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Den Demagogen auf der Spur

Gemeinsam mit Walter Ötsch hat „Falter“-Journalistin Nina Horaczek mit „Populismus für Anfänger“ eine ironische Anleitung geschrieben. Im Gespräch mit ORF.at spricht sie über die Funktionsweise der Demagogie - und darüber, wie man sich vor ihr schützen kann.

ORF.at: Was sagen Sie zu dem Gerücht, dass das Manuskript zu Ihrem Buch seit Langem in Mitte-links-Kreisen kursiert, die versuchen, mit Ihren Methoden den Rechten Wähler abspenstig zu machen?

Nina Horaczek: (lacht) Das erklärt, warum die Linken so schwach sind. Linker Populismus funktioniert einfach nicht so gut. Wir sprechen hier von Demagogie - und die hat etwas sehr Demokratiezerstörendes. Natürlich gibt es auch linke Populisten, die versuchen, mit extremer Vereinfachung und Stimmungsmache Politik zu machen. Aber Bewegungen wie die spanische Podemos und die griechische SYRIZA haben nicht das Ziel, die Demokratie zu zerstören oder zumindest zu schädigen. In Ungarn oder in Polen, wo rechte Demagogen an der Macht sind, sehe ich hingegen klare Tendenzen in diese Richtung.

ORF.at: Angst ist eines der zentralen Schlagwörter der öffentlichen Debatte der letzten Jahre. Warum ist sie für Populisten ein so wichtiges Instrument?

Horaczek: Populismus geht ohne Angst nicht, sie ist ein Merkmal der Demagogie. Demagogen wollen keine Probleme lösen. Sagen Sie mir eine Lösung einer rechtspopulistischen Partei, die nicht auf das Thema „Ausländer“ hinausläuft. Sie brauchen die Angst, um erfolgreich zu sein, Angst ist das Öl, das ins Feuer gegossen wird. Und um Angst zu erzeugen, wird vom Einzelfall auf die Allgemeinheit geschlossen. Verübt ein Moslem ein Attentat - dann war es „der Islam“. Hören die Leute auf, sich zu fürchten, gibt es keinen Populismus mehr.

ORF.at: Aber auch anders herum: Von den Rechten geht eine ungeheure Angstlust aus. Vor nichts fürchten sich aufgeklärte Europäer so gerne wie vor dem Faschismus, der seit Jahrzehnten offenbar immer direkt vor der Tür steht. Ist das gerechtfertigt?

Horaczek: Seit 25 Jahren sitzen wir wie ein Kaninchen vor der Schlange. Auf Provokationen der Populisten wird mit Pawlow’schen Reflexen reagiert - und die Provokationen bleiben nicht aus, Demagogen müssen stets Grenzen überschreiten, sie müssen „Aufreger“ liefern. Und dann regen sich auch wirklich alle auf und alle reden wieder über die Demagogen. So schaffen es Parteien wie die AFD oder der Front National, im Gespräch zu bleiben.

Aber man muss ihnen auch etwas entgegensetzen können, etwa der ständigen Klage darüber, dass die Welt immer schlechter wird. Ich mag nicht wieder in den 50er Jahren leben. Der Mann war damals noch das Familienoberhaupt, Vergewaltigung in der Ehe straffrei, alleinstehende Frauen wurden diskriminiert, Kinder geprügelt.

Man muss dem eine eigene Erzählung entgegensetzen, wie die Welt sein soll. Und hier mangelt es den Gegnern der Populisten oft an Inhalten, an Zielsetzungen, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll. Das bleibt man schuldig - und kreist lieber weiter um die Demagogen.

ORF.at: Was sind die größten Gefahren, die vom Populismus ausgehen?

Horaczek: Dass er die Gesellschaft spaltet. Rechte Demagogen zeichnen ein Bild der Gesellschaft, die aus einem „Wir“ und aus „den anderen“ besteht. Die beiden sind geteilte Gruppen, die einander feindlich gegenüberstehen. Demagogen brauchen dieses Feindbild. Die eine Gruppe entscheidet, wer „wir“ sind. „Wir sind das Volk“, behaupten rechte Demagogen. Aber wer bestimmt, wer dieses Volk ist? Gehöre ich nicht mehr dazu, wenn ich die Populisten kritisiere? Ist jemand, der hier geboren ist und einen falschen Namen und die falsche Hautfarbe hat, nicht Teil des Volkes?

