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Gerüchte bereits seit Jahren

Nach der Entlassung des einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wegen sexueller Belästigung gehen viele Filmstars zu ihm auf Distanz. Meryl Streep, die Weinstein einst bei einer Oscar-Verleihung als „Gott“ bezeichnete, erklärte am Montag in der „Huffington Post“, sie sei „entsetzt“ über die „schändlichen“ Nachrichten.

„Die furchtlosen Frauen, die ihre Stimmen erhoben haben, um diesen Missbrauch zu enthüllen, sind unsere Heldinnen“, sagte die Schauspielerin. Streep, die mit der Weinstein Company mehrere Filme drehte, erklärte, sie selbst habe von den Vorwürfen nichts gewusst.

Hollywood-Schauspielerin Meryl Streep

Reuters/Shannon Stapleton

Meryl Streep kritisierte Weinstein scharf

Das Verhalten des Filmmoguls sei „unentschuldbar“, der Missbrauch von Macht sei aber weit verbreitet. Streep betonte, dass „nicht jeder“ von Weinsteins Fehlverhalten gewusst habe. „Ich glaube nicht, dass all die investigativen Journalisten es über Jahrzehnte versäumt hätten, darüber zu schreiben“, fügte sie hinzu.

Judi Dench, ebenfalls Oscar-Gewinnerin, die einen großen Teil ihres Erfolgs Weinstein zuschrieb, äußerte sich „schockiert“. Die britische Schauspielerin, die einst enthüllt hatte, dass sie Weinsteins Initialen als Tattoo-Aufkleber auf ihrem Hintern getragen habe, versicherte gegenüber dem Magazin „Newsweek“, ihr seien die Vorwürfe gegen Weinstein bisher nicht bekannt gewesen.

Hillary Clinton „schockiert“

Die frühere US-Außenministerin und Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zeigte sich entsetzt über die Vorwürfe gegen Weinstein: „Ich war schockiert und entsetzt von den Enthüllungen.“ Weinsteins Verhalten, das einige Frauen nun öffentlich machten, könne nicht hingenommen werden. „Ihr Mut und ihre Unterstützung anderer ist entscheidend dabei, derartiges Verhalten zu beenden“, so Clinton.

Donna Karan rudert nach Unterstützung zurück

Die Modedesignerin Donna Karan war noch am Wochenende eine der wenigen Unterstützerinnen Weinsteins. Nach einem Bericht der „Daily Mail“ soll Karan am Sonntag bei einer Veranstaltung in Los Angeles auf dem roten Teppich Weinstein gelobt haben, er und seine Frau seien „wunderbare Menschen“. Sie fügte hinzu, dass manche Frauen durch ihren Kleidungsstil „Ärger heraufbeschwören“ würden.

Nach entrüsteten Kommentaren, unter anderem von Rose McGowan, die zu den mutmaßlichen Opfern Weinsteins zählt, zog die Designerin ihre Behauptungen jedoch zurück. In einer Stellungnahme sagte Karan am Montag, dass „sexuelle Belästigung nicht in Ordnung“ sei, und entschuldigte sich. Ihre Bemerkungen seien aus dem Kontext gerissen worden.

Clooney und Close waren Gerüchte bekannt

Schauspieler und Regisseur George Clooney nannte Weinsteins Verhalten dem Onlinemagazin The Daily Beast gegenüber „unentschuldbar“. In den 90er Jahren habe er gerüchteweise gehört, dass Frauen, die mit Weinstein schliefen, als Gegenleistung Filmrollen erhielten. Doch habe er darin lediglich Versuche gesehen, die Frauen herabzusetzen und ihr Talent als Schauspielerinnen in Zweifel zu ziehen.

Glenn Close vertraute der „New York Times“ („NYT“) in einer Erklärung an, dass ihr entsprechende Gerüchte „über viele Jahre“ bekannt gewesen seien. „Harvey war mir gegenüber stets korrekt - aber jetzt, wo sich die Gerüchte bestätigen, fühle ich mich aufgebracht und tief traurig.“

Jennifer Lawrence meldete sich am Dienstag in einer Stellungnahme zu Wort und sagte, dass sie selbst nie von Weinstein belästigt worden sei. Ihr seien die Vorwürfe bis zur Veröffentlichung des „NYT“-Artikels unbekannt gewesen. „Diese Art von Missbrauch ist unentschuldbar und absolut erschütternd“, sagte Lawrence, die 2012 einen Oscar für „Silver Linings“ gewann, der von der Weinstein Company produziert wurde.

