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Ambivalenter Symbolcharakter

Nicht einmal drei Jahre war John F. Kennedy Präsident der USA, angelobt am 20. Jänner 1961, erschossen am 22. November 1963. Ungeachtet vieler nachträglicher Relativierungen ist er bis heute ein amerikanischer Mythos geblieben.

Trotz seiner kurzen Amtszeit gilt JFK - wie Kennedy aufgrund seiner Initialen auch genannt wurde - als einer der einflussreichsten und populärsten Präsidenten der USA - obschon sein realpolitisches Vermächtnis ambivalent blieb.

Große Erwartungen

„Meine amerikanischen Mitbürger, fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt!“ Mit diesem Zitat-Evergreen legte Kennedy 1961 den Amtseid als 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ab.

Nicht nur seine Landsleute, die ganze Welt setzte große Erwartungen in den demokratischen Senator aus Massachusetts, der seinen republikanischen Gegner Richard Nixon nur um die Haaresbreite geschlagen hatte. Dass der 70-jährige Dwight D. Eisenhower, der bis dahin älteste US-Präsident, von einem 43-Jährigen abgelöst wurde, galt vielen als Symbol der politischen Erneuerung.

Stilikone „Jackie“ Kennedy

Als zweites von neun Kindern des Unternehmers und Diplomaten Joseph P. Kennedy und dessen Frau Rose am 29. Mai 1917 in Brookline, Massachusetts, geboren, war der kleine John Fitzgerald in sehr wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen. Nach der Highschool studierte „Jack“ in Harvard Politikwissenschaft, während des Zweiten Weltkrieges war er Offizier in der US-Marine. 1945 trat Kennedy den Demokraten bei und wurde 1946 ins US-Repräsentantenhaus gewählt, 1952 zog er für Massachusetts in den Senat ein. Ab 1960 war er Führer des liberalen Flügels der Demokratischen Partei.

Witwe Jacqueline Kennedy mit den beiden Kindern Caroline und John Jr. samt den Kennedy-Brüdern

AP

Jacqueline Kennedy nach dem Tod ihres Mannes mit den beiden Kindern Caroline und John Jr. samt den Kennedy-Brüdern

1953 heiratete Kennedy Jacqueline Lee Bouvier, „Jackie“, die an seiner Seite zur Stilikone der 60er Jahre, aber auch zur stillen Dulderin seiner sexuellen Eskapaden werden sollte. 1957 erhielt Kennedy den Pulitzer-Preis für sein Buch „Profiles in Courage“ (zu Deutsch „Zivilcourage“) - eine biografische Skizze von politischen Persönlichkeiten mit Zivilcourage.

Wenige realpolitische Erfolge

Der Präsidentschaftswahlkampf gegen Nixon fand zum ersten Mal in der Geschichte zum Gutteil im Fernsehen statt, für das Kennedy mit seinem selbstsicheren und überzeugenden Auftreten wie geboren schien. Verborgen blieb, dass er bereits damals fast den gesamten Wahlkampf auf Krücken überstehen musste: Er litt bereits nach seinem Kriegsdienst an dramatischen Schmerzen im Rücken und musste mehrere Operationen an der Wirbelsäule über sich ergehen lassen, die aber kaum Besserung brachten.

Der 1963 abgeschlossene „Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser“ mit der Sowjetunion zählt zu den wenigen „handfesten“ Hinterlassenschaften Kennedys. Obschon reformwillig, blieb er allzu oft im Wollen stecken.

Zwar hatten seine Demokraten die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses, aber seit den trägen 50er Jahren der Eisenhower-Ära war deren konservativer Flügel eher geneigt, mit den Republikanern zu paktieren, als „radikale“ Reformen des eigenen Präsidenten zu unterstützen. So brachte Kennedy zwar die Reformen gegen die Rassendiskriminierung auf den Weg, das Bürgerrechtsgesetz, das die Rassentrennung in den USA schließlich aufhob, konnte aber erst sein Nachfolger Lyndon B. Johnson unterzeichnen.

„Ich bin ein Berliner!“

Außenpolitisch bot Kennedy in Wien dem aggressiv auftretenden russischen Staatschef Nikita Chruschtschow Paroli, er leistete seinen Beitrag zur Abwendung eines Dritten Weltkriegs, als er in der Kuba-Krise gegen die „Falken“ in seiner eigenen Regierung auf Verhandlungen setzte - aber zuvor hatte er mit seiner Zustimmung zu dem desaströs gescheiterten Invasionsversuch in der Schweinebucht nicht nur dem jungen Castro-Regime und dessen „großen Bruder“ in Moskau in die Hände gespielt, sondern auch der Anti-US-Stimmung in Lateinamerika neuen Brennstoff gegeben.

Als 1961 in Berlin die Mauer hochgezogen wurde, versicherte Kennedy den Deutschen zwar seine Solidarität, die offene Konfrontation mit der Sowjetunion wollte er, auch eingedenk der offenen Atomkriegsdrohungen Chruschtschows in Wien, aber nicht riskieren. Zwei Jahre später ließ sich Kennedy von den Berlinern feiern - und prägte seinen zweiten legendären Satz: „Alle freien Menschen, wo immer sie auch leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner!“

Manisches Sexleben und Medikamentensucht

Als Kennedys größter Sündenfall gilt der Vietnam-Krieg: Obgleich erst Johnson US-Kampftruppen nach Vietnam schickte, war es Kennedy gewesen, der die CIA und Spezialeinheiten sowie Tausende US-„Militärbeobachter“ im Einsatz gegen die Vietcong-Kämpfer von der Leine ließ - und schließlich auch den Einsatz von Napalm genehmigte. Mehr als 58.000 US-Soldaten sollten im Vietnam-Krieg ihr Leben lassen, die sozialen Spätfolgen belasten das Land noch heute.

Ungeachtet aller Kratzer, die sein Image im Lauf der über die Jahrzehnte einsickernden Details über die dunklen Facetten seines Lebens - von seiner Krankheit und daraus resultierender Medikamentensucht bis zur manischen Auslebung seines Sexualtriebs - bekommen hat, bleibt John F. Kennedy bis heute der beliebteste aller ehemaligen US-Präsidenten. Und das weniger aufgrund seines politischen Vermächtnisses: Gemeinsam mit seiner Frau Jackie personifizierte er den „wind of change“, wie Kennedy selbst den Glauben an den Einzug einer neuen Zeit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bezeichnete. Beides nachhaltig zu verwirklichen war ihm nicht vergönnt.

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