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Hans Hurch im letzten ORF.at-Interview

Am 23. Juli ist der langjährige Viennale-Chef Hans Hurch in Rom überraschend einem Herzversagen erlegen. Noch bis 2018 hätte er dem Filmfestival vorstehen sollen. 2015 gab er ORF.at ein Interview, in dem er über die „Krankheit“ Cinephilie sinnierte und erklärte, warum sich die Viennale unter ihm einen, wenn auch ungewöhnlichen „Bildungsauftrag“ gegeben hat.

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ORF.at: Herr Hurch, wie nostalgisch ist die Viennale? Und was kann sie einem jungen Publikum bieten?

Hurch: Das sind gute Fragen. Ich finde, Modernität ist keine Frage der Chronologie. Nicht die neuen Sachen sind die modernen, sondern oft ist es so, dass die ganz alten Sachen viel moderner oder spannender, interessanter sind. Das ist das eine. Und das andere ist: Wir haben ein extrem junges Publikum, dafür werden wir immer beneidet. Die internationalen Gäste, die zur Viennale kommen, sind immer erstaunt, wie jung und hip das Publikum ist. Das wird wohl seine Gründe haben.

Portrait Hans Hurch

ORF.at/Sonia Neufeld

Hurchs Erfolgsrezept für die Viennale: Altes und Neues mischen

Mir ist wichtig, im Programm der Viennale Altes und Neues zu mischen, also nicht nur ein Programm zu machen, das die Aktualität abbildet. Das ist zwar der Großteil des Festivals - 150 Langfilme sind Filme, die im Lauf des letzten Jahres entstanden sind. Aber es gibt auch eine Reihe von historischen und älteren Arbeiten – nicht nur in der Retro –, und ich glaube, dass man das Kino nicht kennt, wenn man nicht auch die Geschichte kennt. Ich glaube, wenn man sich nur aktuelle Filme anschaut, fehlt einem was für das Verständnis des Kinos.

ORF.at: Wie viel Mainstream verträgt die Viennale?

Hurch: Wer nur das Kunstkino kennt, kennt das Kino ebenso wenig. Und wer nur das Tschimmbumm kennt, auch nicht. Das ist ein Ganzes. Und das Schöne am Kino ist, dass alles Platz hat und zusammengehört. Es gibt nichts Schlimmeres als Cinephilie. Das ist eine Krankheit, keine Haltung. Es gibt so viel großes kommerzielles Kino, deshalb hoffe ich, dass genug Mainstream bei der Viennale zu sehen ist.

ORF.at: Hat die Viennale einen Bildungsauftrag?

Hurch: Ist Bildungsauftrag eine Schande? Aber nein, ich glaube nicht, dass wir einen Auftrag haben, sondern wir geben uns den Auftrag selbst in gewisser Weise. Was ich nicht möchte, ist, dass die Viennale didaktisch oder belehrend ist, und was ich auch nicht mag, ist die Idee der Vermittlung. Das ist zwar sehr ketzerisch, aber es gibt so ein paar Moden, die entstanden sind, die mir fremd sind. Das ist das Kuratieren, das Vermitteln, das sind so bestimmte Dinge, die auf einer sekundären Ebene eine Bedeutung bekommen haben.

Ich glaube, dass sehr viel von dem, was in der Kultur als Vermittlungsarbeit gilt, im Grunde ein unbewusstes Misstrauen gegen die Kunst ist. Ich glaube, die Kunst ist ihre eigene Vermittlung. Genau das ist das Schöne daran, man müsste keine Kunst machen, wenn man sie vermitteln müsste. Das ist völlig unlogisch. Ich brauche niemanden, der mit mir durch eine Ausstellung geht und mir Dinge erklärt oder vermittelt.

Portrait Hans Hurch

ORF.at/Sonia Neufeld

Hurch leitete seit 1997 das Wiener Filmfestival

ORF.at: Aber es braucht jemanden, der auswählt, was gezeigt wird …

Hurch: Ja, das ist eine Entscheidung, die man trifft. Das ist das, was ich für mich in Anspruch nehme. Dass ich aus einem großen Ganzen bestimmte Dinge auswähle. Ich sehe mich als eine Art Filter. Ich hoffe, es ist nicht mein persönlicher Geschmack, aber es ist meine persönliche Entscheidung. Ein Filmemacher oder ein Künstler muss sich auch entscheiden, was er macht, das ist eine ästhetische und eine politische Entscheidung. Und ich nehme für mich in Anspruch, das auch zu tun. Ein Filmemacher, der anfängt, mit allen Leuten am Set zu diskutieren, der wäre verloren, deswegen bin ich total gegen jede Form von Auswahlkommission.

