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Gut, besser, „Super-Wir“

Wie wird man Populist? Nina Horaczek und Walter Ötsch haben mit „Populismus für Anfänger“ eine „Anleitung zur Volksverführung“ geschrieben, wie der Untertitel lautet. Das Buch kann durchaus als Kommentar zum aktuellen Wahlkampf gelesen werden.

Dem Grundgedanken des knallroten Taschenbuchs mit der schwarzen Bombe auf dem Cover folgend, muss man sich das so vorstellen: Da sitzt jemand zu Hause, hat irgendwie das Gefühl, dass irgendetwas geschehen muss, und kommt auf die Idee, eine Partei oder vielleicht gar gleich eine „Bewegung“ zu gründen. Aber woher die Wähler nehmen, wenn es schnell gehen soll? Genau für diesen Moment gibt es die „Anleitung zur Volksverführung“.

Ötsch ist Kommunikationstrainer, Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der neu gegründeten Cusanus-Hochschule im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz und Autor des im Jahr 2000 erschienenen Buches „Haider Light. Handbuch für Demagogie“. Horaczek ist Chefreporterin der Wiener Stadtzeitung „Falter“ und hat zuletzt gemeinsam mit Sebastian Wiese das Handbuch „Gegen Vorurteile“ veröffentlicht, ebenfalls eine Anleitung, nämlich: „Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst“.

Das „Super-Wir“ und seine Sündenböcke

Diesmal geht es zwar auch um Aufklärung - aber mit Humor als Vehikel für die ernste Botschaft. Zum Gespräch mit ORF.at lädt Horaczek in einen Wiener Innenstadtpark. Ausländer sieht man hier keine, dafür zwei mutmaßliche Karenzväter beim Versteckenspielen. Augen zuhalten und dann laut schreien - das passt symbolisch ganz gut zu Demagogen, die auch immer auf der Suche sind, und zwar nach Feinden und Sündenböcken, vom Elitebonzen bis zum mittellosen Flüchtling.

Horaczek: „Es ist bedenklich, wie gewissen Gruppen gezielt das Menschsein abgesprochen wird (...). Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wenn man dem nichts entgegensetzt, wird es immer schlimmer werden. Politik kennt keinen absoluten Tiefpunkt.“

Cover des Buchs "Populismus für Anfänger"

Westend Verlag

Walter Ötsch und Nina Horaczek: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Westend, 256 Seiten, 18,50 Euro.

Das Wichtigste ist die Einfachheit, lernt man aus dem Buch. Ambivalenzen und komplexe Sachverhalte gibt es nicht. „Wir“ sind das „Super-Wir“ und „wir“ sind immer gut. „Die anderen“ sind hingegen immer böse, komme, was wolle. Wer „die anderen“ sind, bestimmt der immer (ohne Ausnahme) gute und gescheite „Super-Hero“. Bei den Feinden immer dabei: „die Ausländer“ und „die Elite“.

Nur kein Zweifeln, Zögern, Zaudern

Wichtig ist, dass Gegner nie als heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Tendenzen, sondern als homogene Masse beschrieben werden. Bei der Dämonisierung muss vom Einzelfall auf die Allgemeinheit geschlossen werden. Ein Islamist hat einen Terroranschlag verübt? Alle Muslime sind potenzielle Terroristen - und damit auch gleich alle Flüchtlinge, ganz egal, woher sie kommen.

Bei alldem ist Populismus an sich noch keine politische Ideologie, sondern nur ein Mittel zum Zweck. Welche Ideologie behelfsmäßig in das populistische Gefäß geleert wird, bleibt den Populisten bzw., um im Ratgeberjargon des Buches zu bleiben, dem „Super-Hero“ überlassen. Natürlich, so Horaczek, gebe es auch linke populistische Bewegungen, die Sachverhalte extrem vereinfachen und mit simplen Botschaften hausieren gehen, etwa die griechische SYRIZA und die spanische Podemos.

Der Mangel an Alternativen

Aber trotz aller Vereinfachung sei bei diesen Bewegungen keine grundsätzliche Demokratiefeindlichkeit zu beobachten, während Horaczek solche Tendenzen bei rechten Demagogen etwa in Polen und Ungarn sehr wohl sieht. Das Hauptproblem liege darin, dass Populisten von den USA über Frankreich und Deutschland bis Ungarn und Österreich drauf und dran seien, einen Keil in die Bevölkerung zu treiben.

Problematisch, so die Autorin, sei aber nicht nur das Treiben der Populisten, sondern auch die unbeholfene Reaktion politischer Gegner darauf. Wie das Kaninchen sitze man vor der Schlange und echauffiere sich reflexartig über jede Provokation mit Kalkül, wodurch die Demagogen erst recht im Gespräch bleiben. Es mangle außerdem an echten Inhalten, an einer Gegenerzählung, die man dem Getöse der Populisten entgegenhalten könnte.

Ein gefährliches Buch

Denn ein klar verständliches Angebot ohne verzerrende Vereinfachungen sei natürlich wichtig. Obskurantismus wie die Leugnung des Klimawandels, ein typisches Merkmal vieler populistischer Bewegungen und Parteien, dürfe nicht unwidersprochen bleiben. Wenn man sich noch einmal in die Logik eines Ratgebers für angehende Populisten hineindenkt, ist das, was Horaczek da im Interview sagt, natürlich kontraproduktiv. Wie soll man ein „Super-Hero“ für sein „Super-Wir“ werden, wenn andere von draußen die bierseelige „Wir“-Seeligkeit stören?

Ötsch und Horaczek werfen ihr Buch mitten in die deutsche und österreichische Wahlschlacht. Man muss politisch nicht ihrer Meinung sein, um staunend im Fernsehen zu beobachten, wie sehr sich die schalkhaft präsentierten Mechanismen in der Realität wiederfinden. „Populismus für Anfänger“ ist ein humorvolles Politbuch für Freunde von Tagespresse und maschek, das dennoch keinen Verrat übt an seinen bitterernsten Themen.

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