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Falsche Starbucks-Werbeinserate & Co.

Für Schlagzeilen hat kürzlich eine gefakte Starbucks-Werbung in den USA gesorgt: Die US-Kaffeehauskette bewarb darin angeblich den „Dreamer Day“. An diesem Tag - der 11. August - sollten illegale Einwanderer 40 Prozent auf das gesamte Angebot und ein Gratisgetränk erhalten. „Fake News“, wie das Unternehmen richtigstellte. Die verbreitete Falschinformation ist kein Einzelfall.

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„Das ist komplett falsch. Bitte verbreiten Sie keine Falschinformation. Starbucks sponsert kein solches Event“, twitterte der Konzern Anfang August, nachdem der gefälschte Starbucks-Dreamer-Day-Werbecoupon als angeblicher Teil einer „#BorderFreeCoffee“-Starbucks-Kampagne bereits zwei Tage lang tausendfach in diversen Sozialen Netzwerken und Plattformen geteilt worden war.

„Könnte das Geschäft ein bisschen lahmlegen“

Die Hände im Spiel hatte wohl einmal mehr das für seine oft fragwürdigen Scherze und Netzaktionen berüchtigte US-Imageboard 4chan, wie das Onlinemedium Buzzfeed und die Website Know your meme auf ihrer Spurensuche dokumentierten. „Wie wäre es, ein Meme ‚Undocumentated Immigrant Day‘ bei Starbucks ins Leben zu rufen“, startete demnach ein 4chan-User das Brainstorming.

Screenshot zeigt gefälsche Werbeaktion von Starbucks

Screenshot/twitter.com

Starbucks dementierte die ihr unterstellte Kampagne auf Twitter

„Ich mag das. Könnte deren Geschäft ein bisschen lahmlegen“, antwortete ein anderer. Diskutiert wurde in der Folge, welche Schlagworte am geeignetsten wären - sichtbar wird in diesem Fall eine politische Schlagseite der Verfasser. Schließlich wurde der Titel „Dreamer Day“ auserkoren, „weil Liberale diesen Begriff lieben“. Die Operation „#BorderFreeCoffee“ wurde mit Erfolg lanciert.

Anonymität auf 4chan

Die weitgehend anonyme 4chan-Onlinecommunity ist der Entstehungsort vieler bekannter Memes und für teils befremdliche Netzaktionen berüchtigt. Auch die allseits beliebten Katzenfotos mit absurden Sprüchen und offensichtlich falscher Grammatik gehen auf 4chan zurück. Das Imageboard gilt auch als Wiege der Anonymous-Bewegung.

Viele hielten die vermeintliche Starbucks-Kampagne wohl deshalb für echt, da die Kaffeehauskette sich für die Integration von Flüchtlingen starkmacht und bereits angekündigt hatte, in 75 Ländern insgesamt 10.000 Flüchtlinge unter Vertrag zu nehmen. In Internetforen hatte Starbucks dafür auch Proteste und Boykottaufrufe geerntet.

Tödliche Discs, Aus für Mitgliedschaften

Das Beispiel macht anschaulich, wie Ruf- und Imageschädigung via „Fake News“ funktioniert und wie wachsam Unternehmen angesichts dieser Gefahr werden müssen. Unter den „Hot 50“, die die Faktencheck-Website Snopes.com listet, fanden sich in letzter Zeit immerhin zwölf Falschnachrichten, die Wirtschaftsunternehmen betrafen, berichtete die „Financial Times“ diese Woche: darunter eine Falschnachricht über die Beauty-Kette Ulta, die demnach nach einem Aufkauf des Konkurrenten Sephora zusperre.

Eine weitere gestreute Desinformation betraf die Spielkonsole Xbox. Die Xbox-Falschnachricht ist offenbar ein Wiedergänger aus dem Jahr 2015, der heuer wieder aufpoppte und Verbreitung fand. Eine automatisch ausgeworfene Xbox-Disc soll demnach einen Teenager tödlich getroffen haben. Auch die US-Großhandelskette Costco war im Juli betroffen, als die Falschmeldung die Runde machte, dass es keine Costco-Mitgliedschaften mehr gebe, wie Snopes zum Fall Costco schreibt.

„Vertrauen wird zerstört“

„Es schädigt Firmen finanziell und vergiftet die Atmosphäre, da das Vertrauen zerstört wird“, sagte Snopes-Chefredakteurin Brooke Binkowski gegenüber der „Financial Time“. IT-Riesen wie Google und Facebook setzen angesichts viraler „Fake News“ bereits verstärkt auf Faktenchecks. Facebook machte das Melden von „Fake News“ einfacher und für Nutzer transparenter. Im Ranking rutschen erkannte „Fake News“ im Newsfeed nach unten.

Zudem wird auf Kooperationen mit Medien und Faktencheck-Spezialisten gesetzt - wie das auch Google tut. Google weitete heuer sein letzten Herbst eingeführtes „Faktencheck-Label“ auf alle Sprachen aus und liefert damit bei Suchanfragen - so vorhanden - gleich einen Faktencheck mit.

Trainieren für den Shitstorm

Und auch Unternehmen rüsten sich. Mit dem Hereinbrechen der „Fake News“-Welle entstanden und wuchsen die Faktencheck-Abteilungen in den Konzernen. Ein eigener PR- und Krisenmanagementzweig beschäftigt sich mittlerweile mit dem Umgang mit Shitstorms und firmenschädigenden „Fake News“. Der PR-Konzern Weber Shandwick bietet etwa einen Social-Media-Krisensimulator, Firebell genannt, an - eine Software, die es Firmen ermöglicht, in Echtzeit PR-Krisensituationen offline auf verschiedenen Social-Media-Plattformen zu simulieren und zu trainieren. Firmen würden langsam realisieren, wie wachsam sie sein müssen, zitierte „FT“ Leslie Gaines-Ross von Weber Shandwick.

Lernen von Monsanto?

Auch der umstrittene US-Saatguthersteller Monsanto - vor allem als Hersteller von Unkrautvernichtern mit dem Wirkstoff Glyphosat bekannt - war in der Vergangenheit mitunter nicht nur mit heftiger Kritik, sondern auch mit „Fake News“ konfrontiert - und entwickelte dagegen laut eigenen Aussagen eine eigene Strategie.

Als Meldungen kursierten, dass Monsanto-Pestizide und nicht das Zika-Virus für lebensgefährliche Schädelfehlbildungen (Mikrozephalie) in Brasilien verantwortlich seien, ermutigte der Konzern seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, persönlich in den Sozialen Netzwerken, in ihren Freundeskreisen als ausgewiesene Monsanto-Angestellte eine Klarstellung zu kommunizieren und zu verbreiten. Diese Nachrichten hätten sich mindestens so wirksam, wenn nicht wirksamer verbreitet als direkte Stellungnahmen des Konzerns selbst, ist zumindest Monsantos Kommunikationsstratege Vance Growe im „FT“-Interview überzeugt.

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