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Der internierte Joyce-Bruder

Das Internierungslager in Kirchberg an der Wild erzählt auch eine Anekdote zu einem der einflussreichsten Bücher der Literaturgeschichte. Stanislaus Joyce, der Bruder von James Joyce, war in Kirchberg interniert. Die Korrespondenz der Brüder dokumentiert die Arbeit am gerade entstehenden Jahrhundertroman „Ulysses“.

Stanislaus Joyce folgte seinem Bruder James im Jahr 1905 nach Triest. Der irische Schriftsteller war bereits im Jahr davor in die k. u. k. Hafenstadt gezogen, um sein Geld im benachbarten Pola (heute: Pula) als Sprachlehrer an der Berlitz-Sprachschule zu verdienen. Die spätere Literaturberühmtheit unterrichtete dort vorwiegend österreichische Marineangehörige.

Vor allem soll Joyce in seiner Triestiner Zeit aber die multinationale Atmosphäre der Stadt aufgesogen haben, und noch viel mehr den Alkohol. Stanislaus musste ihm finanziell immer wieder aushelfen. Deshalb soll es James auch ein Anliegen gewesen sein, den Bruder in der Nähe zu haben.

Potenzieller Staatsfeind

Auch Stanislaus, wie sein Bruder Schriftsteller, hatte an der Berlitz-Sprachschule in Pola Arbeit gefunden. Mit den herrschenden Verhältnissen war Stanislaus jedoch kaum einverstanden, so machte er etwa nie einen Hehl daraus, dass er Triest unter italienischer Verwaltung besser aufgehoben sähe als unter österreichischer Herrschaft.

Seine zu wenig monarchietreuen Äußerungen wurden Stanislaus, der wie sein Bruder Ire mit britischem Pass war, letztlich zum Verhängnis. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Kriegseintritt Großbritanniens galt er erst recht als potenzieller Staatsfeind, der sich im falschen Land aufhält.

Festnahme und Internierung

Am 28. Dezember des Jahres 1914 wurde Stanislaus Joyce festgenommen und interniert. Zunächst im Internierungslager Katzenau in der Nähe von Linz, später im Internierungslager in Kirchberg an der Wild und noch später im ebenfalls im Waldviertel gelegenen Großau.

Für Joyce-Forscher gilt eine Feldpostkarte, die James Joyce seinem Bruder nach Kirchberg sandte, als wichtiges Dokument hinsichtlich der Entstehungsgeschichte von Joyce’ berühmtestem Werk, dem bahnbrechenden „Ulysses“, dessen Handlung sich an nur einem Tag abspielt, am 16. Juni 1904. Joyce-Fans begehen an diesem Tag den nach der Hauptfigur benannten „Bloomsday“.

In der Feldpostkarte teilte James mit, dass er nun das erste Kapitel von „Ulysses“ vollendet habe und skizzierte den ersten Grundplan des Romans. Die Postkarte trägt das Datum des 16. Juni 1915. In Triest erinnert eine Gedenktafel am damaligen Wohnhaus Joyce’ in der Via Donato Bramante an das Datum der Vollendung des wichtigen Zwischenschritts.

Ein Schicksal auf Schienen

Doch als Brite musste auch James Joyce fürchten, wie sein Bruder verhaftet und interniert zu werden. Im Jahr 1915 flüchtete er deshalb in Richtung Zürich, wurde aber an der Grenze zur Schweiz im Vorarlberger Feldkirch lange und ausgiebig kontrolliert. Seine Ausreise war ungewiss. Joyce erlebte bange Stunden, die ihm ein Leben lang in ausdrücklicher Erinnerung blieben.

Bei einem späteren Besuch am Feldkircher Bahnhof im Jahr 1932 gestand Joyce: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des ‚Ulysses‘ entschieden." Joyce’ Sager wurde am Feldkircher Bahnhof als Schriftzug in der Schalterhalle verewigt.

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