Was aber nicht heißt, dass ich nicht wahnsinnig viele Leute habe, die mir helfen. Ein großes Netz an Konsulenten und Freunden, die wissen, wie die Viennale funktioniert und mir Sachen schicken und mir Dinge vorschlagen. Ich bin nicht die Viennale, das wäre völlig absurd. Nicht nur, dass ich’s nicht bin, weil so viele Leute hinter den Kulissen arbeiten, sondern es gibt auch ganz viele, die in der Programmauswahl Vorschläge machen.

ORF.at: Und Sie haben das letzte Wort?

Hurch (lacht): „Musst du immer das letzte Wort haben?“, haben die Eltern doch früher gesagt ... Ja, ich habe das letzte Wort.

ORF.at: Angesichts Ihrer langen Amtszeit wurden Sie schon des Öfteren als „Dinosaurier“ bezeichnet ...

Hurch: Ein Dinosaurier wäre ich gerne. Das sind doch schöne Tiere. Die Dinosaurier waren Pflanzenfresser, nur Hollywood hat dafür gesorgt, dass sie zu Monstern erklärt wurden. Das waren harmlose, intelligente Tiere, die ausgestorben sind, weil sich die Welt so verändert hat. Und diese Welt, in der wir leben, verändert sich auch, und wahrscheinlich stirbt so manches aus, wo es gut wäre, würde es bewahrt werden.

ORF.at: Sie haben nach Ihrer Vertragsverlängerung gesagt, Sie wollen das Festival mit neuen Ideen und Impulsen weiterentwickeln. Wie soll das aussehen?

Hurch: Ich würde gern ein schönes, erfolgreiches, ökonomisch ausgeglichenes Festival übergeben. Und es gibt die Idee für die nächsten drei Jahre, mit einer zweiten Person, die nicht aus dem Kino kommt, die aber eine Beziehung zum und eine Ahnung vom Kino hat, gewisse Dinge gemeinsam zu machen. Ich kann mir zwar nicht das Festival mit jemandem aufteilen und sagen: „Du machst jetzt 150 Filme, und die anderen 150 mach ich“, aber ich möchte jemanden finden, dessen Zugang zum Kino anders ist als meiner. Ich würde gern weniger von mir haben und mehr Widerspruch oder Widerstand. Ich denke hier etwa an den Maler Peter Doig, die Sängerin Patti Smith oder den Philosophen Slavoj Zizek. Wenn man mit denen über Filme redet, ist das oft viel interessanter als das, was ich darüber denke.

ORF.at: Gibt es einen Rat, den Sie jungen Kollegen geben würden?

Hurch: Das will ich mir nicht anmaßen. Aber mir hat einmal jemand gesagt: „Pflege das, was man dir vorhält. Vielleicht ist es das Beste und Wertvollste an dir.“ Wenn einem in den Medien oder in der Öffentlichkeit Dinge vorgeworfen werden, soll man sich nicht so sehr davon beeinflussen lassen. Schönberg hat gesagt, Leben heißt, seine Form zu verteidigen. Man muss zu dem, was man erkannt hat und was man sich erarbeitet hat, stehen, auch wenn es in einem bestimmten Moment nicht opportun ist. Ich hoffe, dass ich ein bisschen so bin oder war. Und ich würde ihnen empfehlen, „Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville zu lesen, über einen Menschen, der aufhört, die Dinge zu tun, die man von ihm verlangt.

ORF.at: Wofür steht die Viennale?

Hurch: Für Hans Hurch bedeutet die Viennale eine Arbeit, die er gern macht und die ihn glücklich macht. Der er die besten Jahre seines Lebens gegeben hat. Wobei manche sagen, die Viennale hat dir auch ihre besten Jahre gegeben. Unabhängig von mir bedeutet die Viennale, dass es die Möglichkeit gibt, den Leuten in einer Stadt eine Ahnung davon zu geben - zumindest momenthaft und verdichtet in der Ereignishaftigkeit eines Festivals -, dass das Kino etwas Großes und Größeres ist als das, was wir aus dem Alltag kennen. Aber eigentlich muss man das die Leute fragen, nicht mich, wofür die Viennale steht, denn sie ist etwas Organisches, das sich über viele Jahre entwickelt hat, und ein Festival für das Publikum.

Das Gespräch führte Sonia Neufeld, ORF.at

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