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Deutsche Wiedervereinigung als Höhepunkt

Helmut Kohl ist tot. Der deutsche Altkanzler starb Freitagfrüh in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren. Die CDU-Bundeszentrale bestätigte am Freitag einen entsprechenden Bericht der „Bild“-Zeitung.

Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Er galt als Vater der Deutschen Einheit und einer der Persönlichkeiten, der die Deutschen überzeugte, die Deutsche Mark für den Euro aufzugeben. Seit einem schweren Sturz 2008, bei dem Kohl ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, saß er im Rollstuhl, in den vergangenen Jahren mied er die Öffentlichkeit.

„Gefesselter Riese“

Österreichs Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) sprach in Dresden bei einem Festakt zum 25. Jahrestags des deutschen Mauerfalls im Beisein von Kohl auch von einem „gefesselten Riesen“. Der einstige CDU-Übervater, dem Partei und Bürger über viele Jahre folgten, und an dem sich viele Menschen bis heute reiben, wurde heuer am 3. April 87 Jahre alt.

Abseits eines schlagzeilenträchtigen Schlagabtauschs mit seinem ehemaligen Ghostwriter Heribert Schwan ist es in den vergangenen Jahren still um Helmut Kohl geworden. Als bezeichnend galt auch, dass die Partei, die Kohl so lange prägte, auf eine Feier zum 85. Geburtstag verzichtete und sich stattdessen mit einem Symposium begnügte. Außer Frage steht: Viele Weggefährten hatten sich von Kohl abgewandt, und sein Verhältnis zu weiten Teilen der CDU war seit der 1999 aufgedeckten Spendenaffäre, die Kohl auch den CDU-Ehrenvorsitz kostete, mehr als getrübt.

Über 40 Jahre Parlamentarier

Dennoch blickt Kohl auf eine wohl beispiellose politische Karriere zurück: Über 40 Jahre war er Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und ab 1976 im Deutschen Bundestag. Sieben Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Als erster deutscher Kanzler kam er durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 an die Macht und stürzte Helmut Schmidt (SPD).

Politisch errang er Rekorde, die Nachfolger nur schwer brechen können: 16 Jahre Bundeskanzler (1982 bis 1998), 70 Jahre Parteimitglied, 25 Jahre CDU-Vorsitzender. Und er sicherte sich seinen Platz in der Geschichte als der Kanzler, der die Chance zur deutschen Einheit schnell und entschlossen nutzte: Kohl wurde zum „Kanzler der Einheit“.

Das System Kohl

Während seiner Amtszeit baute der Machtmensch auf das sprichwörtliche System Kohl. Durch langjährige und regelmäßige Kontakte mit den CDU-Orts- und Kreisvorsitzenden schuf er sich eine derart starke Machtbasis, dass er nicht auf das klassische Partei-Establishment angewiesen war.

US Präsident Bill Clinton mit dem deutschen Kanzler Helmut Kohl

APA/AFP/Paul J. Richards

Kohl mit US-Präsident Bill Clinton 1993

Das System Kohl funktionierte auch auf internationaler Ebene. Die von ihm gesuchten und gepflegten engen persönlichen Beziehungen zum französischen Präsidenten Francois Mitterrand, zu Michail Gorbatschow und Boris Jelzin sowie zu den US-Präsidenten George Bush und Bill Clinton waren wesentliche Voraussetzungen dafür, Ängste vor einem wiedervereinigten Deutschland zerstreuen zu können.

Ein weiteres Merkmal war das schon legendäre Aussitzen von Problemen und Krisen. Das führte allerdings auch dazu, dass angekündigte und notwendige Reformen nur schleppend umgesetzt wurden. Die Unzufriedenheit mit dem Kanzler, der für eine „geistig-moralische Wende“ angetreten war, gipfelte 1989 in Putschplänen seiner innerparteilichen Widersacher um Heiner Geißler, Lothar Späth und Rita Süssmuth. Durch das System Kohl bekam der Kanzler Wind davon und konnte sie abwehren.

Symbolträchtige Gesten

Wenig später sprach niemand mehr davon, denn die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen. Kohl ergriff die einzigartige Chance, und es gelang ihm, den Widerstand gegen die deutsche Einheit zu zerstreuen. Den Grundstein dafür legte er im Dezember 1989. Kohl wählte einen symbolträchtigen Ort. Vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche rief er aus, dass von deutschem Boden nie mehr Krieg und immer Frieden ausgehen müsse.

