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Frauen rechnen mit Belästigung

Sexuelle Belästigung ist auch in Österreich an der Tagesordnung. Drei Viertel aller Frauen in Österreich wurden zumindest einmal sexuell belästigt, ein Drittel empfand die jeweilige Situation als bedrohlich. Die meisten Übergriffe finden im beruflichen Umfeld statt. Tatsächlich angezeigt wird aber nur selten.

74,2 Prozent aller Frauen und jeder vierte Mann (27,2 Prozent) wurden laut der Studie „Gewalt in der Familie und im sozialen Umfeld“ des Österreichischen Instituts für Familienforschung von 2011 zumindest einmal sexuell belästigt. Nur eine kleine Gruppe der befragten Frauen (7,4 Prozent) und Männer (14,7 Prozent) hat laut eigenen Aussagen noch nie einen Übergriff jedweder Art, egal ob in Kindheit oder Erwachsenenalter, erlebt. Dabei wurden zu Übergriffen auch kränkende Demütigungen, Einschüchterungen und Eifersuchtsszenen, also ohne sexuellen Hintergrund, gezählt.

Die häufigste Form der erlebten sexuellen Belästigung ist ein Zu-Nahe-Kommen. Das berichteten drei Viertel aller von Belästigung betroffenen Frauen und fast 60 Prozent der betroffenen Männer. Fast so oft als Belästigung wurde ein entsprechendes Ansprechen empfunden (60 Prozent der Frauen, 28,6 Prozent der Männer) sowie Nachpfeifen und Anstarren - wobei sich Männer von Letzterem deutlich seltener betroffen fühlten. Für die qualitative Prävalenzstudie, bei der auch Häufigkeiten erhoben wurden, wurden 2.334 Personen im persönlichen Gespräch sowie online tiefergehend befragt.

Nicht jede Belästigung wird gleich erlebt

Nicht jede und jeder Betroffene erlebt sexuelle Belästigung gleichermaßen als bedrohlich. Grundsätzlich empfand die Hälfte aller belästigten Frauen und Männer diese auch als bedrohlich. Es komme wohl auf die äußeren Umstände an, so Olaf Kapella, einer der Studienautoren: Ein Nachpfeifen auf einer belebten Einkaufsstraße werde anders empfunden als in einer dunklen Winternacht in einem abgelegenen Gebiet.

Beim Empfinden einer Bedrohung gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Männer fühlen sich mehr bedroht, wenn sie in sexueller Absicht verfolgt werden, Frauen hingegen, wenn sich jemand vor ihnen entblößt. Von beiden Geschlechtern als besonders bedrohlich wurde empfunden, dass es nachteilig für die Zukunft bzw. das berufliche Fortkommen sei, wenn man sich sexuell nicht einlässt.

Bedrohung steigt mit Ausweglosigkeit

Frauen rechnen laut den Antworten in der Studie offenbar damit, sexuell belästigt zu werden, sei es in Arbeitssituationen oder beim Fortgehen - oftmals werden entsprechende Avancen nicht als bedrohlich empfunden. Wird die Situation allerdings als ausweglos, nicht einschätzbar oder außer Kontrolle empfunden, ändert sich das Erleben schlagartig ins Negative. Besonders häufig werden Frauen laut Studie im Arbeitsumfeld sexuell belästigt. Das Repertoire reicht dabei von frauenfeindlichen Äußerungen über aufdringliche Angebote bis zu expliziter sexueller Gewalt.

Männer fühlen sich eher von Männern belästigt

Sexuelle Belästigung empfinden Männer laut Studie vor allem dann, wenn diese von Männern ausgeht, aber kaum von Frauen. Sie werden zudem laut einer Analyse für die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung etwa im Arbeitsumfeld vor allem von Männern sexuell belästigt. Laut den Angaben wurde die Hälfte der belästigten Männern von Männern belästigt, ein Viertel von Frauen und ein weiteres Viertel von gemischten Gruppen. Konstellationen, in denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind, seien vergleichsweise selten, heißt es.

Jede dritte Frau erlebt sexuelle Gewalt

Von der Belästigung ist es nicht weit zu sexueller Gewalt: Jede zehnte von sexueller Belästigung betroffene Frau gab an, dass die Belästigung auch zu körperlichen Übergriffen oder sexueller Gewalt geführt habe. Auch fünf Prozent der Männer haben das erlebt. Grundsätzlich gaben jede dritte Frau und etwa jeder elfte Mann an, sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Die häufigste Form war dabei die intime Berührung, bei welcher der oder die Betroffene explizit sagten, dass sie das nicht wollen.

Auch wenn sich die Zahl der Anzeigen in den vergangenen Jahren erhöht hat, wirklich zur Anzeige gebracht wird bei sexueller Gewalt offenbar nur ein Bruchteil der Fälle. In der Studie schilderten 58 Frauen und sieben Männer, dass sie zumindest eine körperliche Verletzung als Folge von sexueller Gewalt davongetragen haben. Nur acht Frauen erstatteten Anzeige, von den sieben befragten Männern gar keiner.

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