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Brandermittler im Einsatz

Die Explosion in der Gasstation Baumgarten in Niederösterreich am Dienstagvormittag ist nach ersten Erkenntnissen der Polizei auf technische Ursachen zurückzuführen. Brandermittler des Landeskriminalamts haben am Nachmittag ihre Arbeit am Unglücksort aufgenommen, teilte die Landespolizeidirektion Niederösterreich mit.

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Im Zuge der Explosion kam es zu einem Großbrand. "Wir haben mittlerweile ,Brand aus‘ geben können“, informierte Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner am späten Nachmittag. Nachlöscharbeiten dauerten aber weiter an. Zudem sollte eine Brandwache die gesamte Nacht auf Mittwoch aufrechtbleiben.

Die Wiederherstellung der regulären Gasversorgung nach der Explosion in Baumgarten wird nach Einschätzung der OMV „Tage, nicht Stunden“ dauern. Die Gasleitungen nach Italien, Deutschland und Ungarn wurden aber schon am Abend nacheinander wieder in Betrieb genommen. Die Gasversorgung Österreichs sei ohnehin nicht gefährdet, weil man auf gut gefüllte Gasspeicher zugreifen könne, heißt es aus der Regulierungsbehörde E-Control.

Luftaufnahme des Feuerballs in der Gasstation

APA/ÖAMTC

Die Explosion war viele Kilometer weit sichtbar

Feuer breitete sich rasch aus

Das Feuer hatte sechs Objekte erfasst, die zum Teil in Vollbrand gerieten. Die Ausdehnung der Explosion auf dem 17 Hektar großen Areal beschrieb Gas-Connect-Geschäftsführer Stefan Wagenhofer mit etwa 100 mal 100 Metern. Es handle sich um einen Bereich, wo es zuletzt eine Bautätigkeit gegeben habe. „Heute nicht“, fügte der Geschäftsführer hinzu.

Nachdem es am Vormittag teils widersprüchliche Angaben zu den Opferzahlen gab, ist die Lage später übersichtlicher geworden. Ein Mann wurde getötet, eine Person wurde schwer verletzt, 20 weitere leicht. Diese Zahlen nannte Sonja Kellner vom Roten Kreuz Niederösterreich. Nicht nur Österreicher wurden verletzt: Zu den Leichtverletzten zählen auch Mitarbeiter von Kontraktoren aus sechs weiteren Ländern, teilte das Unternehmen auf seiner Website mit.

Toter offenbar TÜV-Mitarbeiter

Bei dem Toten soll es sich laut einem „Kurier“-Bericht um einen Mitarbeiter des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) handeln. Die Landespolizeidirektion wollte das auf Anfrage nicht bestätigen. Der Verstorbene sei männlich, bezüglich der Identität müsse man einen DNA-Abgleich abwarten, so ein Sprecher. Laut „Kurier“ soll der 32-Jährige mit Überprüfungen am Gelände beschäftigt gewesen sein, als es zur Explosion kam. Bei den Verletzten handle es sich mehrheitlich um Gas-Connect-Mitarbeiter, sagte Unternehmenssprecher Andreas Rinofner.

Löscharbeiten in der Gasstation

APA/Robert Jäger

Die Brandbekämpfung dauerte mehrere Stunden

Kriseninterventionsteams am Unglücksort

Das durch Verbrennungen schwer verletzte Opfer wurde nach ÖAMTC-Angaben mit dem Rettungshubschrauber Christophorus 9 ins AKH Wien geflogen. Weitere Verletzte wurden in die Wiener Spitäler SMZ Ost und UKH Meidling sowie ins Landesklinikum Hainburg transportiert, teilte Kellner mit. Sie berichtete zudem, dass das Wohnhaus der Lebenshilfe in der Katastralgemeinde von Weiden an der March nach der Explosion evakuiert worden sei. Es habe sich um eine Maßnahme aus Sicherheitsgründen gehandelt. Etwa 50 Personen seien in der Folge von Kriseninterventionsteams (KIT) betreut worden.

Laut Rinofner wurde die Anlage nach der Explosion in einen Sicherheitsmodus geschaltet und evakuiert. Etwa 60 Personen seien zum Unfallzeitpunkt in der Station tätig gewesen. Der Sprecher bestätigte zu Mittag, dass Gas Connect von einem technischen Gebrechen als Ursache ausgehe.

Werner Fetz berichtet vom Unglücksort

ORF-Reporter Werner Fetz berichtet vom Unfallort Baumgarten und hat Informationen, ob die Gasversorgung durch die Explosion gefährdet ist.

Die Explosion hatte sich laut dem Sprecher im westlichen Bereich der Anlage ereignet. Bei dem Unternehmen herrsche große Betroffenheit, dass es trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen dazu gekommen sei. „Es ist in unserem eigenen Interesse, den Unfall höchst genau zu untersuchen“, sagte der Sprecher. Die Gasversorgung in Österreich sei durch Umleitungsverkehr sichergestellt, fügte er hinzu.

