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Zeitzeuge des Holocaust

Mit 104 Jahren ist Marko Feingold der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Im ORF.at-Gespräch erzählt er von Tanzabenden am Graben in der Zwischenkriegszeit, der Verfolgung durch das NS-Regime und seiner Arbeit als Zeitzeuge in Schulen.

ORF.at: Herr Feingold, Sie sind im Jahr 1913 geboren. Wie haben Sie das Wien der Zwischenkriegszeit erlebt?

Marko Feingold: Es war eine sehr spannende und schöne Zeit. Bereits im späten 19. Jahrhundert waren ja viele Juden und Jüdinnen aus Polen, Galizien und der Bukowina, also aus dem heutigen Rumänien und der Ukraine, nach Österreich migriert. Sie haben das kulturelle Leben enorm bereichert. Zwar konnten nicht alle gut Deutsch. Doch innerhalb von kurzer Zeit hatten wir eine aufblühende Kultur, in allen möglichen Sparten. Ich bin davon überzeugt, dass das kulturelle Leben heute weniger spannend und vielfältig ist als in der Zwischenkriegszeit, als ich ein Jugendlicher war.

ORF.at: Was hat man damals als junger Mensch gerne getan?

Feingold: Man wollte ins Theater gehen, Literatur lesen usw. Damals gab es sogenannte Claquekarten – die jüngere Generation kennt das natürlich nicht. Wir kamen gratis ins Theater, dafür war unsere Aufgabe dann, an bestimmten Stellen des Stücks zu klatschen. So haben wir die besten Plätze im Theater bekommen – schön verstreut über den Publikumsbereich. Wir gingen auch gerne ins Tanzcafe am Graben und tanzten oft die ganze Nacht durch.

ORF.at: Doch dann kam die Wirtschaftskrise.

Feingold: Ja, ich selbst bin ja arbeitslos geworden. Ich bin in Wien einmal pro Woche stempeln gegangen, dann konnte man sich das Geld holen. Es gab 17 Schilling pro Woche – wer davon leben konnte, den möchte ich sehen!

ORF.at: Dann sind Sie nach Italien gegangen und haben sich als Vertreter versucht.

Feingold: Ich und mein Bruder waren insgesamt sechs Jahre in Italien und sind perfekte Italiener geworden, was Kleidung und Sprache betrifft. Denn als Vertreter können Sie natürlich nichts verkaufen, wenn Sie kein ordentliches Italienisch sprechen. Und um jemanden zu überreden, muss man die Sprache besser beherrschen als er! Das Gegenüber darf nicht einmal zum Luftschöpfen kommen. Ich muss ehrlich zugeben – und das soll kein Vorwurf an die verschiedenen Vertreter sein –, in diesem Beruf ist man dazu gezwungen, etwas zu verkaufen, was die Leute nicht brauchen. Was man braucht, das hat man sich eh schon gekauft! Also, seien wir ehrlich!

ORF.at: Wie können Sie sich erklären, dass der Antisemitismus in Österreich so stark wurde?

Feingold: Die Sympathien für den Anschluss waren in Österreich im Frühjahr 1938 sehr groß. Zum Beispiel hat man gewisse Ämter in Wien bereits ein, zwei Tage vorher an die Nazis übergeben. Es gab viele Anzeichen, dass die Bevölkerung für den Anschluss war. In gewisser Hinsicht war es kein Wunder, denn die Dollfuß-Regierung hatte die Wirtschaft wirklich ruiniert. Doch auch die Sozialdemokraten waren oft antisemitisch eingestellt. Karl Renner hat sich im Jahr 1938 offen für den Anschluss an Hitler-Deutschland ausgesprochen! Nach dem Krieg hat er den ehemaligen Nationalsozialisten, die Zigtausende Wohnungen von Juden geraubt hatten, zu verstehen gegeben: „Ihr könnt ruhig schlafen, ihr werdet die Wohnungen nicht verlieren.“ Das war damals der Anfang der rechten Kontinuität, würde ich sagen.

Marko Feingold bei einem Vortrag in der GEA-Akademie Schrems

Michael Rottmann

Die Weisheit eines ehemaligen Vertreters: „Was man braucht, das hat man sich eh schon gekauft! Also, seien wir ehrlich!“

ORF.at: Viele Überlebende des Holocaust wollten deshalb ja auch nicht in Österreich bleiben.

Feingold: Ja genau. 1946, als ich gerade ein paar Monate in Salzburg war, lebten 600 Juden und Jüdinnen in der Stadt. Es waren natürlich nicht nur Salzburger, sondern auch viele Flüchtlinge darunter. Doch heute sind wir nicht einmal mehr 60 Personen!

ORF.at: Wie haben Sie in den 70er Jahren den Streit zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal erlebt?

Feingold: Kreisky war in diesem Streit ungerecht. Er wollte bei den Österreichern anerkannter und beliebter werden. Alle haben auf Wiesenthal geschimpft, also hat er auch auf ihn geschimpft. Man muss anerkennen, dass Wiesenthal wichtige Vorarbeiten geleistet hat, die für die Verhandlungen gegen ehemalige Kriegsverbrecher notwendig waren. Ohne ihn hätten wir nicht einmal einen kleinen Teil an Gerechtigkeit geschaffen.

ORF.at: Sie sind auch in der Bildungsarbeit in Schulen tätig. In wie vielen Schulen waren Sie schon?

Feingold: Das kann ich nicht sagen, aber es waren Tausende. Da ich seit einigen Jahren keine Schulen mehr besuche, kommen nun Hunderte Klassen zu mir nach Salzburg in die Synagoge. So kann ich ihnen das Notwendigste erklären, was damals wirklich geschehen ist. Die Reaktionen sind stets sehr gut.

ORF.at: Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Situation?

Feingold: Wir müssen sehr darauf achten, dass nicht wieder ein „starker Mann“ nach oben kommt, der die Vielfalt und die Demokratie in unserem Land aufs Spiel setzt. Außerdem hoffe ich, dass nicht nach parteipolitischen Interessen gehandelt wird, sondern im Sinne aller Menschen in diesem Land. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass nicht wieder Menschen ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.