner Sicht auf die Welt beeindruckt: „Ich finde es einfach faszinierend, wie Owen Storys interpretiert und verarbeitet. Sein Verständnis von Geschichten hat mir als Filmemacher ganz neue Perspektiven in Bezug auf unterschiedliche Erzähltechniken eröffnet.“

Das Land der verlorenen Gehilfen

Neben Disneys Animationen spielen im Film auch die des französischen Animationsstudios Mac Guff eine tragende Rolle. Sie zeigen vor allem die Welt, wie Owen sie als Kind erlebt hat. Träume und Ängste, die ihn beschäftigt haben, und Zeichnungen, die er selbst gefertigt hat, werden zum Leben erweckt.

Eine eigene, autobiografische Story, die sich Owen selbst ausgedacht hat, entspricht den Problemen, mit denen er sich in seinem Leben auseinandersetzt. Der Bösewicht dieser Geschichte wird zum Symbol seines Autismus, während er selbst sich als Beschützer der Gehilfen sieht, die den Helden helfen, ihr Schicksal zu erfüllen.

Ein Film über Angst, Freude und Zuversicht

Während für uns Themen wie die erste Liebe oder die erste eigene Wohnung aufregende Meilensteine sind, stellen sie für Owen eine zusätzliche Herausforderung dar. „Life, Animated“ gibt ihm die Möglichkeit, diese selbst aus seiner Sicht zu erzählen. Deutlich werden einerseits die zusätzlichen Hürden, die ein junger Mensch mit Autismus im Alltag zu meistern hat, gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass Dinge wie die Trennung von der vertrauten Umgebung und der erste Liebeskummer Stationen des Erwachsenwerdens sind, die keiner vermeiden kann.

Selbstportrait von Owen mit Disney Charakteren

Polyfilm

Owen im Kreise seiner Lieblinge: Jago („Aladdin“), König Louie („Dschungelbuch“) und „Dumbos“ Maus

„Life, Animated“ ist nicht nur die berührende Geschichte eines Buben, sondern mindestens genauso die seiner Eltern. Cornelia und Ron Suskind gewähren den Zusehern tiefe, ehrliche Einblicke in ihre schwerste Zeit und demonstrieren eindrucksvoll, wie ihr Familienzusammenhalt und ihre eigene Überzeugung, das Richtige zu tun, aus einem Kind, das in seiner eigenen Welt lebt, einen selbstständigen jungen Mann gemacht haben.

Williams ist es gelungen, einen außergewöhnlichen Film über Angst und Freude, Ungewissheit und Zuversicht zu schaffen, der dabei auf den sehr oft missverstandenen Autismus aufmerksam macht. Ganz nebenbei bricht „Life, Animated“ dank Owen eine Lanze für die zu Unrecht nicht als ernstzunehmende kinematografische Werke wahrgenommenen Disney-Filme. So wird ein simpel wirkender Zeichentrickfilm plötzlich zu einer Möglichkeit, eine andere Welt verstehen zu lernen - nicht nur für Owen, sondern für uns alle.

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