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Der Spion mit den zwei Gesichtern

Der vietnamesisch-US-amerikanische Autor Viet Thanh Nguyen hat die Geschichte des Vietnam-Krieges anhand eines Agenten aufgerollt, der in den 1970er Jahren sowohl für die mit den Amerikanern verbündete Republik Vietnam arbeitet als auch für den kommunistischen Norden. Der Protagonist, Sohn einer Vietnamesin und eines Kolonialpriesters, nimmt verschiedene Sichtweisen und Standpunkte ein - die ihm letztlich zum Verhängnis werden.

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Saigon im April 1975: Nach der Eroberung der Stadt durch den Vietcong gelingt es dem Geheimagenten im letzten Moment, gemeinsam mit hohen Militärs der Republik Vietnam über die Insel Guam in die USA zu flüchten. Dort arbeitet er weiterhin Seite an Seite mit den Exilvietnamesen, die nach ihrer Ankunft in Kalifornien langsam, aber sicher politische Bündnisse mit erzkonservativen Kongressabgeordneten und antikommunistischen Thinktanks schließen.

Mörderische Doppelbewegung

Gleichzeitig erstattet er der Gegenseite, den mittlerweile siegreichen vietnamesischen Kommunisten, mittels verschlüsselter Briefe Bericht über die konterrevolutionären Umtriebe seiner Landsleute. Für Letztere ist der Krieg nämlich keineswegs vorbei: In Südkalifornien organisieren sie paramilitärische Trainingscamps und schmieden neue Pläne, um über Thailand nach Vietnam zurückzukehren und so gegen die dortige kommunistische Führung zu kämpfen. Der CIA hilft tatkräftig mit.

Ngyens Protagonist vollführt dabei stets eine mörderische Doppelbewegung: Ausgebildet von US-amerikanischen Folterspezialisten beteiligt er sich im amerikanischen Exil an Intrigen gegen unterstellte oder tatsächliche Kommunisten, um nicht selbst als kommunistischer Agent enttarnt zu werden. So kann er seine Arbeit als Informant fortführen. Er begeht kaltblütige Morde an anderen Exilvietnamesen, um auf diese Weise jeglichen Verdacht über seine eigentliche Gesinnung von sich fernzuhalten.

Vietnam-Krieg und Exil

Doch was ist seine eigentliche Gesinnung? Diese Frage wird für den „Mann mit den zwei Gesichtern“ immer mehr zur Qual. Seine kommunistischen Genossen, die weiterhin auf seine Tätigkeit als Spitzel zählen, wissen um sein Doppelleben und billigen das zynische Spiel. Bald rächen sich die blutigen Taten: Die Ermordeten verfolgen den „Sympathisanten“ in seinen Alpträumen. So ist es naheliegend, dass das Leben des Geheimagenten nur mit einer gehörigen Portion Zynismus und viel Alkohol zu ertragen ist.

Viet Thanh Ngyuen

Rodion Ebbighausen

Autor Ngyuen: Seine Opfer verfolgen den Sympathisanten bis in seine Träume

Nguyen rückt das Milieu der antikommunistischen Exilcommunity in den Fokus. Einer perfekten Milieustudie gleich beschreibt er detailreich und einfühlsam die Schwierigkeiten der Exilantinnen und Exilanten, in den USA ihren Platz zu finden. Er thematisiert den sozialen Abstieg, den antivietnamesischen Rassismus, aber auch die Schwierigkeit der Vertriebenen, mit dem allzu liberalen gesellschaftlichen Klima in Kalifornien zurechtzukommen. Die konterrevolutionäre Miliz gibt den Exilierten, die zu Hause wichtige Posten innehatten und sich in Kalifornien nun plötzlich als Küchengehilfen und Betreiber drittklassiger Bars durchschlagen müssen, ihren Stolz zurück.

Nguyens literarische Triebkraft speist sich offensichtlich aus seiner radikalen Ablehnung der westlichen Deutungshoheit über den Vietnam-Krieg. Mit beißendem Humor und analytischer Schärfe bricht er mit dem amerikanischen Monopol auf Geschichtsdeutung. Denn, so der Protagonist, selbst wenn die Amerikaner den Krieg verloren haben, sie bestimmen immer noch, wie darüber geredet wird. Damit schließt der Autor eine wichtige Leerstelle: Die Schilderung der Geschehnisse aus einer postkolonialen, vietnamesischen Perspektive.

Kritik an westlicher Perspektive

Nguyen lässt seinen Protagonisten – stets in seiner Rolle als Geheimagent – mit einem amerikanischen Filmteam auf die Philippinen reisen. Dort soll er bei einem Filmdreh über den Vietnam-Krieg übersetzen und assistieren. Die Kulissen werden detailgetreu aufgebaut, Bombenangriffe werden mit riesigem Aufwand nachgestellt. Die Drehleitung aus Hollywood sieht es als kein Problem an, im Elend lebende vietnamesische Flüchtlinge, die auf den Philippinen gestrandet sind, am Set für einen Dollar pro Tag als Komparsen und Statisten auszubeuten.

Nguyen übt schonungslose Kritik am Rassismus und an der Arroganz der amerikanischen Filmindustrie der 1970er Jahre. Hier ist die Anspielung auf den Hollywood-Klassiker „Apocalypse Now“ nur allzu offensichtlich. So kommt die hochnäsige Mitarbeiterin des Starregisseurs vor, die mit dem Protagonisten nur in unvollständigen Sätzen spricht, da sie seine Englischkenntnisse in Zweifel zieht. Vietnamesen sowie die abwertend als „Orientale“ Bezeichneten im Allgemeinen werden vor dem Hintergrund amerikanischer Hegemonie und Heldentum zum Objektstatus degradiert.

Nguyens Kritik an der Bezeichnung der vietnamesischen Flüchtlinge als „Boatpeople“ könnte aktueller nicht sein. Der Begriff rieche „nach anthropologischer Herablassung und lässt an einen vergessenen Zweig der Menschenfamilie denken, einen vergessenen Amphibienstamm, dessen Angehörige mit Seegras auf den Häuptern aus dem Nebel des Ozeans auftauchen“, so der Autor. Nguyens sarkastischer Humor lässt sich eins zu eins auf heute anwenden: Als ob die Bootsflüchtlinge, die über das Mittelmeer fahren, nicht auch individuelle Geschichten, Träume und Hoffnungen hätten.

Was wird aus dem Revolutionär, der siegt?

Für den Autor Nguyen war der Kalte Krieg nur aus der Perspektive der europäischen und nordamerikanischen weißen Bevölkerung kalt - denn zur gleichen Zeit wurden Vietnam und unzählige weitere Länder der Südhemisphäre zu Schauplätzen von blutigen Stellvertreterkriegen. Die emanzipatorischen Bestrebungen der Unabhängigkeitsbewegungen wurden zwischen den gegensätzlichen Interessen der Großmächte zerrieben. Was übrig blieb, waren Regime am Gängelband des Westens oder aber isolierte stalinistische Überwachungsstaaten mit Nordkorea als letztem abschreckenden Beispiel.

Buchhinweis

Buchcover Der Sympathisant

Karl Blessing Verlag

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant. Blessing Verlag, 528 Seiten, 25,70 Euro.

„Der Sympathisant“ behandelt existenzielle ethische Fragen und widmet sich auf akribische Weise der Zweck-Mittel-Dialektik in revolutionären Prozessen. Am Schluss steigert sich der Roman zu einer klaren Anklage gegen den Missbrauch politischer Ideale. Durch die Gedanken seines Protagonisten fragt Nguyen: „Was wird aus denen, die gegen die Mächtigen kämpfen, wenn sie selbst die Macht ergreifen? Was wird aus dem Revolutionär, wenn die Revolution triumphiert?“ Diese Fragen erinnern an den großen Romancier Manes Sperber und seine Abrechnung mit dem Stalinismus.

Nguyen hat nicht nur einen außergewöhnlichen Roman über Krieg und Exil geschrieben. Er hat auch die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Vietnam-Krieg, der einer der längsten und blutigsten Konflikte des Kalten Krieges war, nachhaltig geprägt. Dass er beide Seiten des Bürgerkrieges beleuchtet und die Motive der jeweiligen Akteure ernst nimmt, ohne sie zu beschönigen, ist eine große Leistung; dass er die westliche Erinnerungshegemonie so gekonnt und literarisch virtuos infrage stellt, eine noch größere.

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