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Debatte über Ethik und Elternrechte

Der zehn Monate alte Charlie Gards aus Großbritannien leidet an mitochondrialer Myopathie, einer seltenen und schweren genetischen Krankheit. Die behandelnden Ärzte sehen keine Chance auf Heilung, weswegen ein Londoner Gericht im April die Abschaltung der lebenserhaltenden Maßnahmen verfügte. Die Eltern des Buben wehren sich dagegen. Nach kurzem Aufschub dürfte nun bald die endgültige Entscheidung fallen.

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Der Rechtsstreit über die Zukunft des Buben beschäftigt die britische Öffentlichkeit seit Wochen und sorgt für emotionale Kontroversen. Das Londoner Gericht hatte den Behandlungsstopp auf Antrag seiner Ärzte beantragt, damit der Bub „in Würde“ und ohne weitere Schmerzen sterben könne. Richter Nicholas Francis urteilte „mit sehr schwerem Herzen“, aber „vollständig überzeugt“, dass das Krankenhaus die lebenserhaltenden Maßnahmen in Charlies Interesse beenden müsse.

Aufschub bis Dienstag

Die Eltern des Buben gingen zweimal in Berufung und scheiterten beide Male. Nun aber kippte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) am Dienstag das Urteil und forderte Großbritannien dazu auf, die lebenserhaltenden Maßnahmen für das Baby noch bis mindestens „Montagmitternacht“ fortzusetzen. Ein Gericht ordnete eine Verlängerung auf Dienstag an.

Anschließend soll ein Gericht die finale Entscheidung über das Schicksal des Buben treffen. Der Aufschub soll den Eltern die Möglichkeit gegeben, ihre Beschwerde zu untermauern. Diese wollen das Baby mit einer experimentellen Versuchsmethode in den USA behandeln lassen. Dafür sammelten sie bis jetzt umgerechnet mindestens 1,4 Millionen Euro an Spendengeldern.

Eltern haben Hoffnung

Die behandelnden Ärzte am Londoner Krankenhaus Great Ormond Street glauben nicht, dass die Therapie Wirkung zeigen würde. Aufgrund der schweren, irreparablen Hirnschäden würde sich der Zustand des Buben auch bei einer erfolgreichen Behandlung nicht mehr bessern. Viel mehr könne er bei der Fortsetzung der Behandlung weitere Schmerzen erleiden. Charlies Eltern argumentieren, dass ihr Sohn „nichts zu verlieren hätte“, als die Chance auf ein „glücklicheres und gesünderes Leben“.

Der Fall hat nicht nur eine Debatte über medizinische Ethik, sondern auch über Elternrechte entzündet. Laut dem Anwalt der Eltern, Richard Gordon, würden die Gerichtsurteile die Entscheidungsmacht der Eltern untergraben. Das Problem sei die Frage, ob der Staat die Macht habe, in die Entscheidungen der Eltern einzugreifen. Es handle sich um vorbildliche Eltern, die alles versuchen würden, um die Situation ihres Kindes zu verbessern. „Ihre Ansicht, was das Beste für Charlie ist, unterscheidet sich von jener der Gerichte.“

„Würde Prozess des Sterbens nur verlängern“

Diese wiederum argumentieren, dass die minimale Chance auf eine mögliche Besserung seines Gesundheitszustandes von den Schmerzen durch seine Krankheit und deren Behandlung überwogen würde sowie dass den Gerichten eine unabhängige und objektive Entscheidung zum Wohl des Buben möglich sei.

Laut dem Gericht kann das Baby nicht sehen, hören, kein Geräusch von sich geben und sich nicht bewegen. Die lebenserhaltenden Maßnahmen würden den „Prozess des Sterbens nur verlängern“, argumentierten die Ärzte.

Weltweit ist Charlie erst der 16. dokumentierte Fall der schweren Erbkrankheit. Zu ihren Folgen gehören unter anderem Muskelschwund sowie Organ- und Hirnschäden. Vor allem im Kindsalter kann die Krankheit tödlich verlaufen. Eine Heilung gibt es nicht, die Symptome lassen sich je nach Schweregrad der Erkrankung durch Behandlung lediglich lindern.

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