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„Menschen werden schlicht sterben“

In einem dramatischen Appell hat der UNO-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien den Weltsicherheitsrat zu Hilfe für Millionen hungernder Menschen aufgerufen. Nach seinen Worten droht rund 20 Millionen Menschen in vier Ländern der Hungertod, sollte sich die internationale Gemeinschaft nicht zu einer größeren Hilfsaktion entschließen.

O’Brien hatte kurz zuvor die Krisengebiete im Jemen, im Südsudan, in Somalia sowie in Nigeria besucht und sich ein Bild von der Lage gemacht. „Menschen werden schlicht und einfach den Hungertod sterben“, sagte er den im Sicherheitsrat vertretenen Diplomaten. Laut dem Nothilfekoordinator sei ein „kritischer Punkt in der Geschichte der Vereinten Nationen“ erreicht, heißt es in einer UNO-Mitteilung.

Größte humanitäre Krise in UNO-Geschichte

Die UNO sei mit der größten humanitären Katastrophe seit ihrer Gründung konfrontiert. „Die Lage für die Menschen in diesen Ländern ist schrecklich, und ohne eine große internationale Reaktion wird sie noch schlimmer“, sagte der Brite. „Alle vier Länder haben eine Sache gemeinsam - den Konflikt. Das bedeutet, dass wir (die UNO, Anm.) die Möglichkeit haben, weiteres Elend und Leiden zu verhindern.“ Rasche Hilfe und auch finanzielle Hilfe seien nötig, da noch die Gelegenheit bestehe, das Schlimmste zu verhindern.

Anfang der Woche hatte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres bei einem Besuch in Somalia Hilfsgelder in der Höhe von 825 Millionen Dollar (773 Mio. Euro) erbeten. Es gebe dringenden Handlungsbedarf, sagte Guterres, „Menschen sterben“. Die Welt müsse jetzt handeln. In dem Land am Horn von Afrika versucht die islamistische Terrormiliz al-Schabab, einen Gottesstaat zu errichten. Die sunnitischen Extremisten kontrollieren Teile des Landes und verüben immer wieder blutige Angriffe - auch in Nachbarstaaten.

Zahllose Menschen ohne Versorgung

Allein in Somalia sind laut UNO-Angaben mehr als sechs Millionen Menschen - etwa die Hälfte der Bevölkerung - infolge einer schweren Dürre auf humanitäre Hilfe angewiesen. Mangels sauberen Trinkwassers ist die Cholera ausgebrochen, mehr als 7.700 Fälle wurden den Vereinten Nationen zufolge in den vergangenen zwei Monaten dokumentiert.

Auch im Bürgerkriegsland Jemen sind nach UNO-Angaben rund sieben Millionen Menschen akut unterernährt oder wissen nicht, wie sie an ihre nächste Mahlzeit kommen sollen. Im Jemen kämpfen schiitische Huthi-Rebellen gegen die sunnitische Regierung unter Präsident Abd-Rabbu Mansur Hadi. Die humanitäre Lage ist katastrophal, Millionen Menschen hungern und sind von der medizinischen Versorgung abgeschnitten.

Im Südsudan ist die Lage laut einem Bericht des UNO-Büros für Humanitäre Hilfe (UNOCHA) ebenfalls prekär. Mindestens eine Million Menschen stünden an der Schwelle zur Hungersnot, mindestens 5,5 Millionen Menschen sind laut UNO auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Die Helfer benötigten 1,6 Milliarden US-Dollar für die Versorgung der Menschen. Bisher seien erst knapp zehn Prozent davon finanziert.

„Uhr zeigt zwei Minuten für zwölf“

„Wir dürfen uns nicht an die Hungersituation gewöhnen“, so Caritas-Präsident Michael Landau vor Journalisten in der nordkenianischen Stadt Marsabit in der gleichnamigen Region. „Die Uhr zeigt zwei Minuten vor zwölf. Die Situation ist dramatisch, ohne Hilfe droht eine Katastrophe. Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2017 die Kinder verhungern. Solange alle zehn Sekunden ein Kind am Hungertod stirbt, haben wir versagt“, so Landau.

Landau kritisiert, dass in Österreich nur 0,05 Prozent der angepeilten zwei Prozent für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt („least developed countries“) ausgegeben würden. Er fordert zudem einen Afrika-Schwerpunkt während Österreichs EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2018. 0,7 Prozent des BIP sollten laut EU für die Entwicklungszusammenarbeit aufgewendet werde. Landau kritisiert, dass darunter auch die Flüchtlingshilfe fällt.

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