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Ideale Landschaft könnte Neid erzeugen

Das Bündner Bergdorf Bergün hat ein gemeindeweites Fotografierverbot erlassen. Der angebliche Grund: Menschen, die gerade nicht in dem pittoresken Ort weilen, sollen durch die Bilder nicht neidisch gemacht werden. Natürlich ist das Ganze ein Werbegag - der dem Ort allerdings mehr schadete als nützte.

Das Fotografierverbot existiere tatsächlich, teilte die 500-Seelen-Gemeinde Bergün/Bravuogn Ende Mai mit. Die Gemeindeversammlung habe beschlossen, mit einem neuen Gesetz ein „gemeindeweites und herzliches Fotografierverbot“ zu erlassen. Das Verbot sei mit 46 zu zwei Stimmen überaus klar verabschiedet worden und werde - bis auf wenige Sondergenehmigungen - auch unter Androhung einer Geldbuße exekutiert. In dem malerischen Dorf mit seinen großen Engadinerhäusern stand kurz darauf ein halbes Dutzend Fotografier-Verbotsschilder.

Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass schöne Ferienfotos in Sozialen Netzwerken die Betrachter unglücklich machten, wenn diese gerade nicht am abgebildeten Ort sein könnten, schrieb die Gemeinde. Die Gefahr bestehe in Bergün im besonderen Maße, weil das auf knapp 1.400 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Dorf im Albula-Tal besonders schöne Landschaften zu bieten habe.

Marketingschmäh macht im Netz die Runde

„Wir möchten die Menschen außerhalb der Gemeinde nicht mit Fotos unglücklich machen und laden sie herzlich ein, Bergün selbst zu besuchen und zu erleben“, wurde Gemeindepräsident Peter Nicolay in der Mitteilung zitiert.

Anfangs schien der von der Agentur Jung von Matt/Limmat konzipierte Marketingschmäh auch aufzugehen. Schon am Tag nach der Meldung gab es auf Google siebenmal mehr Suchanfragen nach „Bergün“ als zuvor. Das unfotografierbare Dorf machte in internationalen Medien und Sozialen Netzwerken die Runde. Wobei sich manche fragten, ob der Ort, der mit seinem pittoresken Kirchturm, grünen Tälern und waldigen Gipfeln von Weitem aussieht wie eine Modellbahnlandschaft, wirklich so schön ist, wie man dort behauptet.

Was dann folgte, war von den PR-Strategen allerdings kaum beabsichtigt: Im eigenen Land regte sich heftiger Widerstand gegen die „unverschämten“ Bergüner, wie die „Neue Züricher Zeitung“ berichtete. Auf Schweizer Onlineportalen braute sich ein veritabler Shitstorm zusammen. Die Schweizerinnen und Schweizer sahen in dem Verbot und der Drohung mit einem „privaten Sicherheitsdienst“, der Strafgelder einsammeln werde, eine arrogante Bevormundung. Wenn in Bergün der öffentliche Raum zum Verbotsraum werde, fahre man erst recht nicht hin, lautete der Tenor - denn Verbote gebe es in der Schweiz ohnedies genug.

Beim Googlen sieht man Autowracks

Zudem stießen neugierig gewordene User beim Googeln schnell auch auf jene Institution, die sich nicht an das angebliche Fotografierverbot hielt: die Bergüner Polizei gehört nämlich selbst zu den fleißigsten Twitteranten der Gemeinde. Wer Fotos des idyllischen Dörfchens sucht, findet also stattdessen Autowracks, die in den engen Serpentinen hängen geblieben sind, und merkt: Ganz so viel kann doch nicht dran sein an der Geschichte von einem Ort, der so schön ist, dass ihn niemand fotografieren darf.

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