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Künstlerstreit über kulturellen Boykott

Am Mittwoch wird die britische Band Radiohead ihre derzeit laufende „A Moon Shaped Pool“-Tour mit einem Konzert im Jarkon-Park in Tel Aviv ausklingen lassen. Der Auftritt sorgt seit Monaten für Kontroversen. Zuletzt war der Ton zwischen Kritikern wie dem britischen Regisseur Ken Loach und Radiohead-Sänger Thom Yorke rauer geworden.

Der linksgerichtete Filmemacher Loach (81) warf der Band vor, im Konflikt zwischen der israelischen Regierung und den Palästinensern nur eine Seite anhören zu wollen - jene der „Apartheid“. „Radiohead müssen sich entscheiden, ob sie auf der Seite der Unterdrückten oder der Seite der Unterdrücker stehen“, schrieb Loach vergangene Woche in einem Gastbeitrag für die britische Onlinezeitung Independent, den er Yorke in aller Öffentlichkeit auf Twitter zukommen ließ.

Yorke gegen Boykott

Yorkes Replik ließ nicht lange auf sich warten. „In einem Land zu spielen heißt nicht, seine Regierung zu unterstützen“, schrieb in einem auf Twitter veröffentlichten Statement. Die Band trete seit 20 Jahren in Israel auf. „Wir billigen (Ministerpräsident Benjamin, Anm.) Netanjahu genauso wenig wie (US-Präsident Donald, Anm.) Trump“, so Yorke. Musik, Kunst und Wissenschaft seien allerdings dazu da, Grenzen zu überwinden, nicht welche zu errichten.

Zuvor hatte Yorke in einem Interview mit dem „Rolling Stone“ scharfe Kritik an Loach und den Unterstützern des Boykottaufrufs geübt. „Ich würde niemals auf die Idee kommen, den Leuten, die ich bewundere, vorzuschreiben, was sie zu denken oder zu tun haben“, sagte der 48-Jährige, der sich generell gegen einen Boykott Israels aussprach. Die Art von Dialog, die sie führen wollten, sei von Schwarz-Weiß-Denken geprägt, womit er ein Problem habe, so Yorke.

Künstlerappell an die Band

Radiohead haben bisher acht Konzerte in Israel gespielt, zuletzt im Jahr 2000. Seit damals ist vor allem in US-amerikanischen und britischen Künstlerkreisen die Kritik an der Palästinenserpolitik Israels gewachsen. 2005 hatten Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft die Initiative Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) gestartet. Mit Hilfe eines kulturellen Boykotts wollen die Unterstützer Druck auf Israels Regierung aufbauen, Palästinensern mehr Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes zu gewähren und die israelischen Sperranlagen zum Westjordanland abzutragen. Die Initiative hat unter anderem erreicht, dass Musiker wie die Gorrilaz und Elvis Costello geplante Auftritte in Israel absagten.

Im April dieses Jahres hatten dann 46 internationale Künstler an Radiohead appelliert, sich dem Boykott anzuschließen. In einem offenen Brief riefen die Künstler, darunter Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, die britische Band auf, ihren politischen Positionen treu zu bleiben und sich wegen der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern einem Boykott anzuschließen.

Wer eine „Politik der Spaltung, der Diskriminierung und des Hasses“ ablehne, müsse das überall tun, heißt es weiter. „Und das muss das einschließen, was den Palästinensern jeden Tag widerfährt.“ Zu den Unterzeichnern zählen neben dem langjährigen Israel-Kritiker Waters auch die Schriftsteller Alice Walker und Hari Kunzru, der Musiker Thurston Moore von der Alternative-Rockband Sonic Youth sowie Brian Eno.

Stipe stellt sich hinter Radiohead

Auf die Seite der Band stellte sich der Sänger der mittlerweile aufgelösten Rockband R.E.M., Michael Stipe. Zu den prominenten Kritikern des kulturellen und wissenschaftlichen Boykotts gehören zudem „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling und der Autor Noam Chomsky. Sie verweisen darauf, dass sich dieser gegen ein demokratisches Land richte und dass viele prominente Musiker bereits in Diktaturen aufgetreten seien. Zahlreiche Künstler weigern sich aus politischen Gründen, in Israel aufzutreten. Unter ihnen sind Stevie Wonder, Carlos Santana und Lauryn Hill. Andere, etwa die Rolling Stones, Paul McCartney, Elton John und Bon Jovi, gaben dagegen in den vergangenen Jahren Konzerte in Israel.

Die hitzige Debatte überschattete auch zwei Radiohead-Auftritte. Beim renommierten Glastonbury-Festival schwenkten einige Besucher palästinensische Flaggen. Mitte Juli soll Yorke beim TRNSMT-Festival im schottischen Glasgow Medienberichten zufolge einige Pro-Palästina-Aktivisten im Publikum von der Bühne aus beschimpft haben.

Radiohead Fans mit Anti-Israel-Transparent

APA/AFP/Andy Buchanan

Die Protestaktion auf dem TRNSMT-Festival in Glasgow

Loach-Film lief in Israel

Die Radiohead-Kritiker geraten unterdessen selbst in die Kritik. Diese Woche wurde bekannt, dass Loachs mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film „Ich, Daniel Blake“ in den israelischen Kinos zu sehen ist. Loachs Produzentin Rebecca O’Brien sagte daraufhin, der zuständige Filmverleih habe den Streifen „versehentlich“ auch in Israel vertrieben - was allerdings nicht zu stimmen scheint: Laut Guy Schani, der Loachs Filme in Israel vertreibt und dem eine Kinokette gehört, sind seit 1993 bis auf zwei Ausnahmen alle Filme des Regisseurs in Israel gezeigt worden. „Ich, Daniel Blake“ sei gar ein Riesenerfolg gewesen, sagte Schani dem „Guardian“.

US-Musiker Roger Watersbei Anti-Israel-Aktion

Reuters/Magnus Johansson-MaanImages

Waters im Jahr 2006 bei einer Protestaktion in Bethlehem

Pink-Floyd-Star Waters, der unlängst sein erstes Album seit 25 Jahren veröffentlichte, sieht sich indes mit scharfer Kritik konfrontiert. Der kanadische Dokumentarfilmer Ian Halperin will noch diesen Sommer eine Doku vorlegen, in der er der vermeintlich antisemitischen Einstellung Waters’ auf den Grund geht. Der Rockmusiker hatte bereits 2013 für einen Skandal gesorgt, als er bei Konzerten einen Luftballon in Form eines Schweins aufsteigen ließ, auf den David-Sterne und Hakenkreuze aufgemalt waren.

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