Frankreichs Präsident Francois Mitterrand 1984 mit dem deutschen Kanzler Helmut Kohl

APA/AFP/Marcel Mochet

Der französische Präsident Francois Mitterrand mit Kohl

Immer wieder setzte Kohl auf symbolträchtige Gesten - nicht immer mit Erfolg. Im September 1984 trafen sich Kohl und Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun, um der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken. Die Bilder des minutenlangen Händedrucks wurden zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung. Ein halbes Jahr später löste der gemeinsame Besuch Kohls und des US-Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg heftige Kontroversen aus: Auf dem Friedhof sind auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt.

Rücktritt 1998

Der Wahlsieg von Rot-Grün beendete 1998 Kohls Zeit im deutschen Bundeskanzleramt. Mit einem Rücktritt liebäugelte Kohl aber bereits 1996/97: „Ich glaubte, 14 Jahre waren genug. Ich hatte auch genug geschafft“, sagte er in einem NDR-Interview, das 2003 geführt und in ganzer Länge erst zwölf Jahre später ausgestrahlt wurde.

Er wollte den Weg frei machen für Wolfgang Schäuble - doch dann rückte die Euro-Einführung näher, und er sah sich als einziger Garant, die damalige knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag zu sichern. „Ich musste es durchsetzen. Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden“, sagte Kohl 2003 im Rückblick.

Verhängnisvolle Spendenaffäre

Mit der CDU-Spendenaffäre, die die Partei und die ganze Republik 1999 erschütterte, verlor Kohl schließlich für viele Menschen seine Vorbildfunktion. Es war Merkel, die als Generalsekretärin die CDU von ihrem Übervater emanzipierte. Für viele markiert das den Beginn ihrer fortan wachsenden Stärke bis zur eigenen Kanzlerschaft 2005.

Kohl stellte sich bis zuletzt über geltendes Recht, indem er die Namen jener Spender verschwieg, von denen er Geld am Gesetz vorbei für die Parteiarbeit angenommen hatte. Er habe den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben, begründet Kohl die Vorgangsweise. In der Politik galt Kohl als Machtmensch - nicht nur zu Kanzler-Zeiten beförderte er Karrieren und vernichtete sie.

Offener Schlagabtausch mit Ex-Biografen

Ungeachtet seines angeschlagenen Gesundheitszustands ließ es sich Kohl nicht nehmen, sein zusammen mit seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter geschriebenes Buch „Aus Sorge um Europa“ vorzustellen. Maike Kohl-Richter wird von verschiedenen Seiten verantwortlich gemacht für Kohls Entfernung von seinen Söhnen Walter und Peter und alten Wegbegleitern wie seinem Fahrer Eckhard „Ecki“ Seeber. Kohls früherer Ghostwriter Schwan erklärte Maike Kohl-Richter sogar offen zu seinem „Feindbild“.

Schwan saß 2001 und 2002 mehr als 600 Stunden mit Kohl zusammen und nahm dessen Erzählungen für die Memoiren des Altkanzlers auf Band auf. 2014 veröffentlichte Schwan aber sein eigenes Buch „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ - mit saftigen, von Kohl nicht freigegebenen Zitaten über Angela Merkel („Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“), Heiner Geißler, Rita Süssmuth und anderen.

Eine Million Schadenersatz

Kohl klagte mit Erfolg auf Herausgabe der Bänder und gegen die Verwendung von etlichen Zitaten. Erst heuer wurde das Verbot von 116 Textpassagen des Bestsellers von einem Gericht bestätigt. Und Kohl wurde Schadenersatz in Höhe von einer Million Euro zugestanden.

In dem Zivilverfahren hatte Kohl die Autoren Schwan und Jens sowie den Heyne-Verlag aus der Verlagsgruppe Random House auf fünf Millionen Euro verklagt. Die bisher höchsten Summen, die für schwere Verletzungen des Persönlichkeitsrechts durch unzulässige Veröffentlichungen zugesprochen wurden, bewegten sich um die 400.000 Euro. Die Summe von einer Million Euro ist daher ein Rekord.

Seit 2008 wieder verheiratet

Bereits 2011 wurde es dem Journalisten per einstweiliger Verfügung auch verboten, das Buch „Die Frau an seiner Seite“ über Kohls erste Frau Hannelore zu veröffentlichen. Hannelore, die Kohl 1960 heiratete, litt an einer unheilbaren Lichtallergie und nahm sich 2001 das Leben.

2008 heiratete Kohl die mehr als 30 Jahre jüngere Regierungsdirektorin Maike Richter. Zu seiner Hochzeit waren seine Söhne nicht eingeladen. Walter Kohl berichtete später von Enttäuschung, Kummer und Distanz in seinem Leben als Kanzlersohn. Vor zwei Jahren sprach er aber von „einseitiger Versöhnung“ mit seinem Vater. Dieser sagte im November 2014 dem „Stern“, er habe kein gutes Verhältnis zu seinen Söhnen. Und trotzdem: „Ich bin glücklich.“

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