Weinstein Company lässt Namen entfernen

Nach den Belästigungsvorwürfen zieht auch Weinsteins Produktionsfirma Konsequenzen. Laut Medienberichten soll die Weinstein Company bereits nach einem neuen Namen für die Firma suchen, dieser könnte den bisherigen schon demnächst ersetzen. Der Name Weinstein habe unwiderruflichen Schaden genommen, sagte ein Brancheninsider.

Auch aus bereits laufenden Produktionen könnte der Name Weinstein verschwinden. Der Name wird etwa in den Serien „Project Runway“, „Waco“ und „Yellowstone“ nicht mehr erscheinen, berichtete das Magazin „Variety“. Computerhersteller Apple plante eine Serie zu Elvis Presley, die bei der Weinstein Company in Auftrag gegeben werden sollte, diese Pläne verwarf das Unternehmen jedoch nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe.

„New York Times“ machte Vorwürfe publik

Nachforschungen der „NYT“ zufolge soll der einflussreiche Produzent jahrzehntelang junge Talente und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und mit Abfindungen zum Schweigen gebracht haben. Der Tycoon soll Frauen versprochen haben, ihnen im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten bei ihrer Filmkarriere zu helfen. Unter den mutmaßlichen Opfern sind die bekannten Schauspielerinnen Ashley Judd und Rose McGowan. Manche Vorfälle reichen laut „NYT“ fast drei Jahrzehnte zurück. Mit mindestens acht Frauen habe sich Weinstein außergerichtlich geeinigt.

Mit der Britin Romola Garai warf am Dienstag eine weitere Schauspielerin dem Hollywood-Produzenten sexuelle Belästigung vor. „Wie jede andere Frau in der Branche hatte ich ein ‚Vorsprechen‘ bei Harvey Weinstein“, sagte sie. Der Produzent habe sie in seinem Hotelzimmer im Bademantel empfangen. Garai, die insbesondere aus der Literaturverfilmung „Abbitte“ bekannt ist, schilderte dem britischen „Guardian“: „Ich war erst 18. Ich habe mich dadurch vergewaltigt gefühlt“.

Im Hotelzimmer habe Weinstein ein kurzes Gespräch mit ihr über das anstehende Filmprojekt geführt, und dabei habe sie sich durch seinen „Machtmissbrauch“ herabgesetzt gefühlt. Sie habe jetzt erst ihr Schweigen gebrochen, weil vorher die Vertreter der Filmbranche „schockiert“ gewesen wären, „dass ich überhaupt dachte, dass das ein Problem ist“.

Hollywood-Mogul Harvey Weinstein und Georgina Chapman bei den Academy Awards

AP/STAR MAX/Galaxy

Harvey Weinstein gemeinsam mit seiner Frau, der Modedesignerin Georgina Chapman

Produktionsfirma mit Bruder gegründet

Am Sonntag erhielt der 65-Jährige von seinem Filmstudio The Weinstein Company, das er zusammen mit seinem Bruder Bob gegründet hatte, die Entlassung. Gemeinsam produzierten sie 2010 das mit einem Oscar ausgezeichnete Drama „The King’s Speech“. Beide hatten auch das US-Filmstudio Miramax gegründet, das sie später verkauften und das Erfolgsfilme wie „Pulp Fiction“, „The English Patient“ und „No Country for Old Men“ produzierte.

Weinstein hatte auf die Vorwürfe mit einer bizarren Stellungnahme an die „NYT“ reagiert. Er sei in den 1960er und 1970er Jahren aufgewachsen, in denen die Verhaltensregeln und das Arbeitsumfeld anders gewesen seien. „Das war die Kultur damals.“ Auch wenn er versuche, sich zu bessern, wisse er, dass das ein langer Weg sei. Er wolle daher nun eine Auszeit nehmen und sich „in erster Linie um dieses Problem kümmern“. Er habe bereits Therapeuten.

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