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20 prägende Jahre

Hans Hurch, seit 1997 Direktor des Wiener Filmfestivals Viennale, ist am Sonntag in Rom überraschend an einem Herzversagen gestorben. Das teilte Viennale-Geschäftsführerin Eva Rotter am Montag gegenüber der APA mit.

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Hurch, der am 18. Dezember seinen 65. Geburtstag gefeiert hätte, habe sich zu einem Arbeitstreffen mit dem Regisseur Abel Ferrara in der italienischen Hauptstadt aufgehalten. „Es ist für uns alle ein Schock und großer Verlust und menschlich sehr schwer zu verkraften. Wir werden unser Möglichstes tun, um die diesjährige Viennale in seinem Sinne zu gestalten“, hieß es in einer ersten Stellungnahme des Viennale-Teams. „Wir möchten unser aufrichtiges Mitgefühl und unsere Anteilnahme der Familie und den Freunden aussprechen.“

Cinephilie „eine Krankheit“

Hurch verstand die Viennale nie als Tummelplatz für Prominente. Es gibt kaum Filmfestivals, bei denen - nicht nur in der jeweils großen Retrospektive - so viele alte Filme gezeigt wurden wie bei der Viennale unter Hurch. Im Gespräch mit ORF.at sagte Hurch 2015 scherzhaft: „Es gibt nichts Schlimmeres als Cinephilie. Das ist eine Krankheit, keine Haltung.“

Die Viennale war in den beiden Jahrzehnten unter Hurch ein Entdeckerfestival, dessen Programmierung auf den ersten Blick mitunter allzu ausladend und erratisch anmutete - seine Wirkung im Kinosaal jedoch entfaltete. Vom Hollywood-Musical „La La Land“ mit Ryan Gosling in der Hauptrolle als Abschlussfilm von Hurchs letzter Viennale bis zur kleinen südamerikanischen oder asiatischen Doku zu einem marginalen Thema - die aber durch ihre Erzählweise und ihren Blick überzeugte - reichte das Spektrum.

Vom „Falter“ zur Viennale

Geboren am 18. Dezember 1952 in Schärding (Oberösterreich), hatte Hurch bereits als Kind ein ausgeprägtes Interesse am Film. Im örtlichen Rex- und dem Froschauer-Kino sah er Kurzfilme mit Charlie Chaplin und Buster Keaton. Als beide Lichtspielhäuser zusperrten, fand er als Jugendlicher zum Filmclub im nahen Passau, wo er dank der wöchentlichen Reihe „Der besondere Film“ die wichtigsten Werke der Filmgeschichte kennenlernte.

Viennale maßgeblich geprägt

Hurch war 20 Jahre lang Viennale-Direktor und prägte die Veranstaltung maßgeblich.

Nach der Matura zog es Hurch in die Bundeshauptstadt, wo er ab 1971 Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie an der Universität Wien studierte. Ab Mitte der 70er Jahre war er journalistisch tätig, von 1978 bis 1986 als Kulturredakteur beim Stadtmagazin „Falter“, wo er neben Beiträgen zu Musik und Fotografie eine eigene Filmredaktion aufbaute. In weiterer Folge war er freier Autor für internationale Medien, organisierte Filmreihen und Retrospektiven u. a. für Stadtkino, Wiener Festwochen und donaufestival, betätigte sich aber auch als Regieassistent und Drehbuchautor.

Hurch und die Geschichte des Kinos

Jean-Marie Straub und Daniele Huillet, deren Arbeiten er später stets loyal im Viennale-Programm zeigte, assistierte er bei den Produktionen „Der Tod des Empedokles“ (1987), „Schwarze Sünde“ (1989) und „Antigone“ (1992); mit Astrid Johanna Ofner arbeitete er an den Dokumentarfilmen „Jetzt und alle Zeit“ und „Ins Leere“ (beide 1993).

Nach einigen Jahren in Berlin ging Hurch nach Wien zurück, wo er vom Bundesministerium für Wissenschaft und Kunst zum Kurator des Projekts „hundertjahrekino“ bestellt wurde. Anlässlich des 100. Geburtstags des Kinos verantwortete er Ausstellungen und Filmschauen, setzte aber weniger auf einmalige Großevents denn auf breit gestreute Impulse und langfristige Strukturverbesserungen, um die Zukunft des Kinos zu fördern und zu sichern.

Legendäre Eröffnungsreden

1997 schließlich übernahm Hurch die Leitung des internationalen Filmfestivals Viennale, das er in weiterer Folge zu einem höchst erfolgreichen und international anerkannten Publikumsfestival ausbaute. Legendär sind seine launigen Reden bei den Festivaleröffnungen, seine scharfzüngigen Bemerkungen in Richtung Stadt- und Kulturpolitik auch abseits des Festivals. „Die besten Jahre seines Lebens“ habe er dem Festival gegeben, sagte Hurch einmal im ORF.at-Interview, „wobei manche sagen, die Viennale hat mir auch ihre besten Jahre gegeben.“

TV-Hinweis

„Kultur Heute“ schaut um 19.50 Uhr in ORF III auf das Schaffen Hans Hurchs zurück. „KulturMontag“ widmet sich ab 22.30 Uhr in ORF2 dem Werk Hurchs.

„Unbequemer Denker“

Bei seinen Eröffnungsreden gab es seit vielen Jahren Doppelconferencen mit dem Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Österreich verliere „einen wachen Intellektuellen, einen unbequemen Denker und einen Filmliebhaber, der seinen Enthusiasmus auf eine ganze Stadt übertragen konnte“, so Mailath-Pokorny in einer gemeinsamen Aussendung mit dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ). Ähnlich Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ): Hurch habe „wie kein anderer für den Film in Österreich gebrannt. Sein streitbares Engagement für den Film wird mir fehlen.“

Auch zahlreiche heimische Institutionen und Kulturschaffende zollten Hurch in Sozialen Netzwerken Respekt. So hieß es etwa vonseiten des Filmarchivs Austria: „Wir sind unglaublich bestürzt und sprachlos. Wir vermissen dich jetzt schon! Ein wunderbarer Mensch, guter Freund und eine besondere Persönlichkeit ist leider zu früh von uns gegangen.“ Peter Schernhuber, Koleiter der Diagonale: „Danke für Enthusiasmus, Streitbarkeit, Humor und Hartnäckigkeit; danke, dass Du uns Dein Kino gezeigt hast.“

„Habe die Viennale sehr geprägt“

2015 war die letzte Vertragsverlängerung für Hurch an der Spitze der Viennale bekanntgeworden. Mit der Verlängerung um zwei Jahre bis Ende 2018 wäre dann aber - auf seinen Wunsch - definitiv Schluss gewesen. Die Idee zur neuerlichen Verlängerung kam nicht von ihm, sondern einstimmig vom Kuratorium sowie dem Kulturamt der Stadt Wien.

Derzeit wird nach einem Nachfolger gesucht. In Hurchs Fußstapfen zu treten wird nicht leicht - zumal er bei der Filmauswahl stets das letzte Wort hatte und in dieser Sicht wenig aus der Hand gab. Als Teamplayer, der auf Tipps und Hinweise angewiesen war, sah er sich dennoch, wie er einmal gegenüber ORF.at sagte: „Ich bin nicht die Viennale. Ich mache die Viennale nicht alleine, auch wenn ich sie sehr geprägt habe.“ Nun wird sein Lebenswerk von jemand anderem weitergeführt werden.

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