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Von Knittelfeld zu Regierungscomeback

Lange hat es gebraucht, aber jetzt hat es Österreichs längst dienender Parteichef doch in die Regierung geschafft. Heinz-Christian Strache wird Vizekanzler, eine erstaunliche Karriere für den ehemaligen Zahntechniker, der in jungen Jahren ganz am rechten Rand angesiedelt war. Doch der FPÖ-Obmann hat in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Ebenen Lernfähigkeit bewiesen.

Ein wenig paradox ist, dass Strache wohl vor allem deshalb der Einzug ins Vizekanzleramt gelingt, weil er bei der Nationalratswahl nicht jenen Sieg eingefahren hatte, der ihm vor ein, zwei Jahren noch sicher schien. Denn einen FPÖ-Chef zum Kanzler hätten wohl weder ÖVP noch SPÖ gekrönt.

Am Papier mag der dritte Platz für die Freiheitlichen beim Urnengang am 15. Oktober ein wenig enttäuschend ausgesehen haben. Doch war das Ergebnis gut genug, um mit Selbstbewusstsein in Koalitionsverhandlungen einzutreten, umso mehr, als sich mit der SPÖ für die Blauen eine neue Alternative aufgetan hatte. Strache und sein Umfeld nutzten das geschickt, um sowohl inhaltlich als auch vor allem personell einiges mehr herauszuholen, als ihnen so mancher zugetraut hatte.

Einlenken bei Europa und CETA

Freilich muss die Partei und damit ihr Chef auch einiges an Kreide speisen. Bekenntnisse zur EU gehörten bisher nicht unbedingt zu Straches Kanon, der ganz im Gegenteil seine Freiheitlichen in die europakritische Fraktion „Europa der Nationen und der Freiheit“ unter anderem mit der französischen Rechtsextremen Marine Le Pen geführt hatte.

Auch den Widerstand gegen das Handelsabkommen CETA musste Strache einbremsen, um die Stornierung des allgemeinen Rauchverbots in der Gastronomie zu erreichen. Das Ende der Kammerpflichtmitgliedschaft haben die Freiheitlichen ebenfalls nicht durchgebracht.

Jörg Haider und Heinz-Christian Strache 2008

APA/ORF/Milenko Badzic

2008, hier nach einem ORF-TV-Duell, waren Haider und Strache längst politische Gegner

Zwölf Jahre in Opposition

Letztlich war der Wunsch Straches, nach zwölf kraftraubenden Oppositionsjahren auch einmal ans Gestalten zu gehen, wohl größer, als bei der Umsetzung eigener Forderungen allzu kleinlich zu sein. Dass der für ausländerfeindliche Politik bekannte Strache für Regierungsfähigkeit nicht nur Inhalte opfern muss, war dem früher manchmal jähzornigen Endvierziger in den vergangenen Jahren klar geworden.

Sein Auftreten in den letzten Wahlkämpfen war deutlich gemäßigter als in jungen Jahren. Rhetorisch legte der FPÖ-Chef deutlich zu. Strache brillierte in den Duellen mit ÖVP-Obmann Sebastian Kurz und Noch-Kanzler Christian Kern zwar nicht, er fiel jedoch auch nicht ab. Selbst langjährigen FPÖ-Kritikern wie Bundespräsident Alexander Van der Bellen lieferte Strache keine Ausrede, ihn als Vizekanzler zu verhindern.

Wehrsportübungen im rechten Milieu

Dabei ist die Vergangenheit des FPÖ-Chefs nicht unproblematisch. In jungen Jahren dockte Strache, der von seiner Mutter alleine großgezogen wurde und ein Internat besuchte, am ganz rechten Rand der Republik an. Im Haus von NDP-Gründer Norbert Burger ging Strache, der mit dessen Tochter liiert war, ein und aus. Fotos von Waldspielen belegten, dass der heutige FPÖ-Chef früher zumindest wehrsportübungsähnlichen Beschäftigungen nachging. Auch den eigenen Reihen war der vormals jüngste Bezirksrat Wiens (im Bezirk Landstraße) nicht ganz geheuer, schon gar nicht Jörg Haider.

Der langjährige Obmann der Freiheitlichen hatte Straches Aufstieg mit Argusaugen verfolgt. Auch wenn Strache beim von Haider orchestrierten legendären Delegiertentreffen von Knittelfeld, das Schwarz-Blau I zu einem zwischenzeitlichen Ende brachte, dabei war, trennten sich die Wege der beiden Alphatiere alsbald.

Als Haider 2005 das BZÖ gründete und den Großteil der Parteiprominenz mitnahm, stand Strache früher und in anderen Umständen als gewollt im Rampenlicht. Gerade erst zum Wiener FPÖ-Chef gekürt, war der junge Mann der letzte Strohhalm, an den sich das verbliebene Häufchen klammerte.

Heinz-Christian Strache und Herbert Kickl 2013

ORF.at/Zita Klimek

Herbert Kickl ist einer der engsten politischen Weggefährten Straches

FPÖ stabilisiert

Während viele den Freiheitlichen den Untergang voraussagten, schaffte es Burschenschafter Strache mit einer kleinen Gruppe Vertrauter die FPÖ zu stabilisieren, während das BZÖ unaufhaltsam seinem Ende entgegenschritt. Nahezu bei allen Wahlen auf Bundes- und Landesebene konnte die FPÖ seit Beginn von Straches Obmannschaft zulegen, auch wenn es immer wieder für ihn lästige Konkurrenz aus dem eigenen Lager gab. Am höchsten ging es in Wien, wo Russland-Freund Strache vor zwei Jahren zwar das Duell mit Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) klar verlor, aber doch beachtliche 30,8 Prozent einstreifte.

Der FPÖ-Chef schonte sich bei seinem mühseligen Karriereweg nicht - Discotouren gehörten über viele Jahre zu Straches Standardrepertoire. Diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Speziell seit er mit Moderatorin Philippa verheiratet ist, gibt der Vater von zwei Kindern aus einer früheren Ehe lieber den Romantiker und lebt ein mehr oder weniger gemütliches Vorstadtleben ohne allzu viel Blitzlichtgewitter.

Überhaupt ist Strache entgegen seinem lange gepflegten Image kein „wilder Hund“. In der eigenen Partei gilt er sogar als harmoniesüchtig. Das hielt ihn und seine Getreuen wie Generalsekretär Herbert Kickl oder Norbert Hofer freilich nicht ab, in den vergangenen Jahren parteiinterne Kritiker wie Ewald Stadler oder Karl Schnell rasch abzumontieren, wenn sie lästig zu werden drohten.

Geeintes FPÖ-Team

Derzeit führt der talentierte Ex-Kicker Strache ein geeintes Team an, nicht die schlechteste Voraussetzung für eine Regierungstätigkeit, die ob des Rollenwechsels bei Wahlen auch den ein oder anderen Rückschlag bringen könnte. Sollte es in der Regierung gut laufen, ist nicht auszuschließen, dass Strache gestützt auf die ÖVP 2020 noch einmal einen Versuch starten könnte, den Posten des Wiener Bürgermeisters zu erklimmen.

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