Demagogen konstruieren einen geschlossenen, homogenen Volkskörper. Das ist gefährlich, weil es so viele Menschen ausschließt - die „Bösen“, die „Feinde“. Wir befinden uns da in einer Eskalationsspirale. Der Konflikt muss immer schlimmer werden. US-Präsident Donald Trump spricht von „Krieg“.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache philosophierte im Vorjahr: „Mittelfristig ist ein Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich“ (in seiner „Rede zur Lage der Nation aus freiheitlicher Sicht“, Anm.). Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt - und haben eine Bürgerkriegsdebatte? Wir hatten im 20. Jahrhundert schon zwei Kriege, in denen Europa in Schutt und Asche gelegt wurde.

Dazu kommt die Feindseligkeit, die in der Bevölkerung geschürt wird, etwa gegen Flüchtlinge und Migrantinnen. Es ist bedenklich, wie gewissen Gruppen gezielt das Menschsein abgesprochen wird, indem man sie als Dreck bezeichnet, als Tiere. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wenn man dem nichts entgegensetzt, wird es immer schlimmer werden. Politik kennt leider keinen absoluten Tiefpunkt.

Allerdings sind wir in Österreich noch weit davon entfernt, dass, wie in anderen Zeiten, Menschen gegeneinander aufgehetzt werden. Tendenzen sehe ich jedoch bereits. Man merkt, dass heute Sachen gesagt werden können, die vor 15 Jahren unsagbar gewesen wären, außer vielleicht in Kellerstüberln von Rechtsextremen.

ORF.at: Ist es nicht genauso sexy, vielschichtige Wahrheiten dem Wahlvolk verständlich zu erklären, statt sie zu vereinfachen? Muss Populismus immer einfach sein, damit er funktioniert?

Gegen Verständlichkeit ist ja prinzipiell nichts einzuwenden. Man soll den Menschen nicht das Gefühl vermitteln, sie seien zu blöd, man würde das Denken schon für sie erledigen - das führt zu Politikverdrossenheit. Aber Populisten vereinfachen ganz extrem und verzerren die Wahrheit. Ein Beispiel ist der Klimawandel - zu diesem Thema hört man von Populisten nur Absurdes, egal ob von Trump, der AFD oder der FPÖ, die auch nicht glauben will, dass der Mensch schuld ist an der massiven Erderwärmung. Das ist gespenstisch. Trump etwa hat eine kindliche Erklärung: Weil er den Klimawandel nicht mit seinen Augen sieht, gibt es ihn nicht.

Und bei den allermeisten Themen kommt als einfachste Antwort immer nur: „die Ausländer“. Das ist wie bei diesen Labyrinth-Suchbildern, wo man den Ausgang finden muss. Es läuft immer auf „die Ausländer“ hinaus.

ORF.at: Wie soll man mit Anhängern von Populisten umgehen - ohne oberlehrerhaft zu werden?

Horaczek: Man darf die Wähler solcher Parteien nicht verteufeln. Der Umgang war in der Vergangenheit oft problematisch, nach dem Motto: „Die sind so arm und dumm!“ Linke haben die Wähler von populistischen Parteien als Loser abgestempelt. Aber niemand will ein Loser sein - und diese Punze ist auch kontraproduktiv. Sie treibt die Menschen erst recht in die Arme derer, die sich als Retter der Armen aufspielen. Aber was hat etwa eine FPÖ in Sachen Sozialpolitik vorzuweisen?

Es heißt immer, die Politik soll die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Stimmt. Aber die Menschen beschäftigt anderes als dauernd nur das Flüchtlingsthema. Viele Familien fragen sich, ob sie sich ein zweites Kind leisten können, weil der Umzug in eine größere Wohnung derzeit die monatlichen Fixkosten aufgrund der drastisch gestiegenen Mieten in die Höhe schnellen lassen würde. Viele Leute wissen nicht, wie sie mit ihrem Gehalt über die Runden kommen sollen, weil die Lebenshaltungskosten massiv steigen, die Löhne aber nicht.

Das sind die wirklichen Probleme, da werden keine Lösungen angeboten, genauso wenig wie beim Thema Klimawandel. Wenn man sich die Hitzesommer und die steigende Zahl und höhere Intensität von Unwettern anschaut: Was führen wir eigentlich auf mit unserer Welt? All diese Themen werden nicht konstruktiv angesprochen. Aber Hauptsache Flüchtlingen die Mindestsicherung streichen.