Verpuffung bei neuem Anlagebehälter?

Dem „Kurier“-Bericht zufolge ist am Montag ein neuer Anlagebehälter in Betrieb genommen und mit sechs Bar Druck begast worden. Nachdem am Dienstag kein Druckverlust bemerkbar gewesen sei, sollte er in Vollbetrieb übernommen werden - das sollte vom TÜV überprüft werden. In diesem Bereich soll es zu einer Verpuffung gekommen sein. Die Erhebungen der Brandermittler werden morgen in der Früh fortgesetzt, sagte Sprecher Heinz Holub von der Landespolizeidirektion Niederösterreich.

Italien muss auf Reserven zurückgreifen

Italien erklärte hingegen den Notstand bei der Energieversorgung. Italiens Gasnetz-Betreiber SNAM, der neben dem Versicherungskonzern Allianz ebenfalls an GasConnect beteiligt ist, hofft auf eine rasche Rückkehr zur Normalität. „Auf Grundlage der vorliegenden Informationen könnte die Versorgung heute noch zurückkommen, wenn die ersten Einschätzungen über den Schaden bestätigt sind“.

Geschmolzene Rückseite eines Autos

APA/Einsatzreport

Die enorme Hitze der Explosion verursachte schwere Schäden an auf dem angrenzenden Parkplatz stehenden Autos

Es sei jedoch nicht mit Engpässen bei der Gasversorgung zu rechnen, da Italien auf Reserven zurückgreifen könne, hieß es in einer Presseerklärung des Wirtschaftsministeriums. Die Lage sei unter Kontrolle. Die Sicherheit des italienischen Gasversorgungssystems sei mit Reserven garantiert, betonte auch SNAM. Auch die Gaslieferungen nach Slowenien sind beeinträchtigt, berichtet die slowenische Nachrichtenagentur STA. Der Netzbetreiber Plonovodi erklärte, dass man eine ungestörte Versorgung am slowenischen Gasmarkt sicherstellen wolle.

Landesregierung ließ Einsatzstäbe einrichten

Laut Landesregierung wurden Einsatzstäbe eingerichtet. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) zeigte sich tief betroffen. Sie stehe in ständigem Kontakt mit den Einsatzkräften. Am Nachmittag machte sie sich selbst ein Bild von der Lage und sprach im Anschluss in einer Pressekonferenz von einer herausfordernden und dramatischen Situation.

PK nach Explosion in Baumgarten mit Johanna Mikl-Leitner

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) besuchte den Unglücksort und sprach im Anschluss von einer herausfordernden und dramatischen Situation, die in der Früh zu bewältigen gewesen sei.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen drückte auf Facebook seine Anteilnahme aus: „Meine Gedanken sind bei der Familie, den Freunden und Arbeitskollegen des Mannes, der heute im Marchfeld ums Leben gekommen ist. Meine aufrichtige Anteilnahme sowie viel Kraft für die schweren Stunden der Trauer“.

Wichtiger Gashub für Europa

Die Polizei bat, den Raum um Baumgarten und Marchegg zu meiden. Die Gasstation Baumgarten ist Österreichs größtes Verteilerzentrum für Erdgasimporte aus Russland und Norwegen. Mit einer Jahreskapazität von 40 Milliarden Kubikmeter zählt sie zudem zu den wichtigsten Gasdrehscheiben Mitteleuropas, über sie wird vor allem Norditalien und Süddeutschland mit Erdgas versorgt.

„Die benachbarten Fernleitungsbetreiber wurden umgehend informiert, damit rechtzeitig Maßnahmen eingeleitet werden können“, hieß es seitens des Unternehmens. In Österreich wird vor allem der Osten via Baumgarten versorgt. Die Unternehmen der EAA Gruppe - Energie Burgenland, EVN und Wien Energie - haben nach eigenen Angaben aber vorsorglich „große Mengen Erdgas für ihre Kunden in leistungsfähigen Speichern gelagert“.

„Über die sogenannte Westschiene, eine leistungsstarke Transportleitung von den Gasspeichern in Oberösterreich in den Osten, kann Erdgas zu den Kunden in Ostösterreich transportiert werden“, versicherte die Allianz in einer Aussendung.

Baumgarten ist Gasknotenpunkt Europas

Die Gasstation in Baumgarten in Niederösterreich ist eine der wichtigsten Gasknotenpunkte Europas. 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas laufen jährlich über den Standort.

Transitpipelines wie die Trans-Austria-Gasleitung (TAG), die West-Austria-Gasleitung (WAG) und die Hungaria-Austria-Gasleitung (HAG) haben hier ihren Ausgangspunkt. Das Verteilerleitungsnetz in Österreich erstreckt sich über nahezu 40.000 Kilometer. Die Anlage entstand 1959 aus der ursprünglichen Förderstation des Gasfeldes Zwerndorf im niederösterreichischen Marchfeld.

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