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„Apocalypse Now“ Revisited

Viet Thanh Nguyen lässt in seinem Roman „Der Sympathisant“ den Protagonisten und Erzähler mit einem amerikanischen Filmteam auf die Philippinen reisen, wo er bei den Dreharbeiten für einen Film über den Vietnam-Krieg assistieren soll. Seine Aufgabe besteht darin, den narzisstischen und arroganten Starregisseur zu beraten und „authentisch vietnamesische“ Hintergrundinformationen beizusteuern.

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Außerdem soll er für die vietnamesischen Komparsen übersetzen – allesamt bitterarme Flüchtlinge, die am Set für einen Dollar pro Tag ausgebeutet werden. Nguyen macht im Nachwort seines Buches keinen Hehl daraus, was ihn zu der Erzählung inspiriert hat. Der fiktive Film mit dem Titel „Das Dorf“ ist dem Hollywood-Klassiker „Apocalypse Now“ von Francis Ford Coppola nachempfunden. Nguyen gelingt es, eine brillante postkoloniale Kritik an dem Film zu formulieren. „Apocalypse Now“, im Jahr 1979 in Teilen tatsächlich auf den Philippinen gedreht, kreist um die Figur von Captain Benjamin Willard (Martin Sheen), einem Angehörigen einer amerikanischen Spezialeinheit.

1979 kam „Apocalypse Now“ mit einer Spielzeit von 153 Minuten in die Kinos. 2001 erschien „Apocalypse Now Redux“, die digitalisierte und 50 Minuten längere Version, die komplett neu geschnitten und um etliche, bis dahin ungezeigte Szenen ergänzt worden war.

Willard erhält im Jahr 1969, mitten im Vietnam-Krieg, den Auftrag, den abtrünnigen, angeblich wahnsinnig gewordenen Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando) zu töten. Willards Flussreise mit einem Patrouillenboot zu dessen Dschungelversteck in Kambodscha, wo Kurtz wie ein Kaiser über eine Schar von ebenfalls abtrünnigen Soldaten herrscht, sollte die Widersprüche und die Brutalität des Kriegs aufzeigen. Der Film enthält weltberühmte Szenen wie beispielsweise den Auftritt des Bataillonskommandanten Bill Kilgore (Robert Duvall).

Absurdität des Krieges

In einem Küstendorf, das von Vietcong kontrolliert wird, gibt Kilgore seinen Soldaten plötzlich die Anweisung, surfen zu gehen. Gleichzeitig befiehlt er den Angriff auf das Dorf. Dabei wird im Sinn der psychologischen Kriegsführung über Lautsprecher, die an den Kampfhubschraubern befestigten sind, Wagners Walkürenritt gespielt. In einer anderen Szene kontrolliert die Crew von Captain Willard auf dem Weg flussaufwärts einen Sampan. An Bord befinden sich einige Vietnamesen, die Lebensmittel und Tiere transportieren. Obwohl kein Angriff droht, entsteht unter den amerikanischen GIs plötzlich Panik – sämtliche Vietnamesen werden erschossen.

Mit dieser Szene wollte Coppola reale, im Vietnam-Krieg stattgefundene Kriegsverbrechen wie das Massaker von My Lai thematisieren. Obwohl „Apocalypse Now“ als Antikriegsfilm rezipiert wird, übt Nguyen scharfe literarische Kritik. Sein Protagonist zeigt sich „fassungslos über ein Drehbuch, dessen größter Spezialeffekt weder die Sprengung diverser Gegenstände noch die Ausweidung diverser Körper war, sondern die Leistung, eine Geschichte über mein Land zu erzählen, in der kein einziger meiner Landsleute ein verständliches Wort zu sagen hat.“

Der Regisseur, den Nguyen mit Spott lediglich „Auteur“ nennt, scheint nicht einmal zu wissen, „dass ‚Montagnard‘ einfach der französische Sammelbegriff für die Dutzenden von Minderheiten war, die im Hochland lebten.“ Was, so der Sympathisant, „wenn ich ein Drehbuch über den amerikanischen Westen schreiben und alle Ureinwohner einfach Indianer nennen würde? Sie würden wissen wollen, ob die Kavallerie gegen die Navajo, die Apachen oder die Komantschen kämpft, oder?“

Kapitulation vor der Ignoranz

Schließlich muss der Sympathisant vor der Ignoranz des Auteurs kapitulieren: „Ich hatte versagt, und der Auteur würde ‚Das Dorf‘ machen wie von ihm geplant, mit meinen Landsleuten, die lediglich als Rohmaterial für ein Epos über weiße Männer dienten, die gute gelbe Menschen vor schlechten gelben Menschen retteten.“ Diese Kapitulation vor dem „Monster Hollywood“ hindert Nguyen allerdings nicht daran, seine literarische Kritik am militärisch-industriellen Komplex, zu dem er die amerikanische Filmindustrie zählt, fortzusetzen.

Die Dreharbeiten auf den Philippinen waren nur möglich, so Nguyen, weil „Uncle Sam“ dort das Kriegsrecht absicherte, und den „Tyrannen Marcos bei seinen Bemühungen unterstützt, nicht nur einen kommunistischen, sondern auch einen muslimischen Aufstand niederzuschlagen. Zu dieser Unterstützung gehörte auch authentisches Material made in the USA: Flugzeuge, Kampfpanzer, Hubschrauber“.

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