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Trennung von mächtigen Widersachern

Kurz nach der Beurlaubung seines Finanzchefs George Pell trennt sich Papst Franziskus nach Medienberichten nun vom deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Die Amtszeit des 69-Jährigen als Chef der mächtigen Glaubenskongregation werde nicht verlängert, bestätigte der Vatikan am Samstag. Zuvor hatte unter anderen die Zeitung „La Stampa“ darüber berichtet.

Nachfolger werde der bisherige Sekretär der Kongregation, der spanische Erzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer. Er ist wie Papst Franziskus Jesuit. Gründe für diesen Schritt wurden nicht genannt. Allerdings war bekannt, dass Franziskus und Müller nicht immer auf gleicher Linie lagen: Der Deutsche gilt als konservativer Hardliner, der grundlegende Reformen in der katholischen Kirche ablehnt.

Der 69-Jährige, 2012 von Franziskus-Vorgänger Benedikt XVI. in den hohen Posten gehoben, gilt etwa als führender Kritiker des Schreibens über Familie und Liebe, „Amoris Laetitia“, von Papst Franziskus. Darin hatte der Pontifex 2016 angeregt, dass es geschiedenen und wiederverheirateten Menschen unter gewissen Umständen erlaubt sein solle, an der Kommunion teilzunehmen.

„Von der Chemie her zwei verschiedene Leute“

Der deutsche Theologe Wolfgang Beinert sagte, das Verhältnis zwischen Papst Franziskus und Müller sei von Anfang an nie sehr innig gewesen. „Das sind von der Chemie her zwei verschiedene Leute, die von Natur aus nicht zusammenpassen.“ Eine Ablösung Müllers als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan sei eine „Strafe“. „Das ist eine Entlassung ins Nichts“, so Beinert. „Wo wollen Sie so einen Mann hintun?“ Es gebe keine adäquate Lösung - zumal Müller mit 69 Jahren für einen Kardinal recht jung und arbeitsfähig sei.

„Wir sind Kirche“ sieht Chance für Neuorientierung

Für die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ bedeutet ein Personalwechsel „die wertvolle Möglichkeit einer Neuorientierung“. Nach den Berichten über eine Trennung von Müller sprach „Wir sind Kirche“ von einer folgerichtigen Entscheidung. „Kardinal Müller hat sich immer wieder durch seine Belehrungen und Interpretationen des Papstamtes, zuletzt in seinem Buch ‚Der Papst‘, zum Lehrmeister über den Papst erhoben“, hieß es in einer Mitteilung.

Doch auch die theologischen Auffassungen seien zu unterschiedlich gewesen. Besonders während der Familiensynode und nach Erscheinen von „Amoris Laetitia“ mit neuen Zugängen zur Sexualität seien die Differenzen klar zutage getreten. Als wichtigen Aufgabenbereich, für den der Glaubenspräfekt zuständig ist, nannte die Bewegung die Verfolgung sexueller Gewalt durch Priester.

Missbrauchsopfer beschuldigte Müllers Kongregation

Im März hatte eines der Missbrauchsopfer katholischer Geistlicher, Marie Collins, Müllers Kongregation beschuldigt, sich der Arbeit der päpstlichen Kommission zum Schutz von Kindern zu widersetzen. Dieses „beschämende“ Verhalten sei der Grund, warum sie die Kommission verlassen habe, sagte Collins damals dem Jesuiten-Magazin „America“. Müller hatte Ende Februar den Vorwurf systematischer Vertuschung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche zurückgewiesen.

Dem Vatikan und der katholischen Kirche wird immer noch vorgeworfen, nicht hart genug gegen Kindesmissbrauch vorzugehen und teils pädophile Geistliche zu decken. Zur Amtszeit von Benedikt XVI. war herausgekommen, dass katholische Geistliche weltweit über Jahrzehnte unzählige Kinder missbraucht oder misshandelt hatten und die Fälle unter den Teppich gekehrt wurden.

Finanzchef will sich Missbrauchsvorwürfen stellen

Wegen eines Missbrauchsverfahrens hatte der Vatikan erst am Donnerstag einen seiner ranghöchsten Mitarbeiter vom Dienst freigestellt. Vatikan-Finanzchef Pell kündigt seine Rückkehr nach Australien an, wo er sich den Vorwürfen stellen will. Zuvor hatten die australischen Behörden gegen den 76-Jährigen ein Ermittlungsverfahren wegen Kindesmissbrauchs eingeleitet und Pell vorgeladen. Der Vatikan stellte sich hinter den Kurienkardinal, der die inoffizielle Nummer drei in der Kirchenhierarchie ist.

Oberster Wirtschaftsprüfer legte Amt zurück

Der Papst ist mit weiteren Problemen konfrontiert. Vor zwei Wochen war der oberste Wirtschaftsprüfer des Vatikans nach zwei Jahren im Amt überraschend zurückgetreten. Der 68-jährige italienische Finanzexperte Libero Milone habe darum gebeten, vom Posten des Generalkontrollors entbunden zu werden. Laut der römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ habe Milone auf das Amt verzichtet, weil der Papst ihn um eine Gehaltskürzung gebeten hatte. Milone kassierte laut dem Blatt 20.000 Euro brutto pro Monat, ein Betrag, der für den Vatikan als zu hoch galt.

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