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Wie die Revolution zur Party wurde

Im sibirischen Krasnojarsk wird des 100. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution gedacht - und ordentlich gefeiert. Das Österreichische Kulturforum hat gemeinsam mit dem letzten noch zu Sowjetzeiten gegründeten Lenin-Museum eine Ausstellung und eine Party organisiert, die den Revolutionsführer im Grab rotieren lassen dürften.

Wasilija hilft als Freiwillige mit bei der Museumsnacht in Krasnojarsk, am Fuße des Südsibirischen Gebirges. Sie spricht perfekt Englisch, ist gegenüber Fremden offen, wird nächstes Jahr die Matura machen. Was sie studieren wird, weiß sie noch nicht, sie interessiert sich für vieles. Unter anderem für Geschichte, speziell für Lenin, wie sie im Taxi erzählt, das gerade durch die Karl-Marx-Straße fährt. Dass Lenin im Unterricht kaum erwähnt wird, tut ihr leid - nicht, weil sie dem Kommunismus nachweint, sondern weil sie meint, ohne Verständnis der Vergangenheit könne man die Zukunft nicht gestalten.

Die Karl Marx Straße in Krasnojarsk

ORF.at/Simon Hadler

Das ungeliebte Sowjeterbe: Heruntergekommene Plattenbauten in der Karl-Marx-Straße in Krasnojarsk

Es ist kompliziert

Der Beziehungsstatus zwischen der Regierung von Wladimir Putin und der Sowjetunion: Es ist kompliziert. Das Revolutionsjubiläum wird weitgehend ignoriert, wie Irina Scherbakowa, russische Expertin für Vergangenheitsbewältigung und Gründerin der NGO Memorial, im Gespräch mit ORF.at sagt. Der Gedanke an Revolution soll gar nicht erst aufkommen, da könnten subversive Subjekte noch auf blöde Ideen kommen.

Zusammengefasst: Die Sowjetunion war super, weil sie ein russisches Großreich konsolidiert hat; gleichzeitig werden die Verbrechen der Sowjets verurteilt, auf Expertenebene untersucht und in intellektuellen Kreisen mit Sanktus des Staates diskutiert. Aber offiziell werden die Schuldigen nicht benannt. Stalin gilt als Held des „Großen Vaterländischen Krieges“ gegen die Nazis.

Lenin-Statue

ORF.at/Simon Hadler

Im letzten noch existierenden Lenin-Museum aus Sowjetzeiten muss der Revolutionsführer heute im Winkerl stehen

In Sibirien ticken die Uhren anders

Und während international viel Wind um den Jahrestag der Revolution gemacht wird, zeigt sich der Kreml desinteressiert und kommentiert höchstens launig den „Schnee von gestern“. Draußen, in der Peripherie, in Sibirien, ist das anders. Dort kommt beides zusammen, was in Moskau nicht gerne gesehen wird: die Revolution von damals und die Revolte einer jungen Generation von heute. In Krasnojarsk ist vieles möglich, was in Moskau nicht mehr geht.

Victor Sachivko (2017), Serie von Gemälden zur russischen Geschichte

ORF.at/Simon Hadler

Ölschinken zu den Revolten von einst und jetzt: Kolchosenbauern und Pussy Riot

So blieb dort das letzte in Sowjetzeiten gegründete Lenin-Museum erhalten, nicht zuletzt durch einen Trick. Um in den 90er Jahren nicht - wie ähnliche Institutionen im Rest des Landes - auf der Müllhalde der verdrängten Geschichte zu landen, taufte man das Haus in „Museum Zentrum“ um, erhielt den Originalbestand und ergänzte ihn um kritische zeitgenössische Positionen. Der künstlerische Leiter des Museums, Sergej Kowalewski, betont bei jeder Gelegenheit, wie wichtig das Zusammenspiel von beidem ist.

Die Bolschewiki anrennen lassen

Gleich in der Eingangshalle befindet sich eine große Installation von mehreren Bolschewiki, die gegen imaginäre „Weiße“ anstürmen. Allerdings hat ihnen das Museum eine Wand vor den Latz geknallt: Die Revolutionäre von 1917 rennen heute schnurstracks in die Mauer. Ähnlich verhält es sich mit der großen, weißen Lenin-Statue. Sie durfte bleiben, muss aber im Winkerl stehen - mit Blick in die Ecke.

Es blieb auch der ganze sowjetische Lenin-Kitsch, aber eben nicht unkommentiert. Klargemacht wird, dass es sich bei der „Revolution“ um keinen Volksaufstand von unten, sondern um einen Putsch handelte, dass Lenin sofort auf Zensur setzte, dass die ganze kommunistische Revolution bereits im Keim denkbar antidemokratisch war. Auch die Korruption wird angedeutet, indem man Geschenke ausstellt, die Provinzkaisern von Ölfirmen gemacht wurden: kitschige, vergoldete Spieluhren mit Bohrhämmern und Bohrtürmen.

Arnold Veber: "The rural enlightenment" (2017)

ORF.at/Simon Hadler

Der russische Fotograf Arnold Veber fotografierte Jugendliche in sibirischen Dörfern

Auf der Suche nach großen Geschichten

Zur aktuellen Kunst gibt es im Museum Zentrum alle zwei Jahre eine Biennale, die älteste Russlands. Diesmal hat die Ausstellung das Österreichische Kulturforum in Moskau organisiert. Kulturattache Simon Mraz sucht immer nach solchen Orten da draußen, wo sich Geschichten erzählen lassen, die noch niemand kennt, die aber im Kleinen auf überraschende Weise viel über das große Ganze erzählen. Längst ist die internationale Presse auf ihn aufmerksam geworden, von der „Washington Post“ und der „New York Times“ über das „Art Magazine“ bis hin zu „Die Welt“ und „Die Zeit“.

Es sind Momente der geballten Energie und der Erkenntnis, die er schafft, irgendwo zwischen Murmansk, dem äußersten Osten der Sowjetunion in einer jüdischen Gegend, oder eben jetzt in Krasnojarsk. Und die geballte Energie entlud sich bei der Museumsnacht. 2.500 enthusiastische, hauptsächlich junge Menschen aus Krasnojarsk gingen interessiert durch die Ausstellungen - und dann folgte die Eruption, das Erdbeben, ein Punk-Konzert der Sonderklasse, ebenfalls von Mraz organisiert.

Der Lenin Platz in Krasnojarsk

ORF.at/Simon Hadler

Lenin vor dem Sitz der sibirischen Regionalregierung

Die Eruption

Auf der Bühne stand eine eigens gegründete Punk-Formation: Florian Reiter von der österreichischen Künstlergruppe Gelitin und Oleg Eliseew von der Moskauer Kunst- und Aktionistengruppe Elikuka plus ein weiterer Elikuka-Kollege an der Gitarre, ein Isländer am Bass und ein Moskauer Freund aller an den Drums. Zwei Tage lang wurden Songs geschrieben und geprobt. Das muss reichen - es ist Punk.

Ausstellungshinweis

„Mir - Das Dorf und die Welt“, Museum Zentrum von Krasnojarsk in Sibirien, bis 28. Februar

Man muss sich das so vorstellen: Auf der Bühne springt Reiter meterhoch wie ein wild gewordener Gummiball, er und Eliseew brüllen sich die Seele aus dem Leib („Propaganda! Propaganda! Propaganda!“), die Musiker dreschen auf ihre Instrumente ein und beklettern einander. Alles so, dass man sich ständig fragt: orchestrierte Eskalation im Sinne des Aktionismus oder spontane Eskalation im Sinne des Punk? Gewitzter Kommentar oder Vorboten einer neuen Revolte? Und das alles am 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Museumsbesucher staunten und jubelten.

Die Revolutionsparty

Krasnojarsk: Lenin dreht sich im Grab um und wird ins Winkerl gestellt. Alles dreht sich ums Öl. Und schließlich: die Punk-Eruption zum Revolutionsjubiläum.

Zehntausende entvölkerte Dörfer

Das Konzert fügte sich gut in die Ausstellung ein. Fokus der Ausstellung ist das Dorf, nicht nur, aber vor allem auch in Hinblick auf das Erbe der Revolution, und vor allem auf Sibirien bezogen. Zehntausende russische Dörfer sind vollkommen entvölkert, weil in der Sowjetunion auf Industrie und große Kolchosen gesetzt wurde und gerade auch seit dem demokratischen Umsturz eine beispiellose Landflucht stattgefunden hat.

Elena Chernyshova: „Gone With the Faith“

Elena Chernyshova

Elena Tschernyschowa: „Gone With the Faith“ Jahrhundertelang wurden traditionelle Völker verfolgt, zuerst von der Orthodoxie, dann von den Sowjets. Sie zogen sich nach Sibirien zurück, wo sie bis heute ihre Traditionen wahren. Tschernyschowa hat ihre Dörfer fotografiert.

Aber es gab auch stets eine Bewegung in die Gegenrichtung. Outcasts besiedelten früher den Wald und heute die leeren Dörfer - Angehörige von Völkern, die in der Sowjetunion nicht einmal ihre Sprache sprechen durften, dazu Dissidenten und Künstler. Es ist folgerichtig, dass sich hier, in der Peripherie, vieles findet, was in Moskau so nicht möglich wäre. Etwa eine regionale Kulturministerin, die gemeinsam mit Mraz begeistert die Ausstellung eröffnet, in der ein direkter Zusammenhang von einst und jetzt hergestellt wird.

Club Fortuna: „Jawbreaker“ (2017)

Club Fortuna

Club Fortuna: „Jawbreaker“ (2017). Da renkt sich das Dorf die Kiefer aus: Ein Megagatschkuchen auf ruralem Tischtuch als Metapher für die Überforderung des ländlichen Raums durch den Einfall von Avantgardekünstlern.

Pussy Riot und Party machen in der Brache

Der Künstler Viktor Satschiwko hat Gemälde angefertigt, in denen die Revolutionen von 1917 und die Revolten von heute gezeigt werden. Bauern, die mühsam den Acker pflügten, Kolchosen, und dann Gemälde, die das „Punk-Gebet“ der Aktionistinnen von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche zeigen, und vom Künstleraktivisten Pjotr Pawlenski, wie er seinen Hodensack vor dem Kreml festnagelt.

Fotos verschiedener Künstler zeigen das Leben in der Provinz abseits der Propaganda, abseits vom Abfeiern des neuen Nationalstolzes Putin’scher Prägung und vor allem weit abseits vom behaupteten „Wirtschaftswunder“. Jugendliche, die herumhängen in der Brache an den Outskirts von Städten, die wild das Leben feiern und - zumindest auf den Fotos von Arnold Veber - wirken, als würden sie sich wenig um Konventionen kümmern. Etwas anders die Fotos von Olja Iwanowa, vor allem von jungen Frauen und Mädchen, die sich für den jährlichen „Dorftag“ herausputzen.

Danila Tkachenko: „Ritual“

Danila Tkachenko

Danila Tkatschenko: „Ritual“. Zehntausende Dörfer stehen in Russland wegen der Landflucht leer. Symbolisch trägt Tkatschenko eine Epoche zu Grabe, indem sie ein improvisiertes Dorf abbrennt. Auf in neue Zeiten mit der reinigenden Kraft des Feuers.

Vom Abbrennen der Geisterdörfer

Dörfer weitab vom Rest Russlands, wo traditionelle Völker Unterschlupf gefunden haben, zeigt Elena Tschernyschowa. Danila Tkatschenko hat verlassene Dörfer besucht und weist radikal darauf hin, dass die Häuser heute niemandem gehören: Ein großformatiges Foto zeigt, wie sie ein ganzes Dorf abgefackelt hat. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Die Gruppe „The Blue Noses“ wiederum thematisiert mit ihrer Kunst, wie schwer es ist, den Erwartungshaltungen des internationalen Kunstbetriebes gerecht zu werden. Endlich musste man sich nicht mehr mit Sowjetthemen befassen, konnte den sozialistischen Realismus über Bord werfen. Aber keiner interessierte sich für internationale Kunst aus Russland, schon gar nicht aus Sibirien. Russisch sollte es sein und erkennbar postkommunistisch. Man sieht die beiden Mitglieder der „Blue Noses“ mit Rauschebärten und Bärenfellmütze, wie sie mit Hammer (aber ohne Sichel) auf ein modernes Werbeplakat eindreschen - im Kampf gegen den Kapitalismus.

Speisekarte eines Hipster-Cafes samt Sowektkitsch in Krasnojarsk

ORF.at/Simon Hadler

Die sowjetische „Prawda“ dient samt Lenin-Konterfei heute nur noch als Speisekarte in einem Krasnojarsker Hipster-Cafe

Lenin als gefürchtete Lachnummer

Stundenlang kann man sich verlieren im Museum Zentrum, von den zahlreichen Kunstwerken (auch zahlreicher österreichischer Künstlerinnen und Künstler), die eigens für die Ausstellung angefertigt wurden, bis hin zu zum Revolutionskitsch der Sowjetära. Auch im Stadtraum von Krasnojarsk finden sich allerorten Spuren des Zeitenwandels. Das Gebäude der Regionalregierung etwa befindet sich auf einem Platz, in dessen Mitte ein überdimensionaler Lenin thront.

Revolutionskitsch ist auch zum ironischen Spielzeug einer neuen Generation an Hipstern geworden, die von Moskau bis Sibirien coole Cafes aufmachen, die so auch in Berlin, New York und Wien zu finden sind. Da gibt es dann etwa in Krasnojarsk eine Speisekarte mit Borschtsch, Elch-Pelmeni und Co., die wie eine Zeitung aufgemacht ist: „Prawda“, das alte Zentralorgan der kommunistischen Bonzen, samt Lenin-Konterfei. So findet Lenin in die neue Zeit: als gefürchtete Lachnummer.

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