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Buhlen um den internationalen Jetset

Der Alpen-Tourismus boomt - doch die Schweiz ist vielen Urlaubern zu teuer. Wegen des noch immer starken Frankens bleiben vor allem EU-Touristen aus. Nun drehen die Schweizer Touristiker den Spieß um und werben verstärkt um Besucher, die hohe Preise und die vermeintliche Exklusivität zu schätzen wissen.

Sieben Gründe gibt es laut der Onlinezeitung Arab News, warum man diesen Sommer unbedingt nach Gstaad fliegen sollte. Zum Beispiel stünden die Chancen gut, „Schulter an Schulter“ mit Prominenten zu feiern. Ex-Formel-1-Chef und Multimilliardär Bernie Ecclestone und Madonna seien regelmäßig dort. Wichtiger noch: Das kleine Alpen-Dorf überrasche mit seinem Designerangebot. Louis Vuitton, Hermes, Chopard, Brunello Cucinelli, Prada, Moncler, Ralph Lauren und Cartier, auf der Gstaad Promenade sei alles da, was das Herz begehre, so Arab News: „Auf Ihr Lieblingshobby, Shoppen, müssen Sie auch im Urlaub nicht verzichten.“

Natürlich sind die superreichen Saudi-Araber, Amerikaner und Russen, die in den Schweizer Alpen unter sich bleiben, auch ein Klischee. Und doch weisen die Anstrengungen der Schweizer Tourismusindustrie genau in ihre Richtung.

Berge und Seen „nebenan“ billiger

Denn seit der Aufhebung der Euro-Franken-Bindung im Jänner 2015 bleiben der Schweiz die „normalen“ Urlauber fern. Für Besucher aus der EU ist die Schweiz schlicht zu teuer geworden. Die unberührte Natur, Seen und Berge, mit denen sich die Schweiz bewirbt, gibt es billiger auch in den Nachbarländern Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien. Dort zahlen EU-Bürger seit Mitte Juni auch keine Roaminggebühren mehr. In der Schweiz schon.

In der kürzlich veröffentlichten Urlaubseuro-Statistik der Statistik Austria rangiert die Schweiz auf dem letzten Platz. Für 100 in Österreich verdiente Euro bekommt man in der Schweiz 66 Euro an Waren und Dienstleistungen. Deutschen dürfte es bei dieser Rechnung nicht besser gehen. Und hier beginnt für die Schweiz das Problem. Denn die Deutschen machen hinter den Schweizern selbst die größte Urlaubergruppe aus. Schon 2016 verringerte sich die Zahl der Übernachtungen deutscher Logiergäste um ein Drittel von 5,2 auf 3,7 Millionen. Diese Zahlen schlagen sich im Tourismusgewerbe nieder.

Wenn aber jene Touristen ausbleiben, die aufs Geld schauen, bleiben nur die übrig, die genau das nicht tun: Urlauber, die die teure Schweiz gerade wegen ihrer hohen Preise schätzen - und wegen der Exklusivität, die sie mit sich bringen.

Reiche Russen und Araber als Zielgruppe

Hoffnungen setzt die Schweizer Tourismusindustrie vor allem auf Länder wie Saudi-Arabien, Russland, China und die USA, deren Übernachtungszahlen laut „Aargauer Zeitung“ im Jahr 2016 um sechs bis zwölf Prozent gegenüber 2015 in die Höhe gingen. Den wohlhabenden Gästen aus diesen Nationen ist es egal, dass man jenseits der Grenze günstiger logieren könnte. Sie suchen in St. Moritz, Verbier und Gstaad gerade den Hauch des Luxus für die Oberen Zehntausend.

Die genannten Orte reagieren, indem sie immer „exklusivere“ Events anbieten: Polospiele und Pferderennen auf dem gefrorenen St. Moritzer See gab es schon länger. Im Sommer bietet man wieder das klassische Tontaubenschießen an und veranstaltet Turniere. Vergleichsweise neu ist dagegen das zehntägige Kunst- und Kulturfestival St. Moritz Art Masters, das nicht zuletzt als Bühne für Luxussponsoren wie das Schmucklabel Cartier dient.

Champagner fürs Hündchen, Kaviar für die Katz

Der kürzlich pensionierte Chefkoch des Luxushotels Gstaad Palace, Peter Wyss, erzählt in Interviews von Superreichen, die sich mit dem Helikopter zu einem Gletscherfrühstück ausfliegen lassen, von mitreisenden Katzen, die nur Kaviar fressen, und Schoßhunden, die er mit Filet an Perrier-Jouet verwöhnte. Ersetzte er den Champagner durch eine Billigmarke, verweigerte das Tier sein Fressen. Das sind Geschichten, die die Idee der Exklusivität befeuern.

Im Herbst 2016 berief der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann einen runden Tisch mit Branchenvertretern ein und entwickelte, wie die „Aargauer Zeitung“ berichtet, mit diesen eine Art Thinktank, um die Tourismusflaute zu überwinden. Laut der „Aargauer Zeitung“ will Schneider-Ammann künftig auch stärker auf Großanlässe wie Sportturniere und Landesausstellungen setzen oder den Fahrtwind der Olympischen Winterspiele 2026, für die sich auch der Schweizer Ort Sion beworben hat, nutzen.

Der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann

SRF/Erwin Schmid

Gute Stimmung für den Tourismus: Minister Schneider-Ammann in Saudi Arabien

Mitte Juli besuchte Schneider-Ammann Saudi-Arabien und legte dabei auch ein gutes Wort für den Tourismus ein. Zuvor führte ihn seine Promotiontour für die Schweiz schon nach Russland und in die USA - die ebenfalls prominent in den Gästecharts vertreten sind.

Inlandstourismus als wichtiger Faktor

Am wichtigsten sind für den Schweiz-Tourismus aber inzwischen die Schweizer selbst geworden. Mit über 16 Millionen Übernachtungen im Jahr sind sie mit Abstand die größte Urlaubergruppe, die dem starken Franken mit ihrem ebenso starken Franken-Einkommen begegnet. Die Einheimischen gilt es im eigenen Land zu halten. Gut 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer verbringen ihre Sommerferien schon im Inland, ergab kürzlich eine in der deutschsprachigen Schweiz durchgeführte Studie, am liebsten im „Sonnenkanton“ Tessin (19 Prozent), in den Bündner Bergen (16 Prozent) und im Wallis (zwölf Prozent).

Ärger mit „fremdshoppenden“ Touristen

Die Schweizer allerdings machen ihrer eigenen Wirtschaft in anderer Hinsicht zu schaffen, indem sie „fremdshoppen“ gehen. Während ihrer Urlaube im Grenzgebiet fahren sie nach Deutschland oder Österreich, um billig einzukaufen. Die Schweizer Einzelhändler Migros, Denner, Coop und Manor wollen dem schon lange einen Riegel vorschieben.

Laut einem Bericht der Schweizer Onlinezeitung Watson soll es demnächst verboten werden, Waren über einem Wert von 300 Franken aus Deutschland zollfrei in die Schweiz einzuführen. Ob es sich da nicht auch der eine oder andere Schweizer überlegen wird, gleich jenseits der Grenze sein Domizil aufzuschlagen und dort zu konsumieren? Wie man es dreht und wendet, der Schweizer Wirtschaftsminister hat in den nächsten Jahren einiges zu tun. Und im August steht bereits das nächste Treffen seiner „Taskforce Tourismus“ an.

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