Themenüberblick

„Supertrump“ - und wie er an die Macht kam

In seinem Essay „TRUMP! Populismus als Politik“ argumentiert der bayrische Kulturtheoretiker Georg Seeßlen, dass der US-Präsident seinen Aufstieg dem gleichen Erfolgsrezept wie die Cartoonhelden Batman oder Homer Simpson verdankt. Ein kluges, kleines Buch, das unterhält - und verstört.

„Zeichentrickfiguren sind die kindlichen Urbilder der Volkshelden. Sie befinden sich in einem ewigen Krieg mit der ‚etablierten‘ Welt“, schreibt Georg Seeßlen über die Faszination, die Batman und Kollegen auf ihre Fans ausüben. Denn was sei schon spannender als ein großes Ego, das gegen die (oder wahlweise zur Rettung der) Menschheit antritt?

Georg Seeßlen: TRUMP! Populismus als Politik. Bertz und Fischer, 2017. 8,20 Euro

Genau so ein Ego ortet Seeßlen auch in Donald Trump, den er in seinem 140-Seiten-Essayband „TRUMP!“ auf seine Wirksamkeit als Superheld - oder Superschurke, je nach Sichtweise - abklopft. Denn wie jeder Superschurke sei auch Trump von Weltherrschaftsphantasien getrieben, argumentiert der Autor. Aber nicht nur das, er besitze auch die notwendigen Attribute eines Cartoonhelden. Mit Trump sei Politik zum Karneval geworden. Die Demokratie sei nicht mehr zu retten, „es sei denn, man würde sie neu erfinden“.

„TRUMP! Populismus als Politik“

ORF.at/Maya McKechneay

Der Trump Tower im Vergleich mit Batmans Wayne Tower in Gotham City

Vettern im Geiste: Donald Trump und Donald Duck

In Fotos, die für sich sprechen, spiegelt Seeßlen den Trump Tower, Donald Trumps pompöses Domizil, am Wayne Tower, dem Firmensitz von Bruce Wayne alias Batman. Und natürlich analysiert er auch Trumps Markenzeichen, die gelbe Haartolle. Sie sei das unverwechselbare Merkmal, das jeder Cartoonheld brauche. Wie das Matrosenkäppchen von Trumps Namensvetter Donald Duck oder das bös-verzerrte Lächeln des Jokers. Wichtig für die Wählbarkeit sei die Wiedererkennbarkeit, auch für Menschen, die sonst mit Politik nicht viel am Hut haben. Ob man ihn mag oder nicht, argumentiert Seeßlen, es gibt wohl niemanden, der Donald Trump nicht kennt.

Goofy-Seligkeit im Weißen Haus

Mit Trump seien neue Werte ins Weiße Haus eingezogen. Oder, um mit Walt Disney zu argumentieren: Trump verkörpere nicht mehr Mickey Maus, den rationalen Hundehalter, sondern Goofy, dessen naiven Hund. Nichtwissen werde nicht länger als Makel wahrgenommen, sondern als Qualität, denn „das Wesen des Volkshelden ist, dass er Authentizität an die Stelle von Erkenntnis setzt.“

So wie Goofy, der Narr, der immer die Wahrheit erkennt. Hält man ihm zwei Gemälde der Mona Lisa vor Augen, identifiziert er das Original, nämlich dasjenige, vor dem er weinen muss.

„TRUMP! Populismus als Politik“

ORF.at/Maya McKechneay

Trump bei den Simpsons: „Große Reden - A. Hitler“ liegt neben dem Bett

Durch „Nichtwissen“ beim Publikum punkten

„Wozu soll man wissen, was die Gewissheit stören könnte?“, fasst Seeßlen die Haltung der neuen Politik zusammen. „Georg Bush sen. musste noch verbissen verkünden: ‚Die Fakten sind mir egal‘, als er sich weigerte, einen militärischen Zwischenfall aufklären zu lassen, für den sich ‚sein Land‘ hätte entschuldigen müssen. Donald Trump strahlt die Goofy-Seligkeit aus: Fakten? Ah-hua-hua.“

All das liest sich lustig. Auf der anderen Seite ist Seeßlens Analyse mehr als ein pop-theoretisches Experiment, dazu ist sie zu treffend, zu direkt. FM4-Moderator Martin Blumenau formuliert es in seinem Blog so: „Es ist eine schmerzhafte Lektüre, weil sie vieles anspricht, was ein sich voller Hoffnungen sträubender Diskurs noch nicht anerkennen will. Es ist wohltuende Lektüre, weil ihre Analyse ohne modische Zuschreibungen (egal welcher Seite) auskommt. Es ist die beste Lektüre des Jahres. 2016 inklusive.“

Links: