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Intimität und der „Phantombass“

Auf Streamingplattformen herrscht ein beinharter Konkurrenzkampf: Schafft es ein Lied nicht sofort, Hörerinnen und Hörer anzusprechen, klicken diese einfach weiter. Das Ringen um Aufmerksamkeit zwingt Musikschaffende dazu, ihre Songs an die neuen Hörgewohnheiten anzupassen.

„Opfer“ der Entwicklung könnte das Song-Intro werden - das in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin immer kürzer geworden ist. Mit kunstvoll gestalteten Einstiegen halten sich die Produzentinnen und Produzenten von Chartshits schon länger nicht mehr auf. Das legen zumindest die Ergebnisse einer heuer veröffentlichten Forschungsarbeit der Ohio State University nahe. Studienautor Hubert Leveille Gauvin verglich darin die durchschnittliche Introlänge der Top Ten in den Hitparaden zwischen 1986 und 2015.

Kürzeres Warten bis zur „Hookline“

Die Kurve zeigt deutlich nach unten: In den vergangenen 30 Jahren ist die Zeitspanne, bis der Gesang in einem Chartshit einsetzt, laut Gauvin von 20 auf fünf Sekunden gesunken. „Das ist verrückt, aber es macht Sinn“, so Leveille Gauvin, schließlich sei die Stimme jenes Instrument, das am ehesten unsere Aufmerksamkeit errege. Kürzer warten müssen Hörerinnen und Hörer auch auf die „Hookline“.

Schon die CD hat das Weiterschalten im Vergleich zu Schallplatte und Kassette erheblich erleichtert. Mit Streamingdiensten hat die Entwicklung eine neue Qualität bekommen. Der Wechsel zwischen Musikstücken war noch nie so einfach wie heute. „Wenn man heute vor Spotify sitzt und von einem Song nach zehn Sekunden gelangweilt ist, drückt man einen Knopf und ist weg. Ich denke, man muss die Aufmerksamkeit der Leute heute viel schneller auf sich ziehen“, sagte der britische Produzent Mark Ralph der BBC. Hinzu kommt ein finanzieller Aspekt: Wird ein Lied auf Spotify weniger als 30 Sekunden lang angespielt, soll Medienberichten zufolge kein Geld fließen.

Dass Welthits durchaus lange Intros haben können, zeigen Beispiele wie „Baba O’Riley“ von The Who, „Hotel California“ von den Eagles und „Where The Streets Have No Name“ von U2. Zudem gibt es zeitgenössische Ausnahmen, die die Regel bestätigen, beispielsweise den 2011 erschienenen Welthit „Sombody That I Used To Know“ des belgisch-australischen Singer-Songwriters Gotye.

Die Signatur der Streamingära

Vom begrenzten Platz auf einer 7-Inch-Schallplatte über Phil Spectors „Wall of Sound“, die den Anforderungen des Monoradios Rechnung trug, bis hin zur Erfindung digitaler Instrumente wie des Drumcomputers hatten technologische Entwicklungen (beziehungsweise Limitationen) schon immer ihren Einfluss auf die Musikproduktion. Im Streamingzeitalter kommt ein entscheidender Aspekt hinzu: Noch nie konnte so detailliert ausgewertet werden, worauf Hörerinnen und Hörer anspringen.

Im Wettstreit um die Aufmerksamkeit des Publikums greifen Produzentinnen und Produzenten tief in die Trickkiste. In Katy Perrys Single „Swish Swish“ finden sich zahlreiche Referenzen an bekannte britische Electronictracks, angefangen von einem Sample im Stile Fatboy Slims. „Schamlos und irgendwie brillant“ sei dieser Trick, sagte der Marketingstratege David Emery dem US-Onlinemagazin Pitchfork. Hörerinnen und Hörer tendierten dazu, nicht wegzuschalten, wenn ihnen etwas bekannt vorkomme, so Emery unter Verweis auf von ihm erhobene Daten.

Den ersten „Signature Style“ des Streamingzeitalters definierten Pitchfork zufolge Skrillex, Diplo und Justin Bieber mit ihrer 2015 veröffentlichten Single „Where Are Ü Now“. Dafür schliffen sie Elemente der Electronic Dance Music (EDM) für den Mainstream zurecht. Der Sound ist entspannt und sommerlich, der Beat langsam - ebenfalls ein Trend, der sich in den letzten Jahren verfestigt hat. Aus der EDM ausgeborgt haben sich die Produzenten auch die „Bass-Bomben“, allerdings in abgemilderter Form.

Eingeweiht in ein Geheimnis

Neben der Musik hat sich auch die Art zu singen verändert. Die Stimme ist näher dran am Ohr, der Gesang richtet sich an einen individuellen Zuhörer bzw. eine individuelle Zuhörerin und nicht an die Masse. So werde der Eindruck erzeugt, der Künstler oder die Künstlerin vertraue dem Fan ein Geheimnis an, so der US-Produzent Ross Golan gegenüber Pitchfork. Die meisten Songs in Spotifys Top-50-Liste kämen mit fast schon gemurmeltem Gesang aus. „Intimität ist populär“, sagte Ross - zu sehen etwa an Kendrick Lamar und Drake, die mit ihrem nicht aggressiven Rapstil erfolgreich sind.

Andere Musikschaffende gehen bei der Anpassung an die neuen Hörgewohnheiten noch einen Schritt weiter. Der Produzent Ricky Reed arbeitet nach eigenen Angaben an der Entwicklung eines „Phantombasses“, der auch auf Lautsprechern mit schlechter Basswiedergabe (etwa Laptopboxen) hör- oder, besser gesagt, fühlbar